„Ein schwerer Schicksalsschlag“

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Sechs junge Menschen feiern zusammen in einer Gartenlaube – am nächsten Morgen sind sie tot. Auch am Tag nach dem Drama von Arnstein rätselt die Polizei, wie das passieren konnte. Die Einwohner der unterfränkischen Kleinstadt versuchen derweil, das Geschehene zu verstehen.

Trauer in Arnstein 

Arnstein – Vor dem Rathaus weht wie immer die Arnsteiner Fahne – schwarz, weiß, grün, darauf das Stadtwappen. Aber da ist dieses Detail: ein Trauerflor, der ahnen lässt, dass in der 8000-Einwohner-Stadt nichts ist wie immer. Drin sitzt Franz-Josef Sauer (CSU), Arnsteins Zweiter Bürgermeister, und sucht nach den richtigen Worten. Er sagt: „Es ist für uns ein schwerer Schicksalsschlag, so viele junge Menschen zu verlieren.“

Arnstein im Kreis Main-Spessart war bisher allenfalls für sein Schloss bekannt. Seit Kurzem steht der Name der kleinen Stadt nördlich von Würzburg vor allem für eine unfassbare Tragödie.

In einer kleinen Gartenlaube am Rande des Orts sind in der Nacht auf Sonntag sechs Jugendliche im Alter von 18 und 19 Jahren ums Leben gekommen (wir berichteten). Sie hatten zusammen in der ziemlich abgelegenen Hütte gefeiert. Als der Vater eines Geschwisterpaars am nächsten Morgen nach dem Rechten sehen wollte, fand er die Leichen – auch die seiner Kinder Rebecca, 18, und Florian, 19. Bürgermeister Sauer traf kurz darauf auf den schockierten Mann. „Ihm in die Augen zu sehen, das kann man in keiner Schule lernen.“

Zu den Ermittlungen sagt Sauer nichts. Und auch die Polizei hält sich mit Auskünften bewusst zurück. Man wolle nicht irgendwelche Spekulationen befeuern, sagt Sprecher Björn Schmitt. Nach wie vor gebe es aber keine Hinweise auf ein Verbrechen. Um klarer zu sehen, müsse man die Ergebnisse der Obduktion abwarten. Die Opfer sollen auch auf „körperfremde Stoffe“ untersucht werden, also „auf alles, was zum Tod der Jugendlichen geführt haben könnte“. Auch hier will Sauer nicht konkreter werden. Die Ergebnisse der Untersuchungen sollen in den nächsten Tagen vorliegen.

Die bislang plausibelste Erklärung für den Tod der Jugendlichen ist eine mögliche Kohlenmonoxid-Vergiftung. In der Unglücksnacht war der Holzofen, der zur Hütte gehört, in Betrieb. Es wäre jedenfalls nicht das erste Szenario dieser Art.

„In der kalten Jahreszeit kommen Kohlenmonoxid-Vergiftungen häufig vor“, sagt Randolph Penning vom Institut für Rechtsmedizin an der LMU München. Ursache sei meist ein Feuer in einem geschlossenen Raum, in dem zu wenig Sauerstoff vorhanden ist. Das Holz verbrennt deshalb nur teilweise, Penning spricht von einer „unvollständigen Verbrennung“. Dabei entsteht Kohlenmonoxid. Das wiederum ist geruchslos, der Körper sendet keine Warnsignale aus. Betroffenen wird allenfalls schwindelig. Penning sagt: „Man hat meist keine Chance.“

Es ist eine Möglichkeit unter vielen. Aber die Menschen in Arnstein spekulieren nicht, sie trauern. „Unsere Kinder sind noch kleiner“, sagt eine Frau, die in einem Café in der Ortsmitte sitzt. „Aber man überlegt sich schon: Was wäre, wenn das jetzt unsere Kinder wären?“ Die Opfer kamen alle aus der Gegend, das Geschwisterpaar und ein weiterer junger Mann aus Arnstein selbst. Die Frau im Café kennt die Opfer und ihre Familien. „In die Situation reinversetzen kann sich niemand.“

Auch Bürgermeister Sauer glaubt, dass die Tragödie an keinem Bewohner spurlos vorbeigegangen sei. „Wir müssen schauen, dass wir auch unsere Stadt so gut es geht begleiten“, sagte er und fügt dann schnell an: „Heute gilt unsere ganze Fürsorge den Betroffenen.“

Am Nachmittag setzten sich Politiker, Feuerwehr und Seelsorger zu einem Krisenstab im Rathaus zusammen. Es sollte darum gehen, wie man den hinterbliebenen Familien am besten zur Seite stehen kann. Für den Abend war außerdem eine ökumenische Trauerfeier geplant. Eingeladen waren nur die Familien der Opfer. Im Anschluss sollten sie die Möglichkeit bekommen, mit Seelsorgern der Diözese Würzburg zu sprechen.

Viele Fragen sind offen, die Schmerzen sind groß. Und Arnstein versucht, damit klarzukommen. Ein schwerer Weg, die Eindrücke der vergangenen Tage sitzen tief. Feuerwehrkommandant Jürgen Illek sagte der „Main-Post“, er habe schon viele Tote gesehen. „Doch so etwas Schlimmes habe ich noch nie erlebt.“ Und Landwirt Anton Hartmann, 68, der den 19-jährigen Kevin kannte, sagt: „Es geht mir nahe, ich habe selbst mal ein Enkelkind verloren. Es ist hart. Schulden kann man zurückzahlen, aber ein Leben nicht zurückholen.“ mm/lby/mc

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