Eine historische Halbe zum Geburtstag

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Es begann in einer kleinen Dorfbrauerei, heute wird das Ayinger Bier bis nach Las Vegas und Japan verkauft. 140 Jahre nach dem ersten Sud hat sich der Geschmack der Biertrinker verändert – doch mit einer bestimmten Sorte kann sich der Brauerei-Chef auch heute noch nicht anfreunden.

Jubiläum der Privatbrauerei Aying

von Dominik Göttler

Aying – Heute vor 140 Jahren griff Johann Liebhard zu seinem Tagebuch, bevor er sich ins Bett legte. Er hatte einen guten Tag hinter sich. Ein Jahr lang hatte er an seiner eigenen Brauerei gebaut und dafür kräftig investiert. Nun konnte er sein erstes, eigenes Bier ausschenken. Nach dem Abend in seiner Tafernwirtschaft in Aying (Landkreis München) notierte er ins Tagebuch: „Von uns das erste Bier ausgeschenkt, sehr gut und alles voll Leut.“ Und dass er mit seinem Gebräu nicht völlig danebenlag, zeigt seine Beobachtung: „Michl und Müller von Höhenkirchen solche Räusch, dass sie zehnmal umgeworfen.“

Heute ist die Ayinger Privatbrauerei noch immer in Familienbesitz – aber sie produziert mittlerweile rund 90 000 Hektoliter im Jahr und exportiert ihr Bier bis nach Japan und Las Vegas. Über die Jahre hat sich die Brautechnik rasant weiterentwickelt – „aber am Prozess des Bierbrauens haben wir nie etwas Grundsätzliches verändert“, sagt Franz Inselkammer senior, Liebhards Urenkel, der die Brauerei mit seinem Sohn führt.

Das Bier, das Johann Liebhard vor 140 Jahren seinen Gästen zapfte, dürfte allerdings anders geschmeckt haben, als es der heutige Hopfensaftzuzler gewohnt ist. „Es war ein dunkles, unfiltriertes Bier“, sagt Franz Inselkammer junior. „Und es muss wohl etwas leichter gewesen sein als das Dunkle, das wir heute kennen.“ Denn im 19. Jahrhundert bekamen die Knechte jeden Tag zwei Liter Bier als Teil ihrer Entlohnung, es wurde zu allen Mahl- und Tageszeiten getrunken. „Heute im Biergarten würden die Gäste so ein Bier wohl als scheps bezeichnen“, sagt Josef Sedlmaier, der bis zu seinem Ruhestand im Herbst über fünf Jahrzehnte als Brauer in Aying gearbeitet hat. Zum 140-jährigen Brauerei-Jubiläum will Franz Inselkammer junior trotzdem an die Anfänge erinnern und ein Geburtstagsbier brauen. Dunkel. Unfiltriert. Aber nicht scheps.

Über die Jahrzehnte hat sich mit dem Geschmack der Biertrinker auch das Sortiment der Ayinger Brauerei geändert. Das erste Helle, heute das meistausgeschenkte Bier aus Aying, brauten die Vorfahren des heutigen Bräus kurz nach dem Ersten Weltkrieg. Damals lag die Gesamtproduktion noch etwa bei einem Zehntel der heutigen Menge. In dieser Zeit wurde allmählich auch Flaschenbier angeboten – die Ploppverschlüsse wurden noch viele Jahrzehnte lang per Hand zugedrückt. Erst seit Mitte der 1970er-Jahre wird in Aying auch ein Weißbier gebraut.

Mittlerweile gehe der Trend auch wieder zum leichteren Bier, sagt Brauer Josef Sedlmaier. „Heute trinken auch immer mehr Frauen Bier, das war in meiner Jugend noch total unüblich“, sagt der 65-Jährige. Auf die verschiedenen Geschmäcker muss eine Brauerei natürlich reagieren. 14 verschiedene Biere werden in Aying mittlerweile gebraut – nur ein Alkoholfreies ist nicht dabei. „Wir hätten schon Ideen gehabt“, sagt Sedlmaier, aber dann deutet er lachend zum Chef. Franz Inselkammer junior bleibt da eisern: „Ich habe noch nie ein Alkoholfreies probiert, das mir geschmeckt hat.“ Also überlässt er die prozentfreie Halbe lieber anderen.

Den durstigen Herren Michl und Müller anno 1878 hätte ein umdrehungsfreies Gebräu vermutlich die Kopfschmerzen erspart. Aber ob das Ayinger Bier dann bis nach Japan gelangt wäre, ist mehr als fraglich.

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