Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für . Danach können Sie gratis weiterlesen.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf
  • Jetzt für nur 0,99€ im ersten Monat testen
  • Unbegrenzter Zugang zu allen Berichten und Exklusiv-Artikeln
  • Lesen Sie nahezu werbefrei mit aktiviertem Ad-Blocker
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.


Berühmter Sohn Oberaudorfs

Politiker, Fußballfan, Familienmensch: Ex-Ministerpräsident Edmund Stoiber feiert 80. Geburtstag

Edmund Stoiber
+
Der ehemalige bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber (CSU) schaut in die Kamera.
Alle Autoren
    schließen
  • Mike Schier
    Mike Schier
  • Christian Deutschländer
    Christian Deutschländer
  • Georg Anastasiadis
    Georg Anastasiadis

Edmund Stoiber war von 1993 bis 2007 Ministerpräsident von Bayern. In seiner politischen Laufbahn hat der gebürtige Oberaudorfer noch viel mehr erlebt. Seit 50 Jahren ist er in der CSU. Am 28. September wird er nun 80 Jahre alt. Ein Gespräch über Höhen und Tiefen eines Politikerlebens.

Wolfratshausen – Die Bugwelle war früher größer: Vorauskommando, Polizei in den Ecken, eine Kolonne aus dunklen Wagen mit Blaulicht, trotzdem immer eine Dreiviertelstunde zu spät. Und nun das: Ein leiser Audi biegt um die Kurve, am Steuer ein älterer Herr mit Trachtenjanker und modischer Sonnenbrille. Edmund Stoiber parkt ein, schwungvoll, aber nicht stürmisch. Er steigt in aller Ruhe aus, schaut freundlich in die Runde. Jaja, hebt er an, selber Auto zu fahren nach all den Jahrzehnten mit Fahrer, das hätten ihm die Kinder dringend geraten. Von der Rückbank holt er noch eine dunkle Kappe, passt nicht zum Janker, aber schützt vor Sonnenbrand. Ach ja, und: Er ist pünktlich. Auf die Minute.

Ein Septembernachmittag kurz vor seinem Geburtstag, wir sind mit Edmund Stoiber auf einen Spaziergang verabredet. Über München hängt die Nebelsuppe, aber er hat den Bergkramerhof bei Wolfratshausen vorgeschlagen. Quer über den Golfplatz, eine Runde durchs Wäldchen, zu seinem Lieblings-Bankerl, eine halbe Stunde ist angesetzt, dann ein Kaffee. Und sicherheitshalber kein Anschlusstermin, Gespräche mit Stoiber dauern manchmal länger. Dieses erst recht, es geht ja um das leben des gebürtigen Oberaudorfers. 80 Jahre.

Sie feiern in diesem Jahr ein Doppeljubiläum – 80. Geburtstag und 50 Jahre in der CSU. Wen kennt man da besser? Die eigene Frau oder die Partei?

Edmund Stoiber (lacht): Na, meine Frau kenne ich noch viel länger als die CSU. 53 Jahre verheiratet, wir haben uns am Anfang des Erwachsenenlebens kennengelernt. Und wenn ich zurückblicke auf dieses Leben, steht Karin im Mittelpunkt. Sie war entscheidend. Die Politik hat den Rhythmus unseres Alltags über vier Jahrzehnte bestimmt. Und meine Frau hat sich das nicht ausgesucht. Sie hat doch damals einen jungen Rechtsreferendar geheiratet, nicht den Generalsekretär, Parteivorsitzenden oder Ministerpräsidenten, der mit seiner Familie voll im öffentlichen Leben steht.

Früher haben wir von Lesern manchmal gehört: Wenn die Frau so ne ist, kann der Stoiber ja nicht so schlimm sein.

Stoiber: Ja, sie hat in jeder Phase immer Kontakt zu den Menschen im Alltag gehabt, jeden Tag. Sie hat manche Ecke von mir weicher gezeichnet. Ich habe große, große Dankbarkeit, auch den Kindern gegenüber, die es nicht immer leicht haen, mit dem Namen Stoiber aufzuwachsen.

Lesen Sie auch: Wenn Träume platzen: Die Prognosen der regionalen Politiker vor der Bundestagswahl

Sie haben riesige Triumphe gefeiert, einmal sogar an der Zwei-Drittel- Mehrheit gekratzt…

Stoiber: …nicht nur gekratzt! Zwei Drittel der Mandate bei 60,7 Prozent, 2003 war das…

– und wir fragen uns: Was hatten Sie als Politiker, was andere heute oft nicht mehr haben?

Stoiber: Schwierig zu beantworten. Jede Zeit hat ihre Eigenheiten. Das klingt jetzt wie eine Binsenweisheit. Aber die Gesellschaft hat sich in den letzten 20 Jahren so enorm verändert, dass 60 Prozent für eine Partei heute unerreichbar sind. Weil wir keine deutlichen Mehrheiten mehr haben, weil wir überall Koalitionen formen müssen, ist Politik heute kompromissorientierter, weniger konfrontativ und emotional.

Weniger leidenschaftlich.

Stoiber: Ein Vergleich mit meiner Zeit wäre unfair. Aber, stimmt, die Leute haben oft gesagt: Der Stoiber ist mit Leidenschaft dabei. „Sie kreuzen eine Spielbahn“, steht auf dem Schild. Man möge zügig weitergehen. Stoiber kümmert das nicht. Er bleibt oft stehen, gestikuliert, argumentiert. Der entgegenkommende Mann auf dem Rasenmäher muss dann halt ein bisschen warten, und die Golfer schauen eh neugierig rüber. Hier erkennt ihn jeder, man grüßt respektvoll, lässt sich aber ansonsten in Ruhe. Wenn Stoiber dann weitergeht, blicken sie ihm alle nach. „Seine Reden damals“, raunt einer dem Mitspieler zu, es klingt eher wehmütig als spöttisch.

Lesen Sie auch: Unionsfraktion droht Zerreißprobe bei Wahl des Fraktionsvorsitzenden

Wir wundern uns manchmal über die CSU. Über die Leichtigkeit, mit der Söder früher unverwechselbare Positionen beiseite räumt. Geht Ihnen zum Beispiel das Anbiedern an die Grünen zu weit? Sie haben nie Bäume umarmt.

Stoiber: Moment. Das Thema Klimaschutz begleitet uns seit Rio 1992. Wir haben gelernt, dass die Erde sich auch durch den Menschen immer schneller erwärmt, dass das weltweit Naturkatastrophen zur Folge hat. Die Natur zu schützen, unser heutiges Leben zu erhalten, ist nicht grün, sondern konservativ. Es ist die zentrale Herausforderung für die Menschheit! Die Union muss es schaffen, eine soziale und ökologische Marktwirtschaft zu formen. Da gibt es noch massive Interessenkonflikte, auch soziale, zu bewältigen. Und auch als bald 80-Jähriger sehe ich sehr genau, wie heftig die jungen Menschen dieses Umdenken einfordern.

Und wenn Söder heute sagt, die Migrationspolitik Merkels 2015 sei ganz prima gewesen…

Stoiber: …das sagt er nicht. Wir müssen eine unglaubliche Integrationslast von 2015 aufbringen. Mehr als die Hälfte der Million Flüchtlinge, die damals gekommen und geblieben sind, sind noch nicht in Arbeit und dadurch nicht integriert. Auch Angela Merkel sagt: 2015 darf sich nicht wiederholen. Das war eine Herausforderung, die wir noch nicht bestanden haben. Und noch mal so eine Situation, das würde unser Land überfordern. Als CSU müssen wir auch immer von den Leuten ausgehen, die 2500 Euro im Monat verdienen und davon ihre Familie ernähren, nicht von den Repräsentanten unseres Landes, die sprachgewandt in Talkshows sitzen.

Zu ihrem Lebenswerk gehört der schuldenfreie Haushalt. Schmerzt es extrem, wenn Sie sehen, wie heute die Milliarden verpulvert werden?

Stoiber: Wir machen in der Pandemie 470 Milliarden Euro Schulden und setzen mehr als alle anderen Länder Europas an öffentlichen Mitteln ein. Das konnten wir, weil wir vorher so stark und solide gewirtschaftet hatten.

Lesen Sie auch: Ates Gürpinar (Linke) im Bundestag: Daniela Ludwig für Rosenheim nicht mehr allein in Berlin

Also: Blutet das Herz?

Stoiber: Der ausgeglichene Haushalt bleibt gültig. Er steht in Bayern und in Deutschland in der Verfassung! Söder und Laschet bekennen sich ausdrücklich dazu. Deshalb werden wir künftig wieder priorisieren müssen, Ausgaben auch mal zurückstellen, und nicht den bequemen Weg in die Schulden weitergehen. Da unterscheiden wir uns fundamental von Rot und Grün.

Ist die CSU noch eine Volkspartei, wenn sie vor der Bundestagswahl unter 30 Prozent steht?

Stoiber: Selbstverständlich. Das bleibt immer unser Anspruch. Wir wollen mit unseren christlich geprägten Grundsätzen alle Schichten erreichen, auch wenn das immer schwieriger wird. Ich weiß, ich höre dieses Mal viele Gründe, warum die Union mal einen Denkzeel bekommen solle, Corona, Glaubwürdigkeit, langes Regieren, Auswahl des Spitzenkandidaten, dieses und jenes. Aber ich kann nur warnen: Rot-Rot-Grün in Berlin ist sehr real, zum ersten Mal in der deutschen Geschichte. Das heißt: wirtschaftliche Schwächung, Umverteilung, Enteignung, Mehrbelastung ganz besonders für das leistungsstarke Bayern!

Längst ist die erste Stunde vorbei. Der Spaziergang führt durch den Wald, eine Schar hungriger Stechmücken fällt über die Runde her; nur nicht über Stoiber: Der gestikuliert so heftig beim Thema Rot-Rot-Grün, dass sich kein Blutsauger ran wagt. Aber eigentlich soll es ja um ihn gehen, um sein Leben.

Wenn Sie über sich selbst nachdenken: Was halten Sie für Ihre größte Stärke, Ihre größte Schwäche?

Stoiber: Die Stärke? Die Leute haben mir zu verstehen gegeben: Der Stoiber glaubt daran, was er sagt. Der Einsatz für Bayern, Modernisierung, „Laptop und Lederhose“, das verbinden die Menschen noch heute mit mir. Die Schwäche? Ich versuche immer, allem nachzugehen, jeder Sorge und Bitte. Noch heute bekomme ich jeden Tag fünf, sechs Bürgeranliegen auf den Tisch. Kleine, mittlere, größere. Vielleicht mache ich zu viel, zu detailliert.

Der Aktenfresser.

Stoiber: Ja, der Aktenmensch, das habe ich oft gelesen. Es gab halt auch viele Vermerke, wo ich als Minister oder Ministerpräsident draufgeschrieben habe: Bitte genauer erklären. Dann kamen eben nochmal zwei Seiten. Aber dann war ich drin in der Materie.

Lesen Sie auch: Schäuble drückte Laschet als Kandidat durch - nun muss er selbst büßen und verliert wohl sein Amt

Schauen wir zurück auf ein paar Wendepunkte. 2002, die um 6000 Stimmen verlorene Kanzlerkandidatur. Denken Sie heute: Verdammt, die paar Stimmen häe ich holen können?

Stoiber: Nein. Rückblickend höre ich manchmal, ich hätte damals in den Osten ins Hochwassergebiet reisen sollen. Aber ich wollte nicht als Kandidat, der noch keine unmittelbare Zuständigkeit hat, Wahlkampf machen mit den Opfern der Flut. Heute glaube ich ohnehin: Entscheidend war das außenpolitische Thema, die Lage im Irak.

Sie sind in Bayern geblieben, 2003 der Zwei-Drittel-Triumph, dann der Beginn des Abstiegs. War es ein Fehler, 2005 nochmal mit Berlin zu kokettieren, Superwirtschaftsminister?

Stoiber: Das ist der einzige Punkt, den ich heute anders machen würde. Ich war damals voller Leidenschaft, ich wollte mit Angela Merkel 2005 Schröder und Fischer ablösen und „Laptop und Lederhose“ auf ganz Deutschland übertragen: Wirtschaft, Forschung, Technologie. Da gab es unerwartete Hindernisse. Heute weiß ich: Wenn Du einmal als CSU-Vorsitzender Kanzlerkandidat warst, und ist es noch so knapp ausgegangen, dann soll’s das gewesen sein.

Sie hätten EU-Kommissionspräsident werden können und wollten nicht. Bereuen Sie das nicht?!

Stoiber: Nein. Schröder und Chirac haben es mir 2003/04 in langen Gesprächen angeboten. Auch Blair war einverstanden. Damals gab es aber noch die Hoffnung, dass die rot-grüne Bundesregierung mit ihrer knappen Mehrheit platzt. Deshalb bin ich in Deutschland geblieben.

Bundespräsident hätten Sie auch sein können!

Stoiber: Stimmt, es waren viele dafür, auch Angela Merkel. Ein tolles Amt, ein wichtiges Amt – aber ich war immer mehr ein Akteur als ein Repräsentant. Ich wollte gestalten.

Lesen Sie auch: Mühldorfer Kandidaten Bubendorfer-Licht (FDP) und Lang (AfD): deutlich drin – knapp draußen

2007 wurden Sie in Bayern zum Rücktritt gedrängt, die CSU sank auf unter 50. Heute wäre das ein fulminanter Sieg. Bitterkeit in der Rückschau?

Stoiber: Ich habe nie nachtarockt. Schon im Wahlkampf 2008 habe ich zum Beispiel eine große Veranstaltung gemacht, ein riesiges Zelt in Freising mit 3000 Besuchern und Hunderten von Flughafengegnern, und habe aufgerufen, Günther Beckstein zu wählen. Sie werden nie erleben, dass ich mit Beckstein, Huber, Seehofer, Waigel oder jetzt mit Söder hadere. Umgekehrt manchmal schon... Mag sein. Ich nicht.

Keine Genugtuung, dass es nach dem Stoiber-Sturz schlechter lief als vorher?

Stoiber: Nein. Es ist meine Partei, ein Stück meines Lebens. Und ich weiß, ich habe dieser Partei, deren Ehrenvorsitzender ich sein darf, manchmal mit Reformen auch einiges zugemutet.

Sie haben die aktive Politik im Herbst 2007 verlassen. Wie haben wir uns Ihr Leben seither vorzustellen? Frühmorgens raus?

Stoiber: Um halb sieben aufstehen. Einen Überblick bekommen, was ist los im Land. Lesen – ich beginne seit Jahrzehnten immer mit eurer Zeitung (Münchner Merkur, Anm. d. Red.) –, telefonieren, dann als Rechtsanwalt nach München ins Büro fahren, oft bis abends Gespräche.

Während Corona: Home-office in Wolfratshausen?

Stoiber: Ja, mit Telefonkonferenzen und Zoom-Calls. Den Umgang musste ich als analoger Mensch auch erst mal lernen. Wenn ich im digitalen Verkehr nicht mehr weiterwusste, habe ich eben meine Enkel gefragt. Die können es mir nicht genau erklären – aber wissen immer, wie es geht.

Das heißt dann: „Kinder, kommt her, verbindet mich mal schnell mit Merkel und Söder!“

Stoiber: (lacht) Mit Angela Merkel habe ich nur noch sporadisch zu tun. Mit Markus Söder schreibe ich häufig SMS, aber ich möchte mich nicht ungefragt einmischen. Ich habe für mich damals auch in Anspruch genommen, nicht ständig öffentliche Ratschläge von Altvorderen zu bekommen.

Sie hatten damals ein Kabine mit bundesweit bekannten Schwergewichten. Wiesheu, Faltlhauser, Huber, Stamm, Stewens, Beckstein. Warum gibt es sowas nicht mehr?

Stoiber: Ich komme aus einer sehr diskussionsfreudigen Zeit. Ich wollte die Breite der Volkspartei im Kabine abdecken. Aber Vergleiche mit heute wären unfair. Auch aktuell hat Bayern bundesbekannte Minister, denken Sie an den Gesundheitsminister Holetschek. Für viele andere Minister, eigentlich die ganze CSU, war es in der Zeit der Pandemie extrem schwierig, den Kontakt mit dem Bürger aufrechtzuerhalten und sich in der Pandemie mit anderen Themen zu profilieren. Der kurze Spaziergang, es sind gut anderthalb Stunden, nähert sich dem Ende. Zum Café soll’s am Ende gehen, Cappuccino und Apfelkücherl. Eine Runde sehr lebhafter älterer Herren sitzt nebenan auf der Terrasse, und das wohl schon länger. „Edmund“, rufen sie im Chor. Stoiber stutzt, man kennt sich eigentlich nicht, es ist ein Stammtisch aus der Nähe von Nürnberg. Natürlich geht er hin, plaudert ein paar Minuten. Mit Abstand, kein Händedruck wegen Corona, kein Ganz-nah-Selfie, aber ne und neugierig im Ton.

Sie wollen jetzt echt mal ein bisschen kürzertreten. Was heißt das?

Stoiber: Mein Leben ist so, wie ich es mir wünsche. Aber es ist immer anstrengend gewesen. Es kommt jetzt schon ein Schnitt. Ich behalte nur noch die Aufgaben bei Pro7 und beim FC Bayern. Beim FC Bayern bin ich übrigens noch länger als bei der CSU. Aber ich werde am Jahresende mein Büro aufgeben, keine Mitarbeiter mehr haben.

Dann managen Sie sich eben selbst. Klappt das?

Stoiber: Das weiß ich noch nicht. Aber nach der aktiven Politik habe ich vieles neu lernen müssen: selbst Autofahren, Reisen organisieren, mich an Flughäfen zurechtfinden. Meine Familie wird mir helfen: Drei Kinder, acht Enkel zwischen 1 und 22 Jahren – die halten mich schon jung, und ich bin sehr dankbar dafür.

Mehr zum Thema

Kommentare