Blut ist dicker als Glühwein – eine Typologie der Weihnachtsgäste

Das Gute am unverschämten Onkel: Wenn die Nachspeise kommt, ist er längst satt. Hoffentlich.
  • Moritz Kircher
    vonMoritz Kircher
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  • Janina Sgodda
    Janina Sgodda
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Wenn die ganze Familie zur Weihnachtszeit zusammenkommt, dann versammeln sich unterm Christbaum auch jede Menge Eigenheiten. Wir haben ein paar typische Weihnachtsgäste und ihre kleinen und größeren Macken porträtiert. 

Der unverschämte Onkel

Oma tischt den Weihnachtsbraten auf. Das ist der Höhepunkt, auf den sich alle Jahr für Jahr freuen. Denn obwohl die Großmutter kein Geheimnis aus ihrem Rezept macht – so gut wie sie bekommt keiner den Braten hin. 

Der unverschämte Onkel packt gleich zu. Sobald der Braten auf dem Tisch steht, greift er zu Messer und Gabel, schneidet sich reichlich runter. Und zu allem Übel auch noch das knusprige Randstück. Die anderen begnügen sich mit dem, was übrig bleibt. Und weil der Onkel auch gleich mit dem Essen beginnt, sobald er sich den Teller vollgeschaufelt hat, ist sein Braten aufgegessen, als das letzte Familienmitglied am Tisch bedient ist. 

Super, denkt er sich. Da ist ja noch was vom Braten übrig. Und packt sich das zweite Randstück, das die anderen bescheiden erst einmal liegengelassen haben, auch noch auf seinen Teller. Das Gute am unverschämten Onkel: Wenn die Nachspeise kommt, ist er längst satt. Hoffentlich.

Der Urgroßneffe hinterm Smartphone

Dieses Jahr ist Weihnachten perfekt. Draußen schneit‘s, alle haben sich (ausnahmsweise) lieb, die Gans ist nicht angebrannt, und am Tisch geht’s nach dem Essen richtig unterhaltsam zu. Nur einer bekommt davon nichts mit. Urgroßneffe Kevin (13). Nicht allein zu Hause, sondern allein hinterm Smartphone. Sein Gesicht strahlt mit dem LED-beleuchteten Weihnachtsbaum im fahl-ungesunden Leuchten des Handydisplays um die Wette. Was er da anschaut, ist für alle Nicht-Teenies ein Rätsel. Spricht man ihn an, kommt meistens nichts. Allenfalls ein „Hmm…“ 

Tipp: Einfach lassen. So sind sie halt, die Kleinen. Spätestens wenn er seine erste Freundin hat, wechselt er vom Handy-Typus in den „Darf ich heute Abend noch weggehen“-Typus. Dann hat sich das Problem von alleine erledigt. In ein paar Jahren kommt er wieder und reiht sich in die lustige Weihnachtsrunde ein. 

Der „Heuer schenken wir uns nichts“-Ignorant 

Am Ende ist es doch eh nur Zeugs, bei dem man tags darauf peinlich berührt nachfragt, ob der Kassenzettel noch da ist, weil die Socken aus unbehandelten, biologisch angebauter Lianen-Rohfaser zwar super warm und eigentlich total toll sind. Aber leider, leider eine halbe Nummer zu klein. Deshalb: Heuer schenken wir uns nichts an Weihnachten. Außer unserer Zeit und unserer gegenseitigen Zuneigung. 

Aber: Es gibt immer einen, der nicht anders kann. Bruder, Tante, Oma, Cousin – keiner weiß, aus welcher Ecke der Familie der „Heuer schenken wir uns nichts“-Ignorant kommt. Wir wissen nur eines gewiss: Er oder sie wird zuschlagen. Und so wird sich der „Heuer schenken wir uns nichts“-Ignorant im Glanze seiner Geschenke sonnen, während alle anderen bedröppelt dreinschauen und gequält lächelnd „Danke“ sagen. Und die Lehre: Nächstes Weihnachten geht der Teufelskreis der Schenkerei doch wieder los. 

Zwei Tipps dazu. Erstens: Geschenke machen, die entweder verbraucht werden oder nicht materieller Art sind. Dann steht auch kein unnötiger Ramsch jahrelang irgendwo rum. Zweitens: Kassenzettel aufheben.

Die Prosecco-Tante

Sie schwingt sich schon bei Ankunft mit der Flasche Sekt durch den Türrahmen – und hat garantiert noch einen ganzen Kasten Sprudelwein im Kofferraum stehen. Wie sonst sollte sie auch auf alles und jeden anstoßen? 

Bei den restlichen Verwandten drängt sich der Verdacht auf, dass die Prosecco-Tante die Weihnachtssause nur schwer ohne Schwips ertragen würde. Was aber leider nicht dazu führt, dass sie selber angenehmer wäre. So neigt die Prosecco-Tante nach den ersten Gläschen dazu, Kinder bis in die späte Pubertät hinein zu „Küsschen“ auf die Wange zu nötigen. 

Und alle anderen zu voller Aufmerksamkeit, wenn es wieder heißt: „Stößchen!“ Das Gute an der Prosecco-Tante: Schlechte Laune will sie gar nicht aufkommen lassen. Denn ist es nicht so „schöööööööön, dass wir alle zusammen sind?!“ 

Die alten Kamellen

Die alten Kamellen können pärchenweise oder solo auftreten. Als Paar sind sie meist schon lange Jahre in einträchtiger Symbiose verheiratet. Sie können die Geschichten des jeweils anderen im Halbsatz beenden oder, besonders unterhaltsam, die Pointen sämtlicher Witze vorwegnehmen. 

Auch solo treten die alten Kamellen gerne bei älteren Semestern auf, die offensichtlich vergessen haben, dass zwischen dem letzten Familientreffen und dem aktuellen auf jeden Fall zu wenig Zeit vergangen ist – und die Anekdoten, die sie lang und breit zum Besten geben, ihrem Publikum bestenfalls ein müdes Gähnen entlocken. Das Gute an den alten Kamellen: Unliebsame Überraschungen wird es mit ihnen nicht geben. Und ein freundliches Nicken zum meditativen Monolog schafft selbst der glühweinvernebelte Geist. 

Die Schwiegermutter mit der Gans 

Die Menschen, die ein noch so perfekt geplantes Fest zwingend bereichern wollen, kennt jeder. Auch Männer legen manchmal jenen Übereifer an den Tag, der niemandem hilft, sondern allen anderen das Gefühl gibt, ordentlich gescheitert zu sein. Leider nicht nur an den Feiertagen. Typische Vorwürfe inklusive hochgezogener Augenbrauen klingen dann so: „Die Kinder sind nicht festlich genug angezogen (was aber auch nur halb so schlimm wäre, wenn sie nicht auch noch so unerzogen wären)“, „Würstl mit Kartoffel-Salat, ok, wenn euch das reicht (das ist einfach nur unangemessen, vor allem angesichts der unmöglichen Tischdeko)…“. 

Die einzige Chance, wenn solche Gäste ins Haus kommen: Man überträgt ihnen gleich im Vorfeld die Verantwortung fürs Gelingen der gemeinsamen Zeit. Denn: Besser als sie hätte man es nicht hinbekommen. 

Der Ramsch-Vetter 

Was für die Schwiegermutter mit der Gans die absolute Perfektion, ist für den Ramsch-Vetter der Krempel. Ausgerechnet am Weihnachtsfest plant er alle seine Probleme zu lösen – von der kriselnden Ehe bis hin zum kaputten Gartentürl – wobei er eine Spur der Verwüstung hinter sich herzieht. 

Vor lauter Stress war es ihm natürlich auch völlig unmöglich, zum weihnachtlichen Familientreffen etwas beizutragen. Und statt schöner Geschenke reicht er stattdessen Dinge weiter, die er selber nicht braucht oder die es aus guten Gründen zum Schnäppchenpreis gab. Die Tatsache, dass ein Buch mit dem Titel „Herrliches Haarwachstum durch Autosuggestion“ (gibt es wirklich!) niemandem Freude macht, wischt er mit Hinweis auf ökologisches und konsumkritisches Schenken vom Tisch. 

Das Gute am Ramsch-Vetter: Er ist so sehr mit sich und seinem Chaos beschäftigt, dass es ihm völlig egal ist, wenn sein Müll nach dem Weiterschenken nie wieder irgendwo gesehen wird. 

Der „lustige“ Bruder 

Wenn er will, ist er der Star auf jeder Party, der geborene Allein-Unterhalter, eine Stimmungskanone. Nur leider ist das auch das einzige Programm, das bei ihm läuft. Das kann auf Familienfeiern richtig anstrengend sein. 

Denn da werden alle, die beisammen sind, Opfer seiner teils ziemlich fiesen Scherze, und dass es nur der „lustige“ Bruder ist, der darüber lacht, merken alle. Außer der lustige Bruder. Wer ihn bremsen will, gilt natürlich als spießiger Spaßverderber. 

Das Gefährliche: Weil der lustige Bruder gar nicht daran denkt, ein Fettnäpfchen auf Kosten eines schlechten Scherzes auszulassen, stehen plötzlich Gesprächsthemen unterm Christbaum, die für einen ordentlichen Familienkrach sorgen können. 

Das Gute am „lustigen“ Bruder: Manchmal ist er wirklich witzig – und das kann aus angespannten Situationen auch wieder den Zunder nehmen.

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