REVOLUTION FÜR DIE OHREN: HANS WELL UND SEINE EHEFRAU VERTONTEN DIE UMBRUCHMONATE 1918/19 UND DIE GEBURT DES FREISTAATS

Eine Ehrenrettung für das Rote Bayern

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Von Dirk Walter. Zankenhausen – Der Freistaat Bayern – eine Erfindung der CSU?

Falsch, ganz falsch. An dem roten Revoluzzer Kurt Eisner, der in Bayern lange verfemt war (und auch heute noch ein bisschen ist), kommt man im Jubiläumsjahr nicht vorbei, sagt Hans Well. Der Kabarettist und Musiker, früher Biermösl Blosn, heute Wellbappn, ist im Jubiläumsjahr zum Historiker geworden – und bemüht sich zusammen mit seiner Frau Sabeeka um eine Ehrenrettung für das Rote Bayern.

So haben die Wells ihre Kontakte spielen lassen, Gisela Schneeberger und Gert Heidenreich gewonnen und eine Doppel-CD aufgenommen – ein Hörspiel zur Revolution. Es ist vielleicht das beste neue Geschichtswerk zur Revolution 1918 in Bayern. Auf dem Cover ist die Bavaria an der Theresienwiese blutrot eingefärbt. Eine Provokation. Die Revolution war lange Zeit unblutig, weiß Well, der viel Literatur gewälzt hat.

Die CD beginnt streng chronologisch mit dem Hungerwinter 1918/19 – darbende Mägen gaben der Revolution viel Nährstoff. Im Hungerwinter bewiesen spitzfindige Professoren, dass Kleie denselben Nährwert habe wie Mehl, die Kriegswurst bestand aus Dotschn, also Rüben, und Kartoffelkraut ersetzte Tabak. Well macht sich seinen eigenen Reim darauf. Er dichtet den Kriegs-Klassiker „Ich hat einen Kameraden, einen besseren findst du net“ als Gstanzl kurzerhand um:

Ich hat einen Schweinebraten, einen besseren findst du nit, ich wollt ihn grad verdauen, da fing er an zu miauen, so reden Schweine nit.

Das sitzt. Die Fallhöhe war nach der Niederlage im Ersten Weltkrieg groß – im Krieg hatten die Wittelsbacher noch Teile von Elsaß-Lothringen sowie Antwerpen als bayerischen Hafen versprochen. Stattdessen das pure Elend. Und dann kam Kurt Eisner.

Hans Well sitzt in der Küche seines Hauses in Zankenhausen, Landkreis Fürstenfeldbruck. Es gibt Kaffee und indisches Gebäck – Sabeeka Gangjee-Well, seine Ehefrau, stammt aus Kalkutta. Von dort stammt auch ein grüner, verschnörkelter Gartenzaun aus Eisen, den die Wells in Indien abgebaut und mit nach Zankenhausen genommen haben. Statt Weltreise unternahmen sie nun in den vergangenen Monaten eine Zeitreise.

Hans Well sagt: „Kurt Eisner war kein bayerischer Held. Er wollte vieles sein, nur kein Held, eine solche Bezeichnung wäre ihm suspekt gewesen. Er war quasi ein unheroischer Held und – Idealist. Idealist ist was anderes als ein Träumer. Der Münchner Romanist Victor Klemperer beschreibt ganz wunderbar, wie Eisner einmal in eine Versammlung kam: Es wurde mucksmäuschenstill. Eisner redete leise, die Leute wollten jedes Wort von ihm verstehen.“ Dann zitiert er:

Ich spreche nicht als Ministerpräsident, ich spreche als Unabhängiger und Verräter. Ich sollte Sie auffordern, unabhängig zu wählen. Ich tue es nicht. Folgen Sie Ihrer Meinung und lassen sie uns einig sein.

Well sagt: „Von den Beschreibungen seiner Zeitgenossen her wirkt Eisner sehr sympathisch. Vor allem der Mutterwitz, den er mitbrachte. Und immer ohne Pathos.“

Eisners Freistaat, sagt Well, brachte Bayern zahlreiche Errungenschaften: den Acht-Stunden-Tag, die Trennung von Kirche und Schule, das Frauenwahlrecht. Beeindruckend sind auch die Ideen von Gustav Landauer, der als eine Art Kultusminister wirkte. Für ein Zehnerl in die Oper, das war sein Motto. „Ich habe auch mal Lehrer studiert“, sagt Well, „aber was der Landauer für einen modernen Schulunterricht einführen wollte – da reibt man sich die Augen.“ Lernen in Gruppen statt Lehrer-zentriert; die Prügelstrafe wurde abgeschafft, der Einfluss der Pfarrer minimiert. „Das hat ihm die Kirche sehr übel genommen“, sagt Sabeeka Gangjee-Well.

Well, geboren 1953, ging in den 1960er-Jahren aufs Münchner Theresien-, später aufs Ludwigsgymnasium. „Über die bayerische Revolution haben wir damals nichts erfahren. Novemberverbrecher und die Dolchstoßlegende – solche Schlagworte aus der Nazizeit waren im Bayern der 1950er- und 1960er-Jahre noch ganz normal. Ich bin mit der Gewissheit aufgewachsen, dass die Deutschen nicht im Felde besiegt worden sind. Auch von den Eltern habe ich es lange Zeit nicht anders gehört.“

Dabei war sein Vater Hermann Well selbst Lehrer, aber auch von ihm, sagt Well, habe er „eher wos über de oidn Germanen“ gehört – aber nichts über das Rote Bayern.

„Viele denken wahrscheinlich noch heute, der Freistaat Bayern ist gegründet worden von der CSU und dem Ochsensepp“, meint Well. „Viele Leute reagierten auf Lesungen so: Was? In Bayern eine Revolution? Das gibt’s doch gar nicht. Das haben wir nicht gewusst. Die Revolution wurde seit ihrer Zerschlagung totgeschwiegen.“ Und auch jetzt werde ein schiefes Geschichtsbild gepredigt: „Die Regierung verquickt doch im Jubiläumsjahr 2018 zwei Dinge miteinander, die nichts miteinander zu tun haben. 100 Jahre Freistaat – 200 Jahre bayerische Verfassung, heißt es. Das geht nicht. Die Verfassung von 1818 war doch eine Verfassung von oben, die Revolution 1918 kam von unten, von der Bevölkerung.“

Die Revolution in Bayern wurde also totgeschwiegen – ein Irrwitz, wenn man bedenkt, dass es literarisch hochwertige Zeitzeugen gab, die ihre Ideen und Erlebnisse niederschrieben. Aus diesem Fundus schöpfte man, wie Hans Well sagt. „Ernst Toller, Victor Klemperer, Max Hirschberg, Oskar Maria Graf, der Bauerndichter Georg Queri – und diese Liste ist unvollständig. Queri war übrigens im Arbeiterrat von Starnberg mit dabei. Diese Schriftsteller waren keine Träumer, Spinner oder Fantasten“ – wie oft behauptet werde.

„Was für eine Interpretation ist das denn bitte, dass man die alten Behauptungen der Revolutionsgegner von anno dazumal einfach übernimmt?“, empört sich da Sabeeka Gangjee-Well. Sie hat sich eingelesen, kennt Feuchtwanger, Queri und Graf beinahe auswendig. Vom Revolutionskarneval habe Ludwig Thoma gespottet. Das Gegenteil sei richtig. Noch etwas ist Hans Well wichtig: „Es war eine bayerische, keine Münchner Revolution. Riederau, Augsburg-Pöttmes, Dachau, Schrobenhausen, Starnberg – überall gab’s revolutionäre Regierungen. Das Besondere war, dass auch Bauern dabei waren, Leute wie die Brüder Gandorfer und oberbayerische Bauern wie Georg Eisenberger.“ Sogar beim Bürgermeister von Ruhpolding stand neben dem Königsbild ein Eisner-Foto auf dem Schreibtisch.

Aber natürlich solidarisierte sich auch das Münchner Milieu mit dem Umsturz.

I bin da Kare vo Giasing, i friss koa Fleisch, mia glangt da Wiasing. I bin bei de Revoluzza, bin nimma Stiefeputzer. I bring in d’Regierung die Giasinger Sicht, dass da Unter an Ober sticht.

Well sagt: „Eisner galt zunächst auch beim Bürgertum als große Autorität. Die alten Autoritäten, Militär und Adel, die das Land in eine Katastrophe geführt hatten, waren ja gescheitert.“ Auf der CD heißt es:

Da Eisner marschiert mit seine Leit Richtung Landtag nüber, überall wo’s hikemma, laufa d’Soldaten über.

Die Soldaten des ersten Leibregiments gaben ihrer Garnison sogar den Namen Karl-Liebknecht-Kaserne – Karl Liebknecht, der in Berlin grausam erschlagene Kommunist, dessen Kinder im niederbayerischen Gutshof der Gandorfers Zuflucht gefunden hatten. Nur die Kirche wahrte von Anfang an Distanz zur Revolution. Well zitiert auf der CD antisemitische Schmähungen, mit denen der päpstliche Nuntius Pacelli Kurt Eisner bedachte. Auch viele kirchentreue Münchner hatten irre Angst. Als Revolutionäre nach dem Mord an Eisner den Mesner der Frauenkirche suchten, damit er bei der Beerdigung die Glocken läutet, soll dessen Frau einen furchtbaren Schreck bekommen haben:

Jessas. Hams a Erbarmen und daschiaßn eahm ned, er hat ja eh an Ischias.

Was Eisner so glaubwürdig machte, meitn Well, war seine Haltung als Pazifist. „Das unterschied ihn von der MSPD, der Mehrheitssozialdemokratie der damaligen Zeit, die den Kriegsanleihen zustimmte.“ Überhaupt: Auf die SPD ist Hans Well nicht gut zu sprechen. Vor ungefähr fünf Monaten erhielt er eine Einladung zu einem Gedenkakt zum 150. Geburtstag des unabhängigen Sozialdemokraten Kurt Eisner. Unabhängig also klein geschrieben. Das war kein Rechtschreibfehler, ist sich Well sicher. „Das war Geschichtsklitterung.“ Well ist dann nicht zum Festakt gegangen. Die SPD würde Eisner so gerne vereinnahmen, sagt er. Aber das gehe nicht. Erhard Auer, der SPD-Landesvorsitzende, habe ja dem nach dem Attentat angeschossenen Eisner-Mörder Graf Arco sogar Blumen zur Genesung geschickt.

Das Ende vom Lied war ein Blutbad: standrechtliche Erschießungen, Willkür-Morde. Die genaue Zahl der Todesopfer ist bis heute nicht bekannt, kein Historiker hat das ermittelt. Die Schätzungen reichen von 650 bis weit über 1000. Unter den Tätern waren auch Mitglieder der Brigade Ehrhardt, einer besonders berüchtigten Soldatengruppe, „die schon das Hakenkreuz am Stahlhelm“ trug. Es kostete den Wellbappn einige Überwindung, das Ehrhardt-Lied für die CD zu vertonen.

Kamerad, reich mir die Hände. Lasst uns zusammen stehen. Mir zeigen’s diesen Novemberverbrechern, dieser Geist soll nie wieder wehen. (...) Die Brigade Ehrhardt schlägt alles kurz und klein, Wehe Dir, wehe Dir, Du Arbeiterschwein.

Herr Well, was bleibt vom Roten Bayern? Der Künstler blickt hinaus in seinen Blumengarten. „In 100 Tagen Revolution gab es mehr Ideen als in den 50 Jahren vorher.“ Das hat Heinrich Mann gesagt. Zumindest aber die Erinnerung an Kurt Eisner müsse wachgehalten werden, auch durch ein sichtbares Zeichen. „Eine Bodenplatte an der Mordstelle ist zu wenig.“ Neben all den Königen und Feldherrn, deren Großstatuen es in München gibt, wäre doch auch ein Denkmal für Eisner am Landtag „das Normalste der Welt“, sagt Well.

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