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Wer ermordete die Bauernfamilie Gruber?

Mythos Hinterkaifeck: 1922 wurden auf dem Einödhof bei Schrobenhausen sechs Menschen brutal ermordet. Eine neue Ausstellung im Bayrischen Polizeimuseum beleuchtet den bis heute ungelösten Fall – aus der Sicht der Polizei.

HINTERKAIFECK - NEUE AUSSTELLUNG

VON KLAUS MERGEL

Ingolstadt – Keines der Opfer hat ein Gesicht. Heute weiß niemand mehr, wie die Mitglieder der Familie Gruber aussahen. Kein Hochzeitsfoto, kein Kommunionsbild. Selbst die Ermittler der Münchner Kriminalpolizei verzichteten darauf, am Tatort die Gesichter der sechs Opfer abzulichten. Eines von zahlreichen Rätseln – auch für Olaf Krämer. „Es ist uns bis heute nicht gelungen, den Opfern ein Bild zu geben“, sagt Krämer. Der 50-jährige Finanzplaner aus Königsbrunn beschäftigt sich seit Jahren als Administrator des Internetforums Hinterkaifeck.net mit dem Mord. Das Forum ist nun Kooperationspartner der Ausstellung im Bayerischen Polizeimuseums in Ingolstadt. Dabei stellte sich natürlich die Frage: Haben die Ermittler in Hinterkaifeck versagt?

Der Fall hat Filmemacher, Autoren und Journalisten beschäftigt wie kaum ein anderer hierzulande. Spätestens seit dem Roman „Tannöd“ (2009) von Andrea Maria Schenkel kennen Millionen den Gruselmord im nördlichen Oberbayern. Bis heute tauchen neue Tätertheorien und Erklärungsversuche auf – und manchmal kleine Mosaikstücke.

Was tatsächlich geschah: Am Abend des 31. März 1922 wurde auf dem Einödhof Hinterkaifeck die Bauernfamilie Gruber mit einer so genannte Reuthaue erschlagen. Die Opfer: Austragsbauer Andreas Gruber, seine Ehefrau Cäzilia, die verwitwete Tochter Viktoria Gabriel, deren Kinder Josef (2) und Cäzilia (7) sowie die Magd Maria Baumgartner. Obwohl man das Fehlen der Tochter seit dem 1. April in der Schule bemerkte und die Familie am 2. April – gegen die Gewohnheit – nicht im Sonntagsgottesdienst erschien, ging niemand der Sache nach. Mehrere Personen – ein Mechaniker, der stundenlang eine Maschine reparierte und der Postbote – kamen auf den Hof. Bemerkten, dass etwas nicht stimmte. Doch erst am 4. April drang man in das Gebäude ein und entdeckte die Leichen. Gegen 18 Uhr kamen die Gendarmen aus dem benachbarten Hohenwart, und erst am 5. April um 5:30 Uhr betrat die Münchner Kriminalpolizei den Tatort.

Ansgar Reiß, Direktor des Bayrischen Polizeimuseums, bewertet die Ermittlungen „als Arbeit von Leuten, die durchaus professionell vorgingen, aber einfach zu spät kamen“. Erst vier Tage zuvor war die Polizei umstrukturiert worden – die nun zuständigen Münchner Beamten hatten einen weiten Weg. Es gab am Hof keine Elektrizität, die Kriminaler mussten also bis Tagesanbruch warten. „Die Ermittler fanden eine forensische Katastrophe vor“, sagt Krämer. Wegen des späten Eintreffens der Polizei sei „bereits das halbe Dorf auf dem Tatort herumgelaufen“. Spuren und Fingerabdrücke waren nichts mehr wert. Immerhin wurden auf einem improvisierten Seziertisch Obduktionen vorgenommen. Man stellte fest, dass die siebenjährige Cäzilia nach der Tat noch stundenlang gelebt haben musste: Sie hatte sich die Haare büschelweise ausgerissen. Dennoch bleiben Fragen: Warum nur fünf Tatortfotos? Bei vergleichbaren Fällen wurde seinerzeit besser dokumentiert. Warum wurden nur die bedeckten Körper – beim kleinen Josef sogar nur der Kinderwagen – abgelichtet? Ebenfalls befremdlich: Die abgetrennten Köpfe der Opfer brachte man zu einer Wahrsagerin. „Man muss das im Zusammenhang der Zeit sehen“, sagt Krämer. Esoterik sei in den 1920er Jahren als Wissenschaft bewertet worden: „Das war im Bildungsbürgertum damals normal, da wollte die Polizei nichts unversucht lassen.“ Wie die Begleitschreiben zeigen, sah man das bei der Polizei übrigens auch kritisch.

Die Ausstellung in Ingolstadt ist dem Umstand geschuldet, dass Hinterkaifeck für die bayerische Polizei wohl der bedeutendste Mordfall überhaupt war. „Generationen von Polizisten haben sich damit beschäftigt“, sagt Museumsdirektor Reiß. „Viele forschten sogar nach der Pensionierung daran weiter.“ Zuletzt ging 2007 die Polizeischule Fürstenfeldbruck den Fall nach modernen Gesichtspunkten noch einmal durch. Aber auch damals ermittelten die Kriminaler in mehrere Richtungen. Unter Verdacht stand zum Beispiel der Ortsvorsteher von Gröbern, Lorenz Schlittenbauer: Er hatte ein Verhältnis mit Viktoria Gruber und galt als Vater von Josef. Sogar der 1914 gefallene Ehemann von Viktoria Gruber stand auf der Verdachtsliste. „Es wurde nie gegen jemand eine Anklage erhoben“, sagt Krämer.

Museumsdirektor Reiß sieht für die Faszination mehrere Gründe. Der einfachste: „Die Krimibegeisterung. Die Geschichte hat einige sehr schaurige Elemente.“ Und: „Es ist auch die mythenhafte Charakter der Geschichte – das Fehlen von Beweisen, all das Rätselhafte.“

In der Ausstellung werden die Ungereimtheiten – zusammen mit den Fakten – in fünf Räumen auf Schautafeln analytisch dokumentiert, auf einer Litfaßsäule sind die wichtigsten Mordtheorien abgebildet. Sogar eine Nachbildung der Mordwaffe ist zu sehen. Auch wenn die Ausstellung den Fall nicht lösen wird: „Sie ist ein „gelungenes Experiment“, so Reiß. Es ist das erste Mal hierzulande, dass ein staatliches Museum mit einem Internetforum eine Ausstellung konzipierte. Reiß lobt Wissensschatz und Detailtreue der Forumsmitglieder: „Ein Glücksfall für unser Museum.“

Und die Mörder? Ihre Tat ist längst verjährt. Dennoch hatte Hinterkaifeck strafrechtliche Folgen – als Anlass. 1952 reichte das bayrische Innenministerium im Bundesrat einen Antrag auf Anhebung der Verjährung bei Kapitalverbrechen ein. Mit spätem Erfolg: Seit 1979 gibt es keine Verjährung auf Mord.

Die Ausstellung

Bay. Polizeimuseum, Turm Triva, geöffnet ab heute bis Sept. 2017, Eintritt 6 Euro

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