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Immer mehr brauchen Hilfe

Endstation der Flucht vor dem Ukraine-Krieg: München Hauptbahnhof

Ankunft in München
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Flüchtlinge aus der Ukraine stehen mit Gepäck am Münchner Hauptbahnhof.
  • Kathrin Braun
    VonKathrin Braun
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Am Münchner Hauptbahnhof kommen immer mehr Schutzsuchende aus der Ukraine an. Meist Mütter, Kinder und Omas, die nach mehreren Tagen auf der Flucht erschöpft nach Hilfe suchen – und um ihre Männer weinen.

München – Ein paar Tafeln Schokolade, Wasserflaschen, eine Kuscheldecke. Anja, 39, steht mit ihren vier Kindern am Münchner Hauptbahnhof. Alles, was sie jetzt noch besitzen, ist in Plastiktüten und Reisetaschen zusammengepackt. Den Rest haben sie in der ukrainischen Millionenstadt Dnipro zurückgelassen. Die Familie ist über Ungarn nach München geflohen – erst per Bus, dann mit dem Zug. Seit Dienstag ist sie auf der Flucht. Anja blickt sich hilfesuchend um. „Wir müssen uns jetzt erst mal etwas zu essen suchen, und dann einen Platz zum Schlafen“, sagt die Mutter auf Russisch.

Kaum ein Gespräch ohne Tränen

Die Familie ist eine von vielen, die am Freitag bei den Caritas-Helfern am Gleis 20 Unterstützung suchen. Es gibt kaum ein Gespräch, bei dem keine Tränen fließen. „Wir fühlen uns schrecklich“, sagt Anjas Tochter Diana, 15. Sie fliehen nicht das erste Mal, erzählt das Mädchen. 2017 ließen sie wegen der Kämpfe im Donbass ihre Heimatstadt Donezk hinter sich. Diesmal ist es schlimmer. „Wir sind in einem fremden Land, und wir kennen die Sprache nicht“, sagt Diana unter Tränen. Ihr Vater ist noch in Dnipro. „Er wird bestimmt bald nachkommen.“ Dann kommt eine Mitarbeiterin der Caritas. „Wir suchen jetzt eine Unterkunft für euch“, sagt sie.

Die meisten Ukrainer schicke man in das Münchner Ankunftszentrum in der Maria-Probst-Straße, erzählt ein Caritas-Helfer. Hier wurden bislang mindestens 640 Geflüchtete aus der Ukraine untergebracht. In der leer stehenden L’Osteria direkt am Hauptbahnhof stehen zudem Dutzende Feldbetten bereit. Viele Menschen werden aber auch für eine ausgewogene Verteilung mit dem Zug weiter Richtung Ankerzentrum Ingolstadt gelotst. Insgesamt werden in Bayern 50 000, vielleicht sogar 100 000 Ukrainer erwartet.

Viele bieten freie Zimmer an

Ein Mann in Motorradjacke läuft mit einem Schild in Ukraine-Farben am Gleis entlang. „Als ich gehört habe, dass die ersten Ukrainer in München ankommen, habe ich mir schnell ein gelbes Kuvert geschnappt und es mit einem blauen Edding bemalt“, sagt Richard Wonka, 48, aus Unterschleißheim. „Ich bin hier, weil ich ein freies Zimmer habe und Leute aufnehmen kann.“

Ein wenig später kommt eine Familie mit Kinderwagen auf Wonka zu. Ina Mchedlidze, 35, bricht in Tränen aus. „Wir sind so dankbar für diese Hilfsbereitschaft“, sagt sie. Sie, ihr Mann George und ihre Töchter Lisa und Maja dürfen bei Wonka leben, bis sie auf eigenen Beinen stehen. „Wir wollen arbeiten und unsere Kinder in den Kindergarten schicken“, sagt Ina. „Und ich hoffe, dass meine Eltern bald nachkommen.“

Doch Inas Vater möchte die Ukraine nicht verlassen. „Er sagte: ,Das ist mein Land, mein Zuhause.‘ Und meine Mutter meinte, ohne meinen Vater geht sie nirgendwohin.“ Dann bekommt Ina kaum noch ein Wort über Lippen. „Wie konnte ich sie nur zurücklassen?“ Sie weiß, wie schwierig es ist, das Land zu verlassen. Am Montag wollte sie Zugtickets von Dnipro nach Polen kaufen, erzählt sie, aber es gab erst ab Donnerstag wieder freie Plätze. „Wir wollten keine weitere Sekunde dableiben, also sind wir trotzdem in den Zug gestiegen und haben uns mit den Kindern auf den Boden gesetzt. Es war schrecklich, quer durch die Ukraine zu fahren.“ Morgens um sechs seien zur Sicherheit alle Lichter im Zug ausgeknipst worden. „Es war stockduster. Wir hatten solche Angst. Als wir in Polen angekommen sind, ist mir ein Riesen-Stein vom Herzen gefallen.“

Leid und Freude bei den Kindern

Immerhin sei ihre Tochter Lisa, 7, gut drauf. „Wir haben eine Nacht in einer Flüchtlingsunterkunft in Warschau verbracht, da hat sie mit vielen Kindern gespielt.“ Dann lacht Ina. „Sie hat sogar gefragt, ob wir noch ein bisschen dableiben können.“

Tamara, 32, hat mit ihren beiden Kindern und ihrer Mutter Olga bereits einen Fluchtversuch hinter sich. Als der Krieg begann, hatte sie schon die Koffer gepackt, erzählt Tamara in München. „Wir hörten in Kiew einen lauten Knall, eine Explosion. An diesem Morgen rief mich mein Vater an und meinte, wir sollten sofort verschwinden.“ Doch die Straßen Kiews waren dicht. „Überall war Stau. Also sind wir umgedreht und in das Haus meiner Eltern geflohen.“ Vier Tage später habe es einen Schusswechsel gegeben, nur etwa 500 Meter vom Haus entfernt. „Wir probierten es noch mal und flohen nach Moldawien.“ Ihr Mann und ihr Vater sind geblieben. „Die Kinder vermissen ihren Papa.“

Auch Viktoria, 31, und ihre Mutter Olena, 61, haben ihre Ehemänner in Kiew zurückgelassen. „Mein Mann ist kein Soldat, aber er wird kämpfen. Er weiß nicht, wie es im Krieg ist, hatte noch nie eine Waffe in der Hand. Ich mache mir große Sorgen“, sagt Viktoria. Die Frauen haben nur jeweils einen Rucksack bei sich. Viktorias Isomatte ist staubig und rissig. Sie sind über Polen und Tschechien tagelang nach Deutschland geflohen. In München sind sie am Donnerstagabend angekommen. Alina, eine 29-jährige Münchnerin aus Belarus, hat zu der Zeit am Hauptbahnhof auf Geflüchtete gewartet, um ihnen eine Dusche und eine Matratze anzubieten. Viktoria und Olena haben eine Nacht auf ihrem Fußboden verbracht. Jetzt geht es weiter nach Berlin, wo sie ein paar Tage bei einer Bekannten unterkommen. Wann ihre Flucht endet, wissen sie nicht.