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Viele Orte unvorbereitet

„Es kann um Leib und Leben gehen“: Die Angst vor einer Sturzflut in der Region

Götting traf es bei den Unwettern im vergangenen Jahr besonders hart.
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Götting traf es bei den Unwettern im vergangenen Jahr besonders hart.
  • Carina Zimniok
    VonCarina Zimniok
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Die Schadenbilanzen der Versicherungen zeigen einen Trend: Schwere Gewitter werden auch in Bayern häufiger und verursachen höhere Schäden. Nur wenige Kommunen haben darauf bislang reagiert, kritisieren Wissenschaftler.

München – Als Wolfgang Günthert, 73, ehemaliger Professor und Experte für Starkregen und Sturzfluten, sein flaches Garagendach bepflanzt hat, hat ihn seine Frau geschimpft. In der Regentonne im Garten in Nymphenburg war nämlich jetzt viel weniger Wasser als vorher. Aber genau darum ging es Günthert: Regenwasser soll versickern und nicht in Sturzbächen vom Dach schießen.

Es ist eine klitzekleine Maßnahme gegen Überschwemmung, aber Günthert, der an der Universität der Bundeswehr in Neubiberg gelehrt hat, sagt: „Auch Kleinvieh macht Mist.“ Weil der urbane Raum immer stärker versiegelt wird, nimmt auch die Gefahr von vollgelaufenen Kellern, Senken und Unterführungen zu. München zum Beispiel ist zu 47 Prozent versiegelt. Regnet es stark, kommt es zu Überflutungen. Es passieren Katastrophen wie im Ahrtal oder in Simbach am Inn mit Milliardenschäden und Todesopfern.

Weil es durch den Klimawandel immer häufiger zu solchen extremen Niederschlägen kommt, hat die „Initiative Verantwortung Wasser und Umwelt“ (maßgeblich vom Bundesverband Baustoff-Fachhandel finanziert) am Montag mit Günthert und Entwässerungsexperte Theo Schmitt von der TU Kaiserslautern Alarm geschlagen: Deutschlands Kommunen seien zu schlecht auf Sturzfluten nach Gewittern vorbereitet. Und die könnten auch weitab von Gewässern auftreten. Schmitt sagt: „Es kann um Leib und Leben gehen.“

Fahrer ertrinkt auf B23

Ein aktuelles Beispiel aus der Region: Anfang Mai regnete es in Saulgrub, Kreis Garmisch-Partenkirchen, so stark, dass eine Unterführung auf der B23 innerhalb von Sekunden mit Wasser volllief – der Fahrer eines Lieferwagens ertrank in den Fluten. Dabei gibt es an der Unterführung sogar eine Ampel, die je nach Wasserstand auf Rot schaltet. Laut Christoph Prause vom zuständigen Staatlichen Bauamt Weilheim haben die Sensoren auch funktioniert. Warum der Mann dennoch ertrank, ermittelt die Kripo.

Nicht selten kommt es laut Schmitt auch in Einfamilienhäusern zu Todesopfern: Viele Hausbesitzer gehen bei einer drohenden Überflutung noch kurz in den Keller, um den Strom abzuschalten oder Wertsachen zu retten, und unterschätzen, wie schnell das Untergeschoss mit Wasser vollläuft. Er fordert eine bessere Information und Katastrophenübungen schon in Kindergärten und Schulen.

„Die Kommunen könnten viel mehr machen“

Die Studie identifiziert mehrere Schwachstellen: Zum einen gebe es keine „Starkregenrisikokarten“, mit deren Hilfe sich die Bürger über potenzielle Gefahren in ihrem Wohngebiet informieren könnten, um Schutzmaßnahmen zu ergreifen. „Die Kommunen können viel mehr tun“, sagt Günthert. Zum anderen gebe es auch keine Warnsysteme.

Die Kritik will Wilfried Schober vom Bayerischen Gemeindetag nicht ganz auf den Kommunen sitzen lassen. In gefährdeten Gebieten sei die Sensibilität durchaus vorhanden. Und doch gibt er zu: „Was die Warnsysteme angeht, sieht es zappenduster aus.“ Hintergrund ist, dass Sirenen nach und nach abgebaut wurden. Dass die bei Katastrophen fehlen, hat der Bund bereits gemerkt – anders als geplant, nutzen nämlich viel zu wenige Bürger die Warn-Apps fürs Handy. Deshalb gibt es ein Sonderprogramm: für neue Sirenen. „Aber das ist hoffnungslos unterfinanziert“, sagt Schober. Mit den Fördergeldern könnte der Bezirk Oberbayern in nur sechs Gemeinden je zehn Sirenen einrichten. Und selbst wenn eine Kommune die Sirene auf eigene Kosten installieren will, dauert das Jahre: Bundesweit gibt es laut Schober nur vier Fachfirmen, die Wartelisten sind lang.

Damit der Ernstfall gar nicht erst eintritt, fordern die Experten eine ganzheitliche Überflutungsvorsorge. Regenwassermanagement, und zwar gemeinsam durch Grundstückseigentümer, Kommunen und Behörden. Das bedeutet zum Beispiel eine entsprechende Bauleitplanung – aber auch, dass jeder Einzelne mithilft, möglichst viel Regenwasser zu versickern. Wie Professor Günthert mit seinem grünen Garagendach.