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Sind wir zu sorglos?

Virologe Streeck gibt Oktoberfest-Warnung ab - und sieht neben Corona neue Bedrohung im Herbst

Dem Virologen Hendrik Streeck bereitet nicht nur Corona sorgen - denn im Schatten des Virus tut sich eine weitere Gefahr auf.
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Dem Virologen Hendrik Streeck bereitet nicht nur Corona sorgen - denn im Schatten des Virus tut sich eine weitere Gefahr auf.
  • Dominik Göttler
    VonDominik Göttler
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Virologe Hendrik Streeck spricht über die Sommerwelle, eine neue Impfkampagne und das Risiko von Großveranstaltungen.

München – Hendrik Streeck ist Direktor des Instituts für Virologie an der Uni Bonn und seit Dezember Mitglied des Corona-Expertenrats der Bundesregierung. Im Gespräch erklärt er, warum es gute Gründe für eine Maskenpflicht gibt, warum Corona im Herbst nicht unser einziges Problem sein wird – und warum ihn die neuen Impfstoffe bisher noch nicht überzeugen.

Herr Streeck, wir stecken mitten in einer Corona-Sommerwelle. Die Fallzahlen steigen, und aus den Kliniken kommt die Warnung, in den Köpfen vieler Menschen sei die Pandemie vorbei. Sind wir zu sorglos?

Hendrik Streeck: Das Virus ist nicht weg und die Pandemie nicht vorbei. Auch wenn die aktuelle Phase schwer einzuschätzen ist: Ziel muss sein, dass wir pragmatische Wege finden, mit dem Virus zu leben. Die Eigenverantwortung der Bürger ist dafür wesentlich. Für einen gesunden und geimpften Menschen ist es aktuell ein kalkulierbares Risiko, sich infizieren zu können. Gleichzeitig trägt jeder Einzelne Verantwortung, dass man die Infektionen nicht zu den Risikogruppen trägt.

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Kann man diese Welle einfach durchlaufen lassen?

Streeck: Natürlich muss das Infektionsschutzgesetz überarbeitet werden. Aber wir werden noch viele Jahre mit dem Virus leben müssen. Also stehen wir immer wieder vor der Frage, welche Maßnahmen dauerhaft Sinn machen und welche nicht. Beispiel Maskenpflicht: Wir wissen, dass Masken hocheffektiv sein können. Das sehen wir in den Kliniken oder Laboren, da gibt es kaum Infektionen. Aber Grundvoraussetzung ist, dass der Träger sie auch tragen will. Will er das nicht und die Maske sitzt falsch, dann hat sie einen verminderten oder gar keinen Effekt. Außerdem finden die meisten Infektionen im Privaten statt – also da, wo eine Maskenpflicht ohnehin nicht greift.

Die Maskenpflicht für Innenräume wird dennoch wieder diskutiert.

Streeck: Es gibt ja auch Argumente, die dafür sprechen. Zum Beispiel, dass sie gut wirken, wenn sie richtig getragen werden. Dazu kommt auch ein psychologischer Effekt: Uns wird durch das Tragen der Maske bewusst, dass die Pandemie weiterhin da ist und dass man weiter aufpassen muss.

Was bedeutet es für Herbst und Winter, wenn sich aktuell viele Menschen infizieren: Könnte die nächste Welle milder verlaufen?

Streeck: Aktuell ist schwer vorherzusagen, wie Herbst und Winter aussehen werden. Wir müssen uns auf verschiedene Szenarien vorbereiten – dazu hat der Expertenrat ja auch Vorschläge gemacht. Problematisch ist auch die Influenza. Weil wir drei Jahre kaum Kontakt zu Grippeviren hatten, ist die Immunität in der Bevölkerung gering. In Australien und Neuseeland beobachten wir derzeit vermehrt Grippe-Infektionen. Deswegen empfiehlt sich im Herbst auf jeden Fall auch eine Grippeimpfung.

Sie wurden beauftragt, in einer Studie zu klären, wie gut die Bevölkerung gegen Corona immunisiert ist. Wie gehen Sie vor?

Streeck: Wir wollen erfassen, wie viele Menschen geimpft und genesen und somit durch Antikörper im Blut besser vor einem schweren Verlauf geschützt sind – wohlgemerkt nicht vor einer Infektion. Wir wollen Impflücken identifizieren, damit man eine Impfkampagne gezielter anlegen kann. Dazu führen wir in repräsentativen Stichproben Antikörper-Tests und Befragungen durch. Insgesamt sind knapp 30.000 Personen an der Studie beteiligt. Die Zeit ist knapp, aber das Ziel sind brauchbare Daten vor dem Herbst.

Bundesgesundheitsminister Lauterbach spricht sich für eine neue Impfkampagne aus. Halten Sie eine vierte Impfung für eine breite Bevölkerungsgruppe für sinnvoll?

Streeck: Ich bin da auf der Seite der Ständigen Impfkommission. Die machen sich sehr genau und gewissenhaft Gedanken und können auch Daten einsehen, die noch nicht öffentlich vorliegen. Persönlich halte ich mit den derzeitigen Daten eine vierte Impfung vor allem für ältere Menschen und Risikogruppen für den Herbst und Winter für wichtig. Ich kann mir gut vorstellen, dass die Stiko dann auch Menschen ab 60 Jahren – ähnlich wie bei der Grippe – zu einer Impfung rät.

Welche Hoffnungen setzen Sie in die angekündigten angepassten Impfstoffe?

Streeck: Erste Daten deuten darauf hin, dass diese Impfstoffe die Erwartungen noch nicht ganz erfüllen könnten. Die Immunität verbreitert sich wohl nicht so stark wie erhofft – vor allem bei der derzeit dominanten Omikron-Variante BA.5. Klinische Studien fehlen aber noch, dann kann das auch wieder anders aussehen. So ist das in der Wissenschaft.

Halten Sie es für vertretbar, Großveranstaltungen wie das Oktoberfest durchzuführen? 

Streeck: Natürlich bergen Großveranstaltungen wie das Oktoberfest oder Fußballspiele immer die Gefahr eines Superspreading-Events. Auch vor Corona kannte jeder, der auf das Oktoberfest gegangen ist, die Wiesn-Grippe. Jetzt könnte es Corona sein. Deswegen muss man sich als Besucher überlegen, ob man dieses Risiko eingehen will. Wenn ja, ist anzuraten, das mit einer Dreifachimpfung zu tun. Klar ist: Eine Überlastung des Gesundheitswesens muss vermieden werden.

Was raten Sie der Politik?

Streeck: Man kann darüber nachdenken, den Zugang nur mit tagesaktuellem Test zu erlauben, wenn es die Lage erfordert. Sie sehen: Ich drücke mich vor einer klaren Antwort. Weil sehr viel Abwägung nötig sein wird – auch in Absprache mit den lokalen Krankenhäusern. Und es geht darum, wie sehr wir als Gesellschaft die Eigenverantwortung an erster Stelle sehen oder wie sehr wir ein Eingreifen des Staates wollen, der diese Verantwortung übernimmt. Keine leichte Übung!

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