„Es ist einsam hier“

Urlaub im Bayerischen Wald garantiert Natur und Ruhe. Flüchtlinge fühlen sich dagegen in der Weite der Wälder nicht wohl. Sie protestieren gegen ihre abgelegene Unterkunft im niederbayerischen Böbrach. Ein Ortsbesuch.

Flüchtlingsheim im bayerischen Wald

Urlaub im Bayerischen Wald garantiert Natur und Ruhe. Flüchtlinge fühlen sich dagegen in der Weite der Wälder nicht wohl. Sie protestieren gegen ihre abgelegene Unterkunft im niederbayerischen Böbrach. Ein Ortsbesuch.

VON ANDRÉ JAHNKE UND DIRK WALTER

Böbrach – Es hat vier Grad Celsius. Schnee liegt an diesem Montag in der Luft im Bayerischen Wald – Einheimische und Touristen warten schon sehnsüchtig darauf. Nicht so ein 27 Jahre alter Nigerianer, der ohne Socken in Badelatschen vor seiner Asylunterkunft im niederbayerischen Böbrach steht und friert. „Es ist einsam hier“, sagt der Mann, der seinen Namen aus Angst nicht nennt.

Böbrach im Landkreis Regen nahe dem Großen Arber hat 1600 Einwohner. Es ist ein beliebtes Ausflugsziel tausender Touristen. Vom beschaulichen Ortskern führt eine kleine geteerte und beleuchtete Straße mitten in den Wald. Sie ist eine Sackgasse – und endet an der Asylunterkunft. Die Abgeschiedenheit hat die Flüchtlinge verstört – acht von ihnen, junge Männer zwischen 20 und 30 aus dem Senegal, protestieren seit zwei Wochen vor dem Sozialministerium in München gegen ihre Verlegung in den Bayerwald. Hungerstreik. Noch sind die Senegalesen wohl auf. Doch die Verhandlungen laufen, auch an diesem Montag. Der Bayerische Flüchtlingsrat fordert die Schließung des Heims. „Wir kennen es seit Jahren – es gibt immer dieselben Klagen“, sagt der Sprecher des Flüchtlingsrats, Alexander Thal. Er spricht von „Isolation“ und „Lager“.

Doch so schlimm sei es nicht, meinen Politiker nach einer Stippvisite am Montag. Einer kommt an diesem Morgen zu spät. „Ich muss zugeben, ich habe es nicht gleich gefunden“, sagt der Integrationsbeauftragte der Staatsregierung, Martin Neumeyer. Ungewollt bringt er es damit gleich auf den Punkt: Das Haus, von außen und innen zum Teil neu und auf höchsten Stand, liegt abseits. Aber ist es deswegen auch gleich unzumutbar? Neumeyer meint Nein. „Mein Gott, das ist natürlich nicht München“, sagt er. Größere Städte seien natürlich attraktiver für Flüchtlinge. Aber München könne nicht alle Flüchtlinge aufnehmen. Schließlich steige die Zahl der Asylbewerber.

Allein in Niederbayern sind derzeit 2300 Asylbewerber untergebracht – bis Jahresende könnten es 2800 sein. 31 Flüchtlinge aus Syrien, Senegal, Iran und Irak leben in dem Gemeinschaftshaus, dass erst vor kurzem wieder geöffnet wurde. Die Räume in dem Haus, das bis 2007 als Übergangswohnheim von Aussiedlern bewohnt wurde, sind nach der Sanierung ordentlich. Nur der Gemeinschaftsraum ist noch leer. Hier sollen bald eine Tischtennisplatte und ein Tisch-Kicker für Abwechslung sorgen. Ablenkung ist das, was den meisten Bewohnern hier fehlt. In den Vierbett-Zimmern stehen zwei Stockbetten und ein eigener Kühlschrank mit Gefrierfach. Zudem hat jedes Zimmer einen TV-Anschluss, auch eine Internet-Verbindung ist geplant. „Das gehört nicht zur Standard-Ausstattung“, betont der Regierungspräsident von Niederbayern, Heinz Grunwald. „Das ist ein Top-Haus“, sagt er. „Nicht alle Flüchtlinge sind so gut untergebracht.“

Auch der Integrationsbeauftragte Neumeyer hält das Haus für ordentlich. „Es ist weder dreckig noch eklig.“ Probleme mit den Einheimischen gebe es auch nicht. Den Landrat von Regen, Michael Adam (SPD), stört vor allem, dass von der Region ein falsches Bild gezeichnet werde. Er kritisiert die Unterstützergruppen, die die protestierenden Flüchtlinge in München regelrecht aufhetzten. „Das schürt Ausländerfeindlichkeit.“

„Wir haben hier nur Bäume“, sagt indes Jamen al Abdullah. Seit einigen Wochen ist der Syrer in Böbrach. Das Haus verlässt er so gut wie nie. „Ich habe Angst, mich im Wald zu verlaufen“, erläutert der 30-Jährige im Gespräch mit Regierungspräsident Grunwald. „Es ist schön hier für einen Urlaub. Aber ich bin hier nicht im Urlaub.“ Er habe Angst vor Isolation und vor allem vor dem Schnee, sagt der Englisch-Lehrer aus Syrien. Jamen ist Deutschland aber vor allem dankbar für die äußerst menschliche Aufnahme. Daher hat er sich auch nicht dem Protest in München angeschlossen.

Die Ankündigung von Sozialministerin Emilia Müller (CSU), künftig die Flüchtlinge nicht mehr mit Essenspaketen zu versorgen, könnte helfen. Müller will, dass Flüchtlinge ihre Lebensmittel selbst kaufen können. „Zum selbstbestimmten Leben gehört auch das Einkaufen“, sagt die Landtagsabgeordnete der Grünen, Rosi Steinberger, die den Ortstermin initiiert hat. „Das hilft auch gegen Langeweile.“

Die Politiker sind sich nach dem Besuch einig: Zumutbar ist die Unterkunft im Bayerischen Wald allemal, wenn auch abgelegen. Der Bus Richtung Bodenmais, dem nächstgelegenen größeren Ort, fährt nur vier Mal am Tag. Ein solcher Fahrplan gilt nicht nur in Böbrach – die Abgeschiedenheit teilen die Flüchtlinge mit vielen anderen Bewohnern in Niederbayern.

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