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Beschwerden wegen leicht bekleideter Frau

„Einfallslos und plump“: Sexismus-Debatte um Burschenfest-Plakat - Bürgermeister schaltet sich ein

Plakate für die Starkstromparty
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Mit diesen Plakaten wird für die Starkstrom-Party in Dietramszell geworben. Einige Bürger empören sich über das Motiv - und kritisieren den Burschenverein.
  • Clara Wildenrath
    VonClara Wildenrath
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„Sexistische Werbung“ lautet der Vorwurf. Die Burschen sind sich keiner Schuld bewusst. Trotzdem wurde das Plakat zur Leonhardifahrt zensiert - auf Wunsch des Bürgermeisters.

Dietramszell – Was hat ein halbnackter Frauenkörper mit kulturellem Brauchtum zu tun? Das fragen sich derzeit viele Menschen in der Gemeinde Dietramszell. Die Leiterer Burschen werben mit dem überlebensgroßen Foto einer knapp bekleideten jungen Dame für ihre „Starkstromparty“ am kommenden Freitag. Mit aufs Plakat gedruckt ist das Hosenträgerschild der Burschen, das auch die Männer des Trachtenvereins Humbach tragen.

„Einfallslos und plump“ - Sexismus-Debatte um Werbung für Burschenfest

„Auf platteste Weise wird hier Tracht und Tradition mit einem diskriminierenden Frauenbild verknüpft“, sagt eine 39-jährige Dietramszellerin im Gespräch mit unserer Zeitung. Wie alle anderen hier Zitierten möchte sie anonym bleiben. Das Plakat sei „sexistische Werbung der übelsten Art“ und repräsentiere ein „längst überholtes ländliches Frauenbild“, erklärt sie. Selbst auf dem Leonhardifest habe das Plakat vorübergehend gehangen. Auch auf öffentlichen Werbeflächen der Gemeinde ist das Bild der Vollbusigen mit der offenen Hose allgegenwärtig.

„Einfallslos und plump“ findet ein 46-jähriger Gemeindebürger, dass „Burschen einen Frauenkörper benutzen, um die Vereinskassen zu füllen“. Eine Mutter eines Sohns und einer Tochter im Teenageralter empört sich: „Jeden Tag kämpfen wir als Eltern darum, das Bild aus den Medien zuhause wieder zurechtzurücken. Wir wollen unseren Kindern ein realistisches Frauenbild vermitteln, in dem es um mehr als Aussehen und Körperlichkeit geht. Und dann setzen wir ihnen so ein Bild vor die Nase!“

Burschen werben für „Starkstrom-Party“ - Beschwerden wegen leicht bekleideter Frau auf Plakaten

Nicht nur die darauf signalisierte sexuelle Verfügbarkeit stoße vielen Mädchen und Frauen übel auf. Gerade Heranwachsende würden sich zudem von dem allzu perfekten, vermutlich digital nachbearbeiteten Frauenkörper unter Druck setzen lassen. Eine 16-jährige Schülerin, die potenziell zur Zielgruppe der Aktion gehört, empfindet das genauso. Sie macht ihrem Ärger Luft: „Die Burschen können aussehen, wie sie wollen, aber wir sollen immer sexy und perfekt sein.“ Aus eigener Erfahrung weiß sie, dass Mädchen in ihrem Alter oft noch nicht das Selbstbewusstsein haben, dagegen aufzubegehren.

Burschenchef versteht Aufregung nicht - trotzdem wird Plakat für Leonhardi zensiert

Tobias Killer, Vorstand der Leiterer Burschen, kann die Aufregung nicht verstehen. „Andere Burschenvereine werben genauso für ihre Partys. Nur bei uns gibt es Ärger“, meint der 19-Jährige. Die Mädchen in seinem Bekanntenkreis hätten kein Problem mit dem Plakat. Und wie fände er es, wenn seine Freundin in einer solchen Pose auf den Hauswänden zu sehen wäre? „Wenn ich eine hätte und sie das will – warum nicht?“

Mit dem gleichen Foto hatten die Leiterer vor drei Jahren schon einmal geworben. Auch damals stieß die Aktion auf Kritik. Nach einer Rüge des Landratsamts entfernten sie die Plakate 2019 wieder. Allerdings nur, weil sie unerlaubt an der Straße standen, wie Killer erklärt. In diesem Jahr hängen die großen Banner an privaten Hauswänden innerhalb der Dörfer. Nachdem Bürgermeister Josef Hauser dem Vorstand ins Gewissen geredet hatte, überdeckte in Föggenbeuern ein Schild mit der Aufschrift „Zensiert“ die freizügigen Einblicke der jungen Dame – jedoch nur für den Tag der Leonhardifahrt.

Bürgermeister ließ Plakate zensieren - „Moralisch kann man verschiedener Meinung sein“

„Moralisch kann man verschiedener Meinung dazu sein, aber rein rechtlich sind die Plakate nicht zu beanstanden“, erklärt Hauser auf Nachfrage unserer Zeitung. Werbeanlagen über einer Größe von einem Quadratmeter erfordern laut Bayerischer Bauordnung normalerweise auch auf Privatgrundstücken eine Baugenehmigung. Gegen das freizügige Motiv, das viele Gemeindebürgerinnen und -bürger als herabwürdigend und diskriminierend empfinden, gibt es tatsächlich keine juristische Handhabe.

Denn sexistische Werbung ist in Deutschland – anders als beispielsweise in Norwegen oder Schweden – bislang nicht verboten. In München und vielen anderen Großstädten ist sie zumindest auf öffentlichen Werbeflächen untersagt. Nach dem Verhaltenskodex des Deutschen Werberats dürfen allerdings keine Darstellungen verwendet werden, die Personen auf ihre Sexualität reduzieren oder ihre sexuelle Verfügbarkeit nahelegen. Bei einem Verstoß gegen diese Grundsätze kann der Werberat eine Rüge aussprechen - so wie vor einiger Zeit gegen eine Autowaschanlage in Geretsried. Sie hatte mit Frauen in eindeutigen Posen geworben.

In Dietramszell verschwinden die fragwürdigen Plakate nach der Feier vermutlich ohnehin aus dem Ortsbild. Das hoffen zumindest diejenigen, die sich daran stören.

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