Ermittlungen gegen Justizvollzugsbeamte Flugzeug-Geiselnehmer stirbt in JVA Muslim H.

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Muslim H. (28) sollte abgeschoben werden.

Er war zutiefst verzweifelt. Deshalb nahm er auf dem Lufthansaflug nach Budapest eine Geisel. Seit zwei Monaten saß er deswegen in U-Haft. Am Samstag ist er dort ums Leben gekommen. Es wird gegen die Justizvollzugsbeamten ermittelt.

Ermittlungen gegen Justizvollzugsbeamte

Flugzeug-Geiselnehmer stirbt in JVA

Muslim H. (28) sollte abgeschoben werden. Er war zutiefst verzweifelt. Deshalb nahm er auf dem Lufthansaflug nach Budapest eine Geisel. Seit zwei Monaten saß er deswegen in U-Haft. Am Samstag ist er dort ums Leben gekommen. Es wird gegen die Justizvollzugsbeamten ermittelt.

München/Landshut – Das Drama spielte sich Anfang April an Bord des Lufthansaflugs LH 1676 ab. Der 28-jährige Asylbewerber Muslim H. war verzweifelt, weil er nach Ungarn abgeschoben werden sollte. Er nahm eine Stewardess als Geisel und bedrohte sie mit einer abgebrochenen Rasierklinge. Der Pilot kehrte um, am Flughafen München ließ sich der Mann aus dem ehemaligen Jugoslawien zur Aufgabe überreden (wir haben berichtet). Seither saß er wegen Geiselnahme in U-Haft in der JVA Landshut. Doch zu einem Verfahren gegen ihn wird es nicht kommen: Am Samstag starb Muslim H. nach einem Einsatz in seiner Zelle.

Er hatte laut Polizei randaliert, das Zellenfenster zerschlagen, sich Schnittwunden zugefügt. Als Justizvollzugsbeamte einschreiten wollten, soll er mit einer Glasscherbe auf einen von ihnen losgegangen sein und ihn verletzt haben. Der Inhaftierte wurde „zu Boden gebracht und fixiert“, wobei er laut Bericht „weiterhin Widerstand leistete“, berichtet die tz. Im Zuge der „Anwendung unmittelbaren Zwangs geriet der Gefangene in einen kritischen Zustand“, heißt es weiter. Muslim H. erlitt einen Atem- bzw. Herzstillstand. Er wurde reanimiert, starb aber im Laufe desselben Tages.

Seit gestern ermittelt die Staatsanwaltschaft Landshut gegen acht JVA-Angestellte wegen Körperverletzung mit Todesfolge. Markus Kring, der Sprecher der Staatsanwaltschaft, geht davon aus, „dass das Eingreifen der JVA-Beamten eine Mitursache für den Tod gewesen sein könnte“. Gegenüber dem Landshuter Wochenblatt ergänzte Kring: „Diese Vorgehensweise ist Routine und sagt nichts über tatsächliche Schuld oder Unschuld aus.“ Zunächst würden alle als Beschuldigte geführt, die an den Vorgängen irgendwie beteiligt waren.

Muslim H. dürfte aufgrund seiner dramatischen Vorgeschichte nicht als normaler Gefangener gegolten haben. Wer aus Verzweiflung über die Abschiebung eine Stewardess als Geisel nimmt, ist wohl eher aus einem anderen Holz geschnitzt als etwa Einbrecher und Gewalttäter. Im Rahmen des Ermittlungsverfahrens dürfte deswegen auch geprüft werden, ob hier zu sorglos mit psychischen Auffälligkeiten umgegangen wurde. Laut Auskunft des Sprechers der JVA Landshut, Markus Hegele, saß der Mann in einer normalen Haftzelle. Nach Informationen des Wochenblatts sind diese nicht mit bruchsicherem Glas ausgestattet. Zwar gebe es entsprechend ausgestattete Zellen, die seien aber nicht für Gefangene gedacht, denen man eine möglichst lebensnahe Unterbringung bieten wolle. Muslim H. soll unauffällig gewesen sein – bis Samstag. Hegele betont, dass es einen so extremen Fall in der JVA Landshut bisher noch nicht gegeben habe. „Das macht es umso erschütternder.“

Betreut wurde Muslim H. von Anwalt Dr. Martin Paringer. Er beschrieb den 28-Jährigen als kräftigen jungen Mann, der nie über körperliche Probleme geklagt habe. „Ich habe ihn zweimal besucht und den Eindruck gehabt, dass er psychische Probleme hat und die Staatsanwaltschaft darauf hingewiesen, dass er in der JVA nicht richtig untergebracht sei.“ Als Tatmotiv für die Geiselnahme gab er an, er habe unbedingt in Deutschland bleiben wollen. Paringer: „Als ich ihm sagte, dass er das jetzt erreicht habe, allerdings mit fünf Jahre aufwärts im Gefängnis, hat er mir geantwortet: ,Lieber fünf Jahre hier im Gefängnis als ein Jahr anderswo‘.“  as/mc/ws

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