Interview

Ein harmonisches Weihnachtsfest: Psychologin aus Feldkirchen-Westerham erklärt, wie es klappt

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Eltern sollten Kinder und Jugendliche ruhig mit einbeziehen in die Gestaltung des Festes, sagt die Expertin. 
  • Ines Weinzierl
    vonInes Weinzierl
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Die Weihnachtstage sollen besinnlich und ruhig sein – das wünscht sich jeder. Aber Wunsch und Realität weichen manchmal voneinander ab: In einigen Familien knallt es gewaltig – da gibt es Gemecker statt Geschenke unterm Christbaum. Die Psychologin Barbara Birner verrät, wie man das vermeidet.

Feldkirchen-Westerham – Warum das Fest der Liebe manchmal zum Fest der Hiebe mutiert, verrät Diplom-Psychologin Barbara Birner (55). Obendrein gibt die Vagenerin Tipps, damit Harmonie an der Festtafel herrscht. 

Frau Birner, Weihnachten gilt ja als das „Fest der Liebe“, allerdings bestimmen oftmals Familienauseinandersetzungen die Berichterstattung. Woran liegt das? 

Barbara Birner: Weihnachten ist sozusagen der Hotspot, denn an keinem anderen Tag ist der Erwartungsdruck so groß. Die Medien gaukeln das Wunschbild der heilen Familie vor – und unsere „inneren Kinder“ sehnen sich immer nach den „idealen Eltern“, die es nie so gab.

Im Interview: Diplom-Psychologin Barbara Birner

Erzählen Sie mal. 

Birner: In der Vorweihnachtszeit ist der Stress immens. Man hetzt von einem Termin zum nächsten. Dann ist Weihnachten und die Erwartungen der Familie sind vielfältig: Die Großeltern wollen beispielsweise, dass man gemeinsam den Heiligabend zusammen feiert. Viele Familien müssen weit fahren, um zu ihren Eltern zu kommen, obwohl einem vielleicht gar nicht danach ist. Auch das erhöht den Stress. 

Haben Sie Tipps, wie man das etwaige Konfliktpotenzial bereits im Vorfeld der Feiertage vermeiden kann? 

Birner: Man sollte sich im Vorfeld in einer ruhigen Minute genau überlegen, wie man am liebsten Weihnachten verbringen würde, wenn es keine Erwartungen gäbe. Wenn das weit von der Wirklichkeit entfernt ist, ist es ratsam, sich zu überlegen, welche Erwartung am ehesten umgesetzt werden kann und wie. 

Kinder und Jugendliche mit einbeziehen 

Das erfordert sorgfältige Planung und ein offenes Gespräch mit denen, die einen unterstützen könnten bei der Umsetzung. So können Kinder und Jugendliche oft sehr viel mehr einbezogen werden in die Gestaltung des Festes, so kann der Druck rausgenommen werden. 

Was kann man noch machen? 

Birner: Man sollte die Sitzordnung beispielsweise genau überlegen – Familienmitglieder, die sich nicht so sehr mögen, sollte man weiter auseinander setzen. Ich sage immer: Der Abstand sollte so gewählt sein, dass die Liebe am größten bleibt. Man erfährt ja das ganze Jahr nicht diese immense Nähe – und an Weihnachten sollen plötzlich alle zusammensein: Das ist dieses heere, erzwungene Weihnachtsideal. 

Sollte man dann der Familie absagen? 

Birner: Viele würden das wahrscheinlich gerne tun, aber sie wollen ja auch niemanden verletzen. Aber ich sage auch: Man kann es nicht jedem Recht machen – und deshalb muss man nach Lösungen suchen. 

Die da wären? 

Birner: Ich habe mir in einem Jahr beispielsweise so einen Stress gemacht: Ich wollte das ganze Haus putzen, die Fenster, alle Einkäufe erledigen, um ein Menü zu kochen. Irgendwann habe ich geschrien und gedacht, ich schaffe das alles nicht. Dann haben wir uns alle zusammengesetzt und überlegt, wer was machen kann. Die Fenster haben wir dann übrigens nicht mehr geputzt. 

Frauen müssen entlastet werden

Jetzt machen wir immer einen Putzplan und sprechen uns gut ab. Das heißt, ich habe Abschied genommen, von meiner „Perfektionistin“, die alles alleine hinbekommen wollte. 

Weihnachten bei den Hoppenstedts, Evelyn Hamanns „jetzt machen wir es uns aber gemütlich“ ist legendär.... 

Loriot hat das super dargestellt. Frau Hoppenstedt hat Stress, will es aber gemütlich – und jeder funkt in ihren Augen dazwischen. 

Müssen die Frauen entlastet werden? 

Birner: Sicherlich ein Stück weit. Nach wie vor sind meiner Meinung nach die Frauen die „Hüterinnen der Tradition“, d.h. ihnen wird gesellschaftlich immer noch die Rolle zugeschrieben, die gesamte Festtagsorganisation zu übernehmen, und alle Fäden in der Hand zu halten. 

Das haben die Mütter vorgelebt und viele Töchter übernehmen das Rollenbild ohne groß darüber nachzudenken. Jetzt kommt aber oft noch Berufstätigkeit dazu, alles unter einen Hut zu bringen, bedeutet besonders an Weihnachten eine große Herausforderung. 

Viele Männer sind ja meist mit dem „erjagen“ des Christbaums beschäftigt – das war es dann. Aber es gibt Gott sei dank immer mehr Männer, die sich aktiv in die Gestaltung des Familienalltages einbringen wollen. 

Und sie kümmern sich um den Wein. 

Birner: Genau, deshalb man muss alles besser aufteilen, das bedeutet jedoch, sich die Zeit zu nehmen, um zu sprechen, und auch diese Gespräche können anstrengend sein, weswegen sie oft vermieden werden. Weil viele ungelöste Paarkonflikte an Weihnachten um das Thema, „wer fühlt sich wie unterstützt und wertgeschätzt“ in dem was er tut, auftauchen. 

Wie ist das bei jungen Familien? 

Birner: Sie können oft gar nicht ihre eigenen Rituale aufbauen, weil sie an denen aus den eigenen Familien hängen, wenn sie dort am Heiligabend zu Besuch sind. Und wenn dann alle zusammen sitzen, wird es so gemacht, wie immer. Wenn aber unterschiedliche Familien aufeinander treffen, wird es schwierig. 

Was kann der Gastgeber tun? 

Birner: Beispielsweise kann er sagen, welche Themen er an Weihnachten meiden möchte, Politik zum Beispiel. Das sorgt ja oft für Zündstoff. Außerdem kann der Gastgeber auch vorschlagen, gemeinsam etwas zu kochen oder jeder kann etwas mitbringen. 

Bei Streit: Von drei rückwärts zählen

So wird auch der Stress rausgenommen. Man vergisst so das Wesentliche. Das, worum es eigentlich geht. Wie schön wir es haben und wie dankbar wir sein können. 

Wenn es an Feiertagen zum Streit kommt: Wie sollten Betroffene reagieren? 

Birner: Ich sage immer: Von drei rückwärts zählen. Obendrein sollte man keine Vorwürfe machen, sondern „Ich-Botschaften“ überbringen, wie „ich hatte mir eigentlich vorgestellt, dass...“ oder „ich war traurig, dass....“ 

Waren Sie selbst in Ihrem persönlichen Umfeld oder im Hinblick auf Ihre Arbeit als Psychologin mit Konflikten an Weihnachten konfrontiert?

Birner: Ich bin ja im Johannesheim in Feldolling tätig und da merke ich auch, dass die Jugendlichen sehr gestresst sind. Sie kommen teilweise aus schwierigen Verhältnissen und ihre Sehnsucht nach einer heilen Familie ist groß. Und dann kommt wieder dieser mediale Druck. 

Wann sind Streitigkeiten ein Grund, sich externe Hilfe zu suchen? 

Birner: Tatsächlich wenn es zu Handgreiflichkeiten kommt. Aber auch, wenn man schon Wochen im Vorfeld Angst vor Streitereien an Weihnachten hat. Wenn diese Angst die Hälfte meines Denkens beeinflusst. Dann sollte man sich einen professionellen Rat holen. 

Wie feiern Sie persönlich Weihnachten? 

Birner: Vor Jahren, als meine Mutter schwer krank war, haben wir den Stress rausgenommen und gesagt, dass wir alle auf der Fraueninsel spazieren gehen. Die Kinder haben anschließend den Tisch gedeckt und das Gemüse fürs Fondue geschnippelt. Einige Familien laden Freunde ein... Ich war in der Flüchtlingsarbeit tätig und so hatte ich mal einen Senegalesen und einen Syrer am Heiligabend zu Besuch. Das war lustig, die Gespräche waren gleich ganz andere. 

Die Beschleunigung an Weihnachten stoppen

Fremde Personen oder auch Freunde sind manchmal ganz gut, so kommen bestimmte Streitthemen gar nicht auf. 

Worin liegen Ihrer Meinung nach die Gründe, dass das Konfliktpotenzial mehr und mehr steigt? 

Birner: Eigentlich ist in dieser Jahreszeit Rückzug angesagt, um zu erspüren, wie es mir gerade geht und um innezuhalten, und wahrzunehmen, wie das Jahr gewesen ist und was mir gerade am Herzen liegt. Aber die Gesellschaft befindet sich auf einer Beschleunigungswelle. Wir entfernen uns immer mehr von der Natur, die es uns vormacht – sie macht nämlich Pause. 

Wir sind ständig mit der Wahrnehmung im Außen – online und haben noch 1000 Dinge zu erledigen.

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