„Dieses Gutachten war überflüssig“

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Gustl Mollath ist nicht gefährlich. Und: Er muss nicht in die Psychiatrie. Das belegt ein neues Gutachten. Eigentlich könnte der Angeklagte damit zufrieden sein, doch das ist er nicht. Der 13. Prozesstag ist daher – eine Überraschung.

Mollath-Prozess

Gustl Mollath ist nicht gefährlich. Und: Er muss nicht in die Psychiatrie. Das belegt ein neues Gutachten. Eigentlich könnte der Angeklagte damit zufrieden sein, doch das ist er nicht. Der 13. Prozesstag ist daher – eine Überraschung.

von Barbara NAzarewska

Regensburg – Irgendwann wird es sogar der Vorsitzenden Richterin zu viel, dabei ist diese Frau mit einer beneidenswerten Geduld gesegnet. Doch jetzt muss Elke Escher den vielen Fragen ein Ende setzen. „So geht’s nicht weiter“, sagt sie mit ruhiger Stimme, in der eine Bestimmtheit liegt, der sich niemand entziehen kann. Sie blickt Gustl Mollath mütterlich-streng an, der Angeklagte blickt zurück.

Seit einer halben Stunde stellt er Fragen an Professor Norbert Nedopil, der über ihn, Mollath, ein neues psychiatrisches Gutachten vorgelegt hat. Richterin Escher findet – und sie ist im Sitzungssaal 104 des Regensburger Landgerichts nicht die Einzige –, dass die meisten dieser Fragen keinen konkreten Bezug zum Gutachten haben. „Ich sehe keinen großen Erkenntnisgewinn“, sagt sie nun diplomatisch. Mollath schweigt kurz.

Wenige Minuten später wird er erklären: „Ich gebe auf. Herr Professor Dr. Nedopil hat falsche Eindrücke gewonnen. Ich kann es hier nicht richtigstellen.“

Nedopil hat zuvor dargelegt, dass Mollath nicht gefährlich ist – und auch nicht in die Psychiatrie muss, er ist also im Wesentlichen schuldfähig. Das Landgericht Nürnberg-Fürth hatte ihn 2006 noch für schuldunfähig erklärt und eingewiesen. Aber: Das neue Gutachten attestiert Mollath auch, unter anderem penetrant, rigide und misstrauisch zu sein. Zudem sieht Nedopil Zeichen von mangelnder Flexibilität, Rechthaberei – und Selbstüberschätzung. Dies seien zwar Faktoren, aus denen sich eine Persönlichkeitsstörung entwickeln könnte, sagt Nedopil. Nur: Für eine solche Diagnose sei eine umfangreiche Begutachtung nötig, sie zu widerlegen allerdings auch. Ergo: Mollath hätte sich in jedem Fall explorieren lassen müssen. Doch das lehnte er ab. „Sie wären gut beraten gewesen, wenn sie sich dieser Untersuchung gestellt hätten“, sagt ihm Nedopil. Damit hätte man „eine Fehleinschätzung aus der Welt räumen“ können.

Mollaths Pflichtverteidiger Strate wird später sagen: „Das ist ein Gutachten eines anerkannten Psychiaters. Aber es ist nicht dazu geeignet, Licht ins Dunkel zu bringen. Dieses Gutachten war überflüssig. Wir wären hier ohne Psychiater ausgekommen. Sie waren das Unheil in Mollaths Fall.“

Mollath selbst strebt bei der Wiederaufnahme eine vollständige Rehabilitierung an – dafür reicht das Gutachten in der Tat nicht, weil Nedopil ja nichts ausschließen kann. Im Prinzip war das bei den vorhergehenden Gutachten ähnlich – und auch über die freute sich Mollath nur mäßig. Sie belegen zwar, dass man ihm weder nachweisen kann, dass er seine damalige Frau körperlich misshandelt, noch dass er Reifen zerstochen hat, um sich an Beteiligten seiner Scheidung zu rächen. Aber: Das alles gilt nur aus Mangel an Beweisen. Harte Fakten, die dagegen sprechen? Gibt es eher nicht.

Das neue psychiatrische Gutachten ist für Mollath am Freitagvormittag das i-Tüpfelchen, das merkt man schnell. Bei keinem anderen Gutachter hat er so viele Fragen gestellt. Bisher ist die Richterin noch nie viermal dazwischen gegangen, um dem Angeklagten nahe zu legen, bitte bei der Sache zu bleiben. Es klappt dennoch nicht – Mollath muss die Fragen sein lassen.

Doch auch sein Pflichtverteidiger geht nicht gerade zimperlich mit Nedopil um. Hauptgrund: Der hatte in seinem Gutachten auf die Mandatsniederlegung Strates verwiesen nach dem Motto: wieder mal ein Anwalt, mit dem Mollath nicht kann – und dabei nur von einer „vorübergehenden Kompromissfähigkeit“ Mollaths gesprochen. Strate geht das zu weit, Nedopil kenne die vorhergehenden Mandatsverhältnisse nicht.

Dann zitiert er aus der Akte, einen Passus der Staatsanwaltschaft, der sich mit seiner Argumentation deckt. Nedopil antwortet: „Die Einschätzung der Staatsanwaltschaft überzeugt mich nicht.“ Der Oberstaatsanwalt kontert prompt: „Ich bin kein psychiatrischer Gutachter.“ Strate legt nach: „Aber ein normal denkender Mensch.“

Die Verhandlung endet kurz darauf. Die Kammer wolle sich nun beraten, heißt es.

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