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Nach der Katastrophe an der Marmolata

„Die Berge verändern sich drastisch“: Was bei Hochtouren heuer zu beachten ist

Aletschgletscher Alpen
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Den Gletschern in den Alpen droht in diesem Sommer ein beispielloser Aderlass. Im Bild: der Große Aletschgletscher, der größte und längste Gletscher der Alpen.

Den Gletschern in den Alpen droht in diesem Sommer ein bislang beispielloser Aderlass. Die Gefahren sind kaum noch kalkulierbar. Was muss also heuer bei Hochtouren besonders beachtet werden? Sind Wanderungen auf und an Alpengletschern überhaupt noch möglich? Wolfgang Wabel (55), Geschäftsbereichsleiter für den Bergsport beim Deutschen Alpenverein, gibt im Interview Hinweise und Tipps.

Interview: Bernd Ernemann

München – Meteorologe Manuel Oberhuber spricht von einem historischen Tag: Die Wetterstation am Sonnblick auf 3106 Metern in den Hohen Tauern meldete am Dienstag 0 Zentimeter Schneehöhe. Das sei der früheste Verlust der Schneedecke seit Messbeginn im Jahr 1938. Der bisher früheste Termin war der 13. August (2003 und 1993).

Es ist der vorerst letzte von vielen gemeldeten Rekordwerten aus den Hochlagen der Alpen in diesem Jahr: Wenig Schnee im Winter, hohe Temperaturen schon im Mai – die Auswirkungen sind deutlich zu sehen und haben dramatische Folgen: Der Gletscherbruch an der Marmolata kostete vermutlich zwölf Wanderer das Leben. 

Entspannung ist nicht in Sicht, im Gegenteil: Verlieren die Gletscher so früh ihre schützende Schneedecke, kommt das schwarz-graue, schmutzige Eis hervor, die Abschmelzung beschleunigt sich. Den Gletschern in den Alpen droht in diesem Sommer daher ein beispielloser Aderlass, die Gefahren sind kaum noch kalkulierbar. Was muss also heuer bei Hochtouren besonders beachtet werden? Sind Wanderungen auf und an Alpengletschern überhaupt noch möglich? Wir sprachen mit Wolfgang Wabel (55), Geschäftsbereichsleiter für den Bergsport beim Deutschen Alpenverein: 

Haben Sie die Tour auf die Marmolata schon einmal gemacht? 

Wolfgang Wabel: Ja, aber als Skitour. Die verfolgt ziemlich die gleiche Linie wie bei der Hochtour.

Wie schätzen Sie als Bergprofi die Tour ein?

Wolfgang Wabel: Das ist eine Mischung aus Bergwanderung und Hochtour, weil man im oberen Teil auf Schneefelder und dann ganz oben auf den Gletscher kommt. Die Tour ist aber nicht allzu schwer.

Haben Sie eine solche Katastrophe für möglich gehalten? 

Wolfgang Wabel: In dieser Wucht habe ich es mir nicht vorstellen können. Man muss sich aber darauf einstellen, dass solche Abbrüche regelmäßiger passieren werden. Die Berge verändern sich drastisch. 

Wie schätzen Sie die Lage im Hochgebirge zurzeit ein? 

Wolfgang Wabel: Die Gletscher werden kleiner, apern mehr und mehr aus. Wir haben nicht einmal Mitte Juli und haben nur das pure Eis und den Schotter drauf. Das sind Bedingungen wie im Spätsommer. Die Veränderungen gab es die letzten Jahre schon, in diesem Jahr hat sich das aber in vielen Regionen beschleunigt.

Raten Sie allgemein vor Gletschertouren ab? 

Wolfgang Wabel: Nein, generell abraten nicht, aber es bedarf noch mehr Aufmerksamkeit und Vorsicht. Die Unfallgefahr ist bei Hochtouren zum jetzigen Saisonzeitpunkt höher als sonst. 

Was muss man heuer besonders beachten? 

Wolfgang Wabel: Die Verhältnisse sind generell schlechter in den hohen Bergen, aufpassen muss man vor allem bei Starkwetterereignissen oder bei Hitzeperioden. Der Permafrost taut auf, Felspassagen werden auch in großer Höhe brüchiger, man muss verstärkt auf Steinschlag achten. Alles ist unvorhersehbarer geworden. Da muss man einfach mehr auf sich hören: Wie erfahren bin ich? Was kann ich mir zutrauen? Wenn ich mir unsicher bin, würde ich mich auf jeden Fall einer DAV-Gruppe anschließen oder einen Bergführer nehmen.

Lauert auch an den wenigen bayerischen Gletschern eine akute Gefahr? 

Wolfgang Wabel: Die sind mittlerweile so klein, dass es bei uns eigentlich keine typischen Gletscher mit großen Spalten mehr gibt. Aufpassen muss man hier mehr am Übergang vom Gletscher zum Fels – wie am Höllentalferner auf dem Weg zur Zugspitze. Gerade zum Ende der Saison können die Übergänge dort sehr schwer sein.

Sind auch Alpenvereinshütten durch Gletscherabbrüche konkret bedroht? 

Wolfgang Wabel: Durch Abbrüche nicht. Aber weil der Boden instabiler wird, haben wir an manchen hochgelegenen Hütten Probleme. Die Stüdlhütte von der Sektion Oberland am Großglockner müssen wir deswegen sehr aufwendig sanieren, gleiches gilt für das Hochwildehaus, Sektion Karslruhe, das wir sogar schließen mussten. Auch die Wasserversorgung bereitet uns in den Lagen immer mehr Probleme. 

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