Erneute Erschütterung

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Ein Priester hält einen Rosenkranz und eine bischöfliche Erklärung zu Missbrauchsfällen durch Jesuiten-Patres in der Hand. Ein Foto aus dem Jahr 2010, als in Deutschland der Missbrauchsskandal bekannt wurde. Foto: Lübke/dpa

Mit dem Entsetzen über den Missbrauchsbericht aus den USA sind auch die Missbrauchsfälle in der deutschen katholischen Kirche wieder in den Fokus gerückt. Kritik an mangelnder Aufarbeitung weist die Bischofskonferenz zurück. Am 25. September wird eine Studie über den Umfang des Missbrauchs und eventuell fördernde Strukturen in der Kirche veröffentlicht.

Missbrauch in katholischer Kirche

Von Claudia Möllers

München/Bonn/Trier – Seit 2014 arbeitet ein Forschungskonsortium im Auftrag der katholischen Deutschen Bischofskonferenz (DBK) daran, eines der dunkelsten Kapitel der jüngeren Kirchengeschichte aufzuarbeiten. „Sexueller Missbrauch an Minderjährigen durch katholische Priester, Diakone und männliche Ordensangehörige im Bereich der Deutschen Bischofskonferenz“ ist der Titel des Projekts. Ziel ist eine quantitative Erhebung der Fälle, aber es werden auch Täterstrategien, das Erleben der Opfer und das Verhalten der Verantwortlichen in der Kirche untersucht. Im Rahmen der Herbstvollversammlung der DBK in Fulda sollen die Ergebnisse am 25. September vorgestellt werden.

Der staatliche Missbrauchsbeauftragte Johannes-Wilhelm Rörig hat nun in einem Interview der Kirche unzureichende Aufklärung vorgeworfen. Für die Studie hätten leider nicht alle Bistümer ihre Archive geöffnet. Aufarbeitung werde wohl noch zu oft als Gefahr für die eigene Institution gesehen. Hintergrund seiner Kritik ist die Tatsache, dass bei der Studie neun ausgewählte Diözesen (Bamberg, Berlin, Essen, Freiburg, Hamburg, Magdeburg, Paderborn, Speyer und Trier) alle Akten von Priestern, die 1946 noch lebten, offengelegt hatten. Die Bistümer waren von den Forschern ausgesucht worden. Die übrigen 18 Diözesen, darunter auch das Münchner Erzbistum, hatten alle Akten von Priestern bereitgestellt, die im Jahr 2000 noch lebten. Rörig bedauert, dass nicht alle Bistümer die Untersuchungen in die Tiefe ermöglicht hätten. Im Erzbistum München und Freising aber wird darauf verwiesen, dass man hier bereits im Dezember 2010 ein juristisches Gutachten für die Jahre 1945 bis 2009 vorgelegt habe, in dem schonungslos die systematische Vertuschung von Missbrauch aufgedeckt wurde. Darin war auch von bewusster Aktenvernichtung die Rede. Trotzdem fehlt dem staatlichen Missbrauchsbeauftragten, dass die Bistümer „proaktiv“ das Thema anpacken. Jedes Bistum, jede Gemeinde, jede Schule müsse von sich aus seine Vergangenheit untersuchen.

Der Trierer Bischof Stephan Ackermann, Missbrauchsbeauftragter der DBK, weist die Kritik zurück. „Woher Herr Rörig die Information nimmt für seine Behauptung, dass nicht alle Bistümer dazu ‚ihre Archive geöffnet’ hätten, entzieht sich meiner Kenntnis. Ich jedenfalls habe dazu keine Anhaltspunkte.“ Zugleich zeigt er sich bestürzt über die Nachrichten aus den USA. „Der Pennsylvania-Bericht ist in seinem Resultat erschütternd. Er zeigt, dass wir als katholische Kirche auch in der Aufarbeitung dieser dunklen Seite unserer Geschichte längst nicht am Ende sind.“ Deshalb sei es gut, dass am 25. September das Ergebnis des Forschungsprojekts für den Bereich der Bischofskonferenz vorliege.

Matthias Katsch vom Betroffenenrat des Missbrauchsbeauftragten Rörig bedauert trotzdem, dass bei der Studie nicht alle Diözesen bis in die Nachkriegszeit zurückgegangen sind. Und es sei nicht gelungen, in das Forschungsvorhaben die Orden einzubeziehen. Diese Studie werde bestätigen, was man bisher weiß über die Verbreitung von Missbrauch und die Risiken. „Was wir allerdings nicht bekommen werden, ist eine Aufarbeitung von einzelnen Fällen. Es werden keine Täternamen genannt werden, keine Verantwortlichen, keine Bischöfe, die an einer Vertuschung mitgewirkt haben.“ In den USA gebe es einen Aufruhr, weil eine staatliche Instanz Ross und Reiter nennt. „Das werden wir nicht haben“, so Katsch. Diese Möglichkeit hätten die deutschen Forscher nicht, weil sie keine Akten einsehen durften. Sie konnten nur einen Fragebogen erarbeiten, mit dem Bistums-Mitarbeiter in den Archiven versucht hätten, die Sachverhalte zu ermitteln. „Das ist keine Aufarbeitung von Verbrechen, von einzelnen Taten und Verantwortlichen.“

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