Kultusminister Piazolo angezählt

Distanzunterricht in Bayern in letzter Minute abgesagt: Der große Schulfrust

Unterricht in Zeiten von Corona.
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An Präsenzunterricht ist derzeit nicht zu denken. In fast allen Schulen in Bayern fällt in nächster Zeit auch der ursprünglich geplante Distanzunterricht erst einmal flach.
  • Moritz Kircher
    vonMoritz Kircher
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Wochenlang haben sich Bayerns Schulen auf Distanzunterricht vorbereitet, doch Kultusminister Piazolo macht ihnen kurzfristig einen Strich durch die Rechnung. Das verärgert nicht nur Lehrer und Schüler. Der Minister ist angezählt.

Miesbach – Rainer Dlugosch ist Leiter des Gymnasiums Miesbach – und muss sich gerade sehr aufregen. Schuld ist Bayerns Kultusminister Michael Piazolo (Freie Wähler), der am Montag hunderttausende Eltern, Schüler und Lehrer überrumpelte, indem er den Distanzunterricht für die meisten Schüler abblies. „Ich halte die Entscheidung für nicht nachvollziehbar“, sagt Dlugosch. Die Lehrer seien für Distanzunterricht vorbereitet. „Das war so geplant und das hätten wir auch hinbekommen – gesichert von 8 bis 13 Uhr täglich. Die Schüler wären versorgt gewesen.“ Kaum ein Thema treibt Bayerns Familien so sehr um wie das Dauer-Hin-und-Her in den Schulen.

Verwirrung um den Distanzunterricht

Es ist schwer, den Überblick zu behalten. Im Freistaat lernt man gerade nicht fürs Leben, sondern von Tag zu Tag ein bisschen anders. Immerhin ist nun fix, was ab dem 16. Dezember bis Ende der Woche gilt: Distanzunterricht soll es nur in Abschlussklassen und Berufsschulen geben. Untere Klassen bekommen nur Material zur Selbstbeschäftigung.

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Die Verwirrung um den Distanzunterricht ist jüngster Höhepunkt eines konstanten Durcheinanders in Bayerns Corona-Schulpolitik. Nicht nur die Schulen sind es allmählich leid, auch in der Opposition ist die Zeit der Geduld mit Piazolo vorüber. Der ganze Ärger macht sich gestern im Landtag bemerkbar.

Opposition greift Minister für fehlendes Unterrichtskonzept an

„Diese Kultuspolitik ist Chaospolitik pur“, sagt die SPD-Bildungsexpertin Simone Strohmayr. Es gebe kein Konzept, keine Endgeräte an den Schulen, kurz: keine Digital-Politik. Schon am Vormittag hatten sie und ihre Fraktionskollegin Margit Wild der Staatsregierung vorgeworfen, bei der Bereitstellung der digitalen Infrastruktur gescheitert zu sein.

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Auch den Grünen fehlt jedes Verständnis. „Was macht dieser Kultusminister den ganzen Tag?“, fragt Fraktionschefin Katharina Schulze in ihrer Antwort auf die Regierungserklärung von Ministerpräsident Markus Söder (CSU). Die Staatsregierung habe das Vertrauen in ihre Fähigkeit, für Bildungsgerechtigkeit zu sorgen, verspielt. „Wenn wir im Januar wieder hier stehen, erwarte ich, dass es ein Konzept gibt, wie digitaler Unterricht funktionieren kann.“ Gleiches fordert übrigens auch Söder, er formuliert es bloß netter.

Kein Verständnis für die Probleme in Bayern

Der, um den es geht, hört sich die Schelte gar nicht erst an. Michael Piazolo ist nur bei Söders Regierungserklärung im Saal und verschwindet dann. Dafür verteidigt der Fraktionschef der Freien Wähler, Florian Streibl, ihn mit Händen und Füßen. „Ich denke, dass wir einen absolut starken Bildungsminister haben“, ruft er beinahe atemlos ins Mikro. Die Kritik an Piazolo, auch die Rücktritts-Forderung des FDP-Bildungsexperten Matthias Fischbach, nennt er eine „Oppositionsdiskussion“. Der Applaus dafür ist auffällig verhalten.

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Die bayerische Kapitulation vor dem Online-Unterricht schlägt Wellen – bis in den Norden der Republik. Aus Braunschweig meldet sich bei unserer Zeitung gestern ein Sprecher der Firma IServ, einem Dienstleister für Schulplattformen. Am Montag hätten über diese Plattform eine Million Teilnehmer gleichzeitig Videokonferenzen veranstaltet – wo denn das Problem in Bayern liege?

Ein professionelles, bestehendes System als Lösung für Distanzunterricht?

Das ist natürlich rhetorisch gemeint, zu gerne würde hier ein Dienstleister ins Geschäft mit dem Ministerium kommen. Das aber hat sich schon für eine Lernplattform entschieden, eigentlich für zwei. Mebis ist die vom Ministerium selbst entwickelte Plattform, sie funktioniert leidlich gut, wenn sich nicht zu viele Lehrer gleichzeitig einloggen. Vergangene Woche brach das System zwei Mal zusammen.

Technisch überlegen ist die Microsoft-Lösung MSTeams, eine Plattform, die auch Liveunterricht ermöglicht. Ernst zu nehmende Stimmen raten dem Ministerium, nicht weiter Millionenbeträge in ein wertloses System zu stecken – ein Gigant wie Microsoft sei nicht zu schlagen.

Details zum Distanzunterricht erst im Kleingedruckten

Am Dienstag, als die Empörung über den abgesagten Distanzunterricht längst um sich greift, reagiert auch das Ministerium – mit einer eher missverständlichen Pressemitteilung: „Kultusministerium stellt klar: Distanzunterricht weiterhin möglich.“ Doch im Kleingedruckten bestätigt Piazolos Ministerium dann, dass der Distanzunterricht nur in den Abschlussklassen fortgesetzt wird. „Für die übrigen Jahrgangsstufen haben wir uns bewusst gegen verpflichtenden Distanzun-terricht entschieden.“ Die Absicht dahinter sei, „etwas Druck von allen Beteiligten zu nehmen“. Auch an die Schulen wendet sich das Ministerium noch mal, mit einem kultusministeriellen Schreiben. „Aufgrund entsprechender Rückfragen“ sehe man sich zu einer Klarstellung veranlasst. Also bleibe alles wie gehabt.

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Das ärgert vor allem jene, die sich für den Aufbau eines funktionierenden Distanzunterrichts engagiert haben: Lehrer und Kommunen. Sie haben viel Geld in Wlan-Verbindungen und den Kauf von Tablets gesteckt, um nun zu erfahren, dass man das alles nicht so dringend braucht. „Anstatt auf die Eigenverantwortung der Schule vor Ort zu setzen, hat das Kultusministerium ohne Not Verunsicherung verbreitet“, ärgert sich Jürgen Böhm, Chef des Bayerischen Realschullehrerverbands und früher selbst Realschulrektor.

Schulleiter reagieren empört

Einer der engagierten Schulleiter ist Tobias Schreiner von der Realschule am Tegernsee. „Bäm“, twitterte er merklich empört, kaum war der Erlass des Ministeriums am Montag draußen. „Kein Distanzunterricht für die Jgs. 5-9 vorgesehen, nur Material verteilen. Alle Vorbereitungen umsonst. Und jetzt?“

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Aus Wartenberg im Kreis Erding meldet sich am Dienstag Christian Pröbst mit einem Brief an den Kultusminister. Pröbst ist Bürgermeister und Vorsitzender des Mittelschulverbands. „Seit Monaten“, so schreibt er, versuche die Gemeinde, die örtliche Schule für den Distanzunterricht zu wappnen.

Kultusministerium stellt Lösung nach Weihnachten in Aussicht

Über Förderprogramme wurden Leih-Tablets bestellt, 600 Lizenzen für ein Videokonferenzsystem gekauft, wochenlang, auch an Wochenenden und in den Ferien, das Internet-System aufgerüstet. „Und jetzt sollen wir das nicht nutzen?“, fragt Pröbst entgeistert. Im Westen Oberbayerns schreibt der Leiter eines Gymnasiums an die Eltern, er werde trotz aller Weisungen den Distanzunterricht auch unteren Jahrgängen anbieten. Daraus spricht fast schon Trotz.

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Immerhin: Die jetzt getroffenen Regelungen gelten ausdrücklich nur für die Tage vor Weihnachten, schreibt das Kultusministerium. Für die Zeit danach seien „verschiedene Szenarien“ möglich – dazu gehöre „auch“ verpflichtender Distanzunterricht. Ministerpräsident Söder wird im Landtag noch deutlicher. Im neuen Jahr müssten Wechsel- und Distanzunterricht problemlos funktionieren, sagt er. „In drei Tagen was zu organisieren ist nicht einfach, aber bis 10. Januar muss das alles stehen.“ Piazolo hört das. Es klingt wie ein sanft formuliertes Ultimatum.

Info: Deutliche Kritik von der Bayerischen Direktorenvereinigung

In einer virtuellen Sitzung hat der erweiterte Landesvorstand der Bayerischen Direktorenvereinigung (BayDV) am Dienstag über die neuesten Verfügungen zum Unterricht an den Gymnasien beraten. Walter Baier, Landesvorsitzender der Bayerischen Direktorenvereinigung, erklärte im Anschluss: „Die Schulleitungen schaffen es seit Monaten, den Schulbetrieb trotz schwierigster Rahmenbedingungen am Laufen zu halten. Viele der Versprechungen der letzten Monate sind vor Ort längst noch nicht eingelöst. So sucht man an so mancher Schule verbesserte technische Voraussetzungen wie schnelles WLAN ebenso vergebens wie CO2-Ampeln oder eine nennenswerte Anzahl von Leihgeräten für Schüler und Lehrer. Am schlimmsten aber sind ad-hoc- Entscheidungen, die ohne vorherige Einbindung von uns Praktikern getroffen, dafür aber medienwirksam kommuniziert wurden.“

Die Forderungen der Direktorenvereinigung

Zum Schulstart nach den Weihnachtsferien fordert die BayDV ehrliche Aussagen hinsichtlich der Durchführung von Schulveranstaltungen wie Schulfahrten oder Schüleraustausch im 2. Schulhalbjahr. Des Weiteren erwarten wir, dass den Schulleitungen und Kollegien das ihnen gebührende Vertrauen entgegengebracht wird, dass sie die schulischen Herausforderungen der Pandemie auch in Zukunft im Interesse ihrer Schülerinnen und Schüler kompetent meistern werden.

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