Der Tod eines Extrem-Bergsteigers

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Dass das, was sie tun, gefährlich ist, wussten sie. „Der Tod ist ein Teil dieses Sports“, hat Benedikt Böhm einmal gesagt.

Zusammen mit Sebastian Haag praktizierte er seit zehn Jahren das sogenannte Speedbergsteigen an den höchsten Bergen der Welt. Jetzt ist das verschworene Duo „Beni & Basti“ für immer gesprengt worden: Sebastian Haag (36) starb auf fast 8000 Metern Höhe in einer Lawine.

Sebastian Haag starb am Sisha Pangma

Dass das, was sie tun, gefährlich ist, wussten sie. „Der Tod ist ein Teil dieses Sports“, hat Benedikt Böhm einmal gesagt. Zusammen mit Sebastian Haag praktizierte er seit zehn Jahren das sogenannte Speedbergsteigen an den höchsten Bergen der Welt. Jetzt ist das verschworene Duo „Beni & Basti“ für immer gesprengt worden: Sebastian Haag (36) starb auf fast 8000 Metern Höhe in einer Lawine.

Von Martin Becker

München – Oft brauchten sie keine Worte, um sich zu verstehen. Ein Blick in die Augen des anderen genügte: Wenn da dieses Funkeln war... „Speed up“ lautete das Motto von Beni Böhm (37) aus München und Basti Haag (36) aus Grünwald. Schnell rauf auf die Berge, schnell wieder runter, meist mit Skiern. Damit prägten die beiden einen neuen Stil des Bergsteigens, in den Alpen genauso wie im Himalaya. Dort, in den eisigen Gletscherabbrüchen des Shisha Pangma, liegen nun Basti Haag und der Italiener Andrea Zambaldi (32) unter den Schneemassen einer riesigen Lawine begraben. Vielleicht sogar für immer, denn eine Bergung der Leichen ist wegen der permanenten Eisschlag- und Lawinengefahr in diesem kaum zugänglichen Gebiet, das obendrein in einer militärischen Flugverbotszone liegt, äußerst kompliziert.

Cordillera Blanca in Peru (2004), Mustagh Ata in China (2005), Gasherbrum II in Pakistan (2006), Manaslu in Nepal (2007), Broad Peak in Pakistan (2009), Cho Oyu in Tibet (2012): Im Lauf der Jahre suchten sich Beni Böhm und Basti Haag immer neue und höhere Herausforderungen, um ihren Traum vom Speedbergsteigen auszuleben. Das aktuelle Projekt in Tibet nannten sie „Expedition Double 8“: Mit Shisha Pangma (8013 Meter) und Cho Oyu (8188 Meter) wollten sie und Zambaldi als Team des Skitourenausrüsters Dynafit zwei Achttausender innerhalb von nur sieben Tagen besteigen, die 170 Kilometer Distanz zwischen beiden Basislagern mit Mountainbikes zurücklegen.

Sie waren perfekt trainiert. Sie waren bestens ausgerüstet. Sie waren optimal akklimatisiert. Und mit dem Schweizer Spitzen-Alpinisten Ueli Steck bekamen sie sogar kurzfristig noch höchst prominente Verstärkung. Den ersten Anlauf nahmen die Bergsteiger am 17. September, mussten die Besteigung des Shisha Pangma aber aufgrund widriger Bedingungen in einer Höhe von knapp 7700 Metern abbrechen.

Nach einigen Tagen der Regeneration im Basislager wagten die Vier sowie der befreundete deutsche Bergsteiger Martin Maier (40) am 23. September einen zweiten Versuch. In einer Pressemitteilung aus der Dynafit-Zentrale hieß es vor dem neuerlichen Start: „Die Bedingungen am Shisha Pangma sind weiterhin sehr schwierig. Viel Schnee und Wind erschweren die Spurarbeit und führen nach wie vor zu einer angespannten Lawinensituation. Die Wetterbedingungen sind allerdings gut – moderater Wind und Temperaturen um 10 bis 20 Grad minus.“

Mittwoch, 24. September – es sollte der Gipfeltag werden. In zwei Gruppen hatten sich die fünf Bergsteiger mit der quälend anstrengenden Spurarbeit abgewechselt und sich bis auf 100 Höhenmeter unterhalb des „Platz der Heiligen“, so die Übersetzung von Shisha Pangma, hinausgekämpft. Plötzlich, um 6.55 Uhr Ortszeit, löste sich eine Lawine und erfasste die Gruppe. Während Beni Böhm und Ueli Steck am Rand des Lawinenkegels blieben und nicht verschüttet wurden, rissen die Schneemassen die drei anderen Bergsteiger in die Tiefe. Wie durch ein Wunder konnte sich Martin Maier selbst aus der Lawine befreien und in Hochlager 3 absteigen – sein Gesundheitszustand gilt als gut. Basti Haag und Andrea Zambaldi hingegen stürzten 600 Meter über steile Gletscherflächen in die Tiefe.

„Andrea Zambaldi stand 2011 schon mal auf den Gipfel. Basti Haag hat sein Leben dem Ausdauersport gewidmet, um immer wieder die eigenen Grenzen zu verschieben und das Unmögliche möglich zu machen“, sagt Dynafit-Sprecher Reiner Gerstner. „Dass das Leben der beiden so tragisch endete, ist schon ein Stück weit Schicksal.“

Im Fall von Basti Haag ein ganz besonders trauriges. 2006 ist sein großer Bruder Tobias verunglückt: Bei Chamonix stürzte der mit einer gewaltigen Wechte vom Gipfel der Aiguille d’Argentière 800 Meter tief in den Tod.

„Wer alles haben will, muss bereit sein, alles zu geben“, hat Beni Böhm einmal zu Basti Haag gesagt. Der lebte nach dieser Devise, liebte außer Speedskitouren auch Extremläufe durch Wüsten oder Regenwälder: „Es musste immer wehtun.“ Ans Sterben dachte er dabei nicht.

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