. . . und Dieter Reiter ist schon da

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Der neue Oberbürgermeister hat gestern sein neues Büro bezogen – Seine erste große Aufgabe sind die Verhandlungen mit der CSU. Eine Kundgebung am 1.

Mai ist für einen SPD-Oberbürgermeister ein Heimspiel. Selbst wenn er erst ein paar Stunden im Amt ist. Dieter Reiter bekommt einen roten Helm geschenkt, er ruft den tausenden Gewerkschaftern auf dem Marienplatz zu, es sei für ihn „etwas ganz Besonderes, hier zu stehen.“ Einen „besseren Start“, sagt er, „hätte ich mir nicht wünschen können“.

Einen besseren Start in den 1. Mai vielleicht nicht, einen besseren Start in seine erste Amtszeit als OB sicherlich schon. Reiter hatte sich in der Stichwahl am 30. März gegen den ambitionierten CSU-Konkurrenten Josef Schmid durchgesetzt. Erleichterte Genossen (und ziemlich viele Grüne) lagen sich im Oberangertheater bei der Reiter-Party in den Armen. Man dachte, man habe Rot-Grün gerettet, obwohl die eigene Mehrheit schon zwei Wochen zuvor bei der Stadtratswahl verloren gegangen war. Doch die kleinen Partner, die das Traditionsbündnis ins Ziel stoßen könnten, kamen Reiter in den Wochen darauf nach und nach abhanden. Inzwischen ist eine Kooperation mit der CSU wahrscheinlich.

Heute ist die konstituierende Sitzung des Stadtrats. Reiter bekommt die Amtskette von OB Ude überreicht. Wie er die Stadt regieren wird, ist weiter unsicher. Die Bürgermeisterwahlen hat Reiter verschoben, erste Ausschusssitzungen fallen nächste Woche aus – wer sollte auch was entscheiden? Vordergründig ist es ein ziemlich chaotischer Start. Im Hintergrund freilich werkelt die SPD mit der CSU und den Grünen an einer Zusammenarbeit.

Seit Montag laufen die Gespräche – offenbar ging es relativ zaghaft los. Zwar loben alle Beteiligten demonstrativ die gute Atmosphäre. „Aber natürlich haben viele gedacht, dass man sich ganz schnell einigt“, sagt einer, der mitverhandelt. „Schnell wird‘s wohl nicht gehen“, erklärt Münchens SPD-Chef Hans-Ulrich Pfaffmann.

Reiter selbst bezieht am Donnerstagmorgen das OB-Büro, von Christian Ude „besenrein“ übergeben, wie Reiter grinsend erklärt. „Es wird sicher keine 200-seitige Koalitionsvereinbarung geben“, sagt Reiter. Stattdessen soll es eine losere Vereinbarung geben. Reiter erklärt, es gehe um ein Dreier-Bündnis, nicht etwa um eine rot-grüne Kooperation, die in Einzelfällen von der CSU unterstützt wird. Bis Mitte Mai, hofft Reiter, werde man soweit sein, die Bürgermeister zu wählen. Wie es aussieht, muss die langjährige zweite Bürgermeisterin Christine Strobl (SPD) ihr Büro räumen. Als Favoriten gelten jetzt Sabine Nallinger (Grüne) als dritte Bürgermeisterin und Josef Schmid (CSU) als zweiter. Schmid sprach gestern ebenfalls von einem „langen Weg“ zu einer Einigung mit der SPD. Die Sozialdemokraten würden aber zunehmend die CSU-Positionen verstehen, sagte er.

Für Reiter hat das Helm-Geschenk der Gewerkschaft durchaus eine Symbolik. Denn es warten viele Baustellen, auch wenn er eine Mehrheit gebastelt hat. Schon in den nächsten Monaten muss er den Leerstand von städtischen Wohnungen beenden, die Münchner werden genau beobachten, was der Stadt gegen den Wahnsinn am Mietmarkt einfällt – und dann ist da ja auch noch die Krise am Städtischen Klinikum.

Die holt Reiter auch gleich bei seiner ersten Rede als OB am Marienplatz ein. Zuvor hat er den tausenden Gewerkschaftern aus der Seele gesprochen, mit einem Bekenntnis zum Industriestandort München, und als er befristete Arbeitsverhältnisse kritisiert. „München muss eine Stadt bleiben, die sich auch eine Erzieherin, ein Arbeiter von BMW oder ein Kollege von der Müllabfuhr leisten kann!“, ruft Reiter. Für solche Sätze gibt es viel Applaus. Doch als er aufs Klinikum zu sprechen kommt, erntet er auch Pfiffe und Buh-Rufe. „Wir müssen nicht nur Betten, sondern mittelfristig auch Stellen abbauen“, erklärt Reiter. Er sagt aber auch: „Ich werde alles daransetzen, dass es keine betriebsbedingten Kündigungen geben wird.“ Das besänftigt die Zuhörer, insgesamt wird Reiter sehr freundlich empfangen.

Manches dürfte in den nächsten Wochen schwieriger werden für den 55-Jährigen, der sich selbst als Quereinsteiger in die Politik sieht. Reiter hatte nie ein SPD-Amt inne, er hat stets in der Stadtverwaltung gearbeitet, auch sein Amt als Wirtschaftsreferent wird weniger als das eines Politikers gesehen.

Jetzt aber ist er nicht nur der Chef der Verwaltung, sondern auch Münchens mächtigster Stadt-Politiker. „Mein Mann hat sich sehr auf diesen Start gefreut“, sagt Petra Reiter am Rand der DGB-Kundgebung unserer Zeitung. Der geplante Osterurlaub auf Kreta fiel schon mal flach. Stattdessen war Reiter zwei Tage in Österreich. „Schlaf wird überbewertet“, scherzt er. Vieles deutet darauf hin, dass er auch in den nächsten Wochen und Monaten häufig erst sehr spät nach Hause kommen wird.

Felix Müller

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