HEUTE EIN BAYERISCHES HEILIGTUM, FRÜHER MISSTRAUISCH BEÄUGT: DIE GESCHICHTE DER TRACHT IST VIEL BEWEGTER, ALS MAN DENKT

„Dirndl & Lederhose – das war revolutionär“

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Interview mit Trachtenexperte Alexander Wandinger

Benediktbeuern – Alexander Wandinger, 50, beschäftigt sich mit dem Thema Tracht, seit er 16 ist. Er leitet das Trachten-Informationszentrum des Bezirks Oberbayern in Benediktbeuern.

-Die bayerische Tracht vor 100 Jahren – wie sah die aus?

Beim Mann ist das in der Regel ein schwarzer Anzug für die Festtage. Bei einer Hochzeit kommt darüber noch ein Überzieher, eine Art Mantel. Es gibt einen Unterschied zwischen Bürgertum und bäuerlicher Bevölkerung, beim bürgerlichen Anzug sind die Schnitte moderner. Viele Frauen tragen noch sehr bäuerliche Kleidung wie Miedergewand, Spenzer, ein Oberteil mit Schoß, und den Schalk, das Festtagsgewand im Oberland.

-Was sagt das über die damalige Zeit aus?

Man spürt noch ein gewisses Standesbewusstsein als Überbleibsel aus dem 19. Jahrhundert. Durch einzelne Elemente zeigt die bäuerliche Bevölkerung ihren Stand. Um 1918 kann es zum Beispiel sein, dass ein älterer Mann immer noch eine Samtweste mit zweireihigen Silberknöpfen zum dunklen Anzug trägt. Oder dass Frauen dann um 1925 im Chiemgau die sogenannten Priener Hüte, bäuerliche zylinderartige Kopfbedeckungen mit Goldquasten, zum städtischen Hängekleid kombinieren.

-Insgesamt nicht gerade das, was man sich heute vorstellt, wenn man an bayerische Tracht denkt.

Die eine bayerische Tracht gibt es sowieso nicht. Alles, was wir heute als Tracht sehen, ist immer Mode einer bestimmten Zeit und sozialen Schicht. Etwa alle 30 Jahre verwandelte die Mode immer wieder alles. Meistens kommen diese Veränderungen dann zeitversetzt über die bürgerliche Mode aufs Land. „Die echte Tracht“ ist an sich eine reine Fiktion, ein Konstrukt, eine Idee. Damals wie heute.

-Das müssen Sie genauer erklären.

Die Menschen hätten damals bei ihrer Kleidung nicht von Tracht gesprochen, die haben einfach das angezogen, was Mode war. Da waren natürlich Elemente dabei, die wir heute als Tracht bezeichnen würden. Und es gab auch schon damals die institutionalisierte, bewusste Trachtenpflege. Dieser Gedanke des Bewahrens ist im 19. Jahrhundert entstanden, nicht nur in der Tracht, sondern auch im Brauchtum, in der Volksmusik, in der Denkmalpflege. Dahinter steht ein Sicherheitsbedürfnis, eine Idee von Heimat und Tradition, die ein gutes Gefühl gibt.

-Und was trug man damals im Trachtenverein?

Die jungen Frauen trugen die normale Tanzkleidung ihrer Zeit, Miedergewand mit weißer Schürze und weißem Halstuch. Für die Männer war in allen Trachtenvereinen, egal ob im Oberland, in Berlin oder in Washington, D.C., die sogenannte Gebirgstracht aus der Zeit um 1883 die Grundlage: kurze Lederhose, graue Lodenjacke, grüner Hut.

-Da ist sie ja endlich – die Lederhose.

Die wurde aber hauptsächlich im Vereinsumfeld getragen, nicht im Alltag. Ist ein Mann vor 100 Jahren in kurzer Lederhose und grauer Jacke in die Kirche gegangen, war das für die bäuerliche Bevölkerung ein Affront.

-Wieso das?

Es war eine eigene soziale Schicht, die sich in den Trachtenvereinen organisiert hat, in der Regel Handwerker, Knechte oder Bergarbeiter, oft sehr sozialdemokratisch geprägt. Die sind eher misstrauisch beäugt worden. Über die Trachtenvereine haben sie sich selbst eine Heimat geschaffen, Sonntag sind sie dann eben statt in die Kirche zum nächsten Gaufest gefahren. Da haben es Mädchen und Burschen gemeinsam krachen lassen. Das war revolutionär, dass sich jemand so komplett anders kleidet und gesellschaftliche Normen über den Haufen schmeißt. Damit haben sie gezeigt: Wir sind auch wer.

-Trachtler als Revoluzzer, das kann man sich heute schwer vorstellen.

Dass man mit Tracht in Bayern eher Rechtskonservatismus verbindet, war vor dem Zweiten Weltkrieg definitiv nicht so. In Zeiten des Nationalsozialismus ist Tracht allerdings stark instrumentalisiert worden, weil man damit leicht das Klischeebild von Heimatidylle und „Kraft durch Freude“ bedienen konnte. Das wirkt bis heute nach. Aber vor allem später in den 60er- und 70er- Jahren spielt die Trachten-Idee vom Bewahren eine immer größere Rolle, gerade in der Zeit von Franz Josef Strauß mit ihrer Hinwendung zum Brauchtum, zur Tradition.

-Trachtenvereine heute haben ja auch einen Regionalbezug, pflegen Tracht und Brauchtum speziell für ihre Region. Wann begann das, eine Rolle zu spielen?

Die sogenannte Trachtenerneuerung beginnt in den 70ern: Bei vielen Vereinen werden die Gebirgstrachten mit kurzer Lederhose und Lodenjacke ausgetauscht gegen sogenannte Volkstrachten mit regionalem Bezug. Oder besser: vermeintlich regionalem Bezug. Denn da ist vieles dazugedichtet, falsch zugeordnet oder schlicht erfunden worden. Verständlich, denn man wollte da ja Kleidungsstücke wiederbeleben, die oft seit drei Generationen verschwunden waren. Man hat also eigentlich etwas Neues eingeführt und zur Tracht erklärt. Ich werte das nicht – das zeigt aber auch wieder, dass Tracht eigentlich nur eine Idee ist.

-Trotzdem hat man beim Thema Tracht erst mal das stereotype Bild von der Lederhose vor Augen.

Die Gebirgstracht eignet sich einfach verdammt gut zur Klischeebildung, schon seit über 200 Jahren: der Jäger im Gebirge, der Echte, Wilde. Der Naturbursche. Oder auch der Stolze, Edle, Ungebundene. Speziell in Oberbayern unterstützt das auch dieses „Mia-san-mia“-Selbstbild. Und spielt natürlich auch im Tourismus und in der Werbung eine große Rolle.

-Wann haben die Bayern angefangen, die Lederhose auch außerhalb der Trachtenvereine zu tragen?

Nach den 20er-, 30er-Jahren beginnt diese Idee von Trachtenmode eigentlich so richtig. Das Dirndlgewand und die kurze Lederhose, diese zwei Stereotypen gibt es in der Stadt wie auf dem Land. Vor allem in der Kindermode. Bei einem Kind in Dirndl oder Lederhose heißt es immer „mei, liab“.

-Heute sieht man Dirndl und Lederhose ja vor allem in den Bierzelten…

Sie werden von mir nie hören: Das geht gar nicht. Die Begeisterung für das Thema Tracht kann ich auf der Wiesn genauso spüren wie beim Trachtenverein, der seit 100 Jahren die gleiche Kleidung trägt. Die einen wollen was bewahren, die anderen wollen eine „geile Party“ feiern. Aber beide nutzen das Medium Tracht als Gruppenkleidung.

-Tracht hat also noch immer diesen gemeinschaftsstiftenden, emotionalen Charakter?

Das ist auch einer der Gründe, warum das Thema Tracht fasziniert: Es hat unmittelbar mit Menschen zu tun. Da geht es um Schönheitsempfinden, ums Dazugehören, ums Spiel zwischen den Geschlechtern, ums Zeigen, wer man ist und was man hat. Das ist alles sehr emotional.

-Und hochaktuell.

Seit den 90er-Jahren gewinnt das Thema Trachtenkleidung an Bedeutung. Man könnte sagen: Tracht ist wieder in Mode gekommen. Noch in den 80ern war das ganz anders. Da ist man auf die Wiesn in Jeans gegangen. Auf meinem Abiturbild von 1987 bin ich der Einzige, der etwas Trachtenmäßiges trägt. Das war damals ganz schön schräg.

-Welchen Vorurteilen sind Sie damit begegnet?

Rückgewandtheit, Konservatismus, dieses dumpfbackige „Mia san mia“. Das hat mich immer schon gestört. Ich mag keine Zuschreibungen und Wertungen. In der mündlichen Abiturprüfung habe ich damals übrigens noch zwei Punkte weniger bekommen wegen meines Dialekts. „Red’ anständig“, hieß es. Vielleicht ist aber auch Bölls „Ansichten eines Clowns“ auf der Klosterschule nicht so gut angekommen…

-Wo sehen Sie aktuell die größten Trachten-Trends?

Auf der einen Seite wird sehr viel Billigware getragen, gerade auf großen Volksfesten. Auf der anderen Seite ist auch wieder handwerkliche Qualität gefragt, bis hin zum Maßschneider, zum Schuhmacher, zum Hutmacher. Das ist etwas, das mich sehr freut. Das Dritte, was mir auffällt: Es gibt viele junge Leute in Bayern, die mit dem Thema Tracht sehr leicht, sehr spielerisch umgehen.

-Haben Sie ein Beispiel?

Mein Ältester ist 24, der trägt ein T-Shirt zur Lederhosen und geht barfuß. Und ich sag nur: LaBrassBanda. Ich liebe die Band dafür, dass sie diesen Trend bestärkt hat. Solche Entwicklungen sind wunderbar, weil sie zeigen: Die Sache lebt.

- Wo sehen Sie die bayerische Tracht in 100 Jahren?

Gerade ist das sehr spannend: Tracht als Thema ist seit fast 30 Jahren in aller Munde. Ich glaube, sie wird sich entweder weiter verändern und weiter begeistern. Oder aber die Begeisterung nimmt langsam ab und das Thema verschwindet wieder ein bisschen von der Bildfläche. Ich bin gespannt, was kommt.

Interview: Anne-Nikolin Hagemann

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