„Dezente und angemessene Erinnerung“

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93 Prozent der Münchner befürworten laut einer Umfrage Stolpersteine in der Stadt. Trotzdem dürfen sie nur auf Privatgrund verlegt werden. Wir haben Passanten gefragt, wie sie zu den Bodendenkmälern stehen, die an Münchner NS-Opfer erinnern.

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93 Prozent der Münchner befürworten laut einer Umfrage Stolpersteine in der Stadt. Trotzdem dürfen sie nur auf Privatgrund verlegt werden. Wir haben Passanten gefragt, wie sie zu den Bodendenkmälern stehen, die an Münchner NS-Opfer erinnern.

von janina ventker

Noch nicht lange wohnt Andrea Baumert an der Von-der-Tann-Straße, unweit des geschichtsträchtigen Hauses der Kunst. Dass auch sie in einem Haus lebt, das Münchner Geschichte in sich trägt, ist ihr am Donnerstag bewusst geworden. Denn seit Donnerstag erinnert ein 96 mal 96 Millimeter großes Bodendenkmal vor ihrer Hofeinfahrt an das Schicksal des Münchners Max Sax. Vor etwas mehr als hundert Jahren lebte der Mann im selben Haus wie Baumert heute, vielleicht sogar in der selben Wohnung. Er wurde aufgrund einer psychischen Erkrankung von den Nationalsozialisten getötet.

Bei der Verlegung des sogenannten Stolpersteines hatten sich jede Menge Menschen vor Baumerts Haus eingefunden (wir berichteten). „Ich fand das sehr beeindruckend“, erzählt die 47-Jährige, als man sie einen Tag später vor der Haustüre antrifft. Es sei eine gute Sache, dass man durch die Steine an „normale“ Bürger erinnert. „Es hat mir auch wieder vor Augen geführt, was hier früher Schreckliches möglich war.“

Der Stolperstein vor ihrem Haus war der erste, den Baumert wahrgenommen hat. Student Simon Kirchner sind die kleinen goldenen Steine vertraut. „Ich komme aus Wiesbaden, da gibt es die an jeder Ecke.“ An sich eine traurige Tatsache, betont der Student, wenn man an die vielen menschlichen Schicksale denke, die dahinter steckten. Aber die Stolpersteine seien eine dezente und angemessene Erinnerung, findet der 25-Jährige. Die Argumente gegen die Stolpersteine könne er nicht verstehen.

Der Münchner Stadtrat hatte 2004 beschlossen, die Verlegung von Stolpersteinen auf öffentlichem Grund zu verbieten. Aus Rücksicht auf die Israelitische Kultusgemeinde, denn deren Präsidentin Charlotte Knobloch fand es „unerträglich“, dass so das Andenken an die Opfer „mit Füßen getreten“ werde. Das will Simon Kirchner nicht gelten lassen: „Man kann genauso gut ein Denkmal hochklettern und es besprühen.“ Das sieht auch die 49-jährige Susanne Nattmann so. „Wer etwas Böses möchte, kann das immer erreichen.“ Aber die schöne Idee hinter den Stolpersteinen, auf die Geschichten einzelner Menschen aufmerksam zu machen, überwiege ihrer Meinung nach. Auf Anhieb aufgefallen sei ihr der relativ kleine, in den Gehweg eingelassene Stein jedoch nicht.

„Ich finde das viel gelungener, als irgendwelche abstrakten Denkmäler“, sagt Melanie Franke. Die Berlinerin kennt die Stolpersteine aus der Hauptstadt. Dort staune sie jedes Mal über die Vielzahl. Franke passiert den Stolperstein an der Von-der-Tann-Straße jedoch, ohne ihm viel Aufmerksamkeit zu schenken. Genau das moniert Passant Christian D.: „Ich habe die Befürchtung, dass sich diese Art des Gedenkens schnell abnutzt.“ Auch übt der Münchner Gästeführer Kritik an Künstler Gunter Demnig, der die Stolpersteine verlegt. „Für den Mann ist es doch Akkordarbeit.“ Aber auch Christian D. sagt: „Grundsätzlich ist das schon eine gute Idee.“

Die Meinung der Passanten scheint die – wenn vielleicht nicht ganz unvoreingenomme – Umfrage der „Initiative Stolpersteine für München“ widerzuspiegeln. Demnach hätten sich 93 Prozent der Münchner dafür ausgesprochen. Der neue Stadtrat unter OB Dieter Reiter will im September die Stolpersteine neu diskutieren.

Bei den Münchner Bürgern ist die Diskussion schon im Gange. Andrea Baumert erzählt, sie habe mit Bekannten über das Thema gesprochen. Und auch mit ihrer 12-jährigen Tochter. Im Haus, in dem einst Max Sax gelebt hat.

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