Merkel: „Wir sind zum Handeln gezwungen“

Deutschland im harten Lockdown: Söder deutet lange Zeit der Entbehrungen an

Michael Müller, Angela Merkel, Markus Söder und Olaf Scholz bei einer Pressekonferenz.
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Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller, Bundeskanzlerin Angela Merkel, Bayerns Ministerpräsident Markus Söder und Vizekanzler Olaf Scholz verkünden für Deutschland einen harten Corona-Lockdown.
  • Mike Schier
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Diesmal geht es schnell: In Rekordzeit einigen sich Bundeskanzlerin und Ministerpräsidenten auf einen harten Lockdown bis mindestens 10. Januar. Markus Söder deutet an, dass bis zu einer Normalisierung des Lebens noch mehr Zeit vergehen dürfte.

München – Es hat sich eine gewisse Routine entwickelt: Die Konferenz der Ministerpräsidenten tagt – ein Gremium, das jahrelang unter dem Radar der Öffentlichkeit fuhr, jetzt aber die Geschicke des Landes bestimmt. In den vergangenen Wochen hieß das vor allem: warten, warten, warten. Endlos wurde hinter den Kulissen um jedes Komma gestritten. Am Sonntagvormittag ist man in Rekordzeit fertig. Das vorbereitete fünfseitige Papier wird quasi durchgewunken – der Leidensdruck ist groß genug. „Wir sind zum Handeln gezwungen“, sagt Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Ganz Bayern ist ein einziger Coronavirus-Hotspot

Mit etwas Verspätung ist damit wieder bundesweite Einheitlichkeit hergestellt, die zuletzt immer mehr Länder aufgekündigt hatten. Nicht zuletzt Bayern, das seine Maßnahmen am Nikolaustag deutlich verschärft hatte – unter anderem mit Ausgangsbeschränkungen sowie in Hotspots Ausgangssperren ab 21 Uhr. Kurz vor der gestrigen Beratung springt dann der Inzidenzwert für ganz Bayern über 200 – weshalb Markus Söder noch von Berlin aus die nächtlichen Ausgangssperren auf den ganzen Freistaat ausweitet. „Wenn man es aufs ganze Land sieht, sind wir ein Hotspot“, sagt er.

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Es ist ein Tag der dramatischen Appelle: „Corona ist eine Katastrophe, die unser Leben mehr betrifft als jede Krise, die wir in den letzten 50 Jahren hatten“, sagt Söder. Die Situation in den Kliniken sei bedenklich. „Bergamo ist näher als der ein oder andere glaubt.“ In der italienischen Stadt waren im Frühjahr die Krankenhäuser nicht mehr mit der Versorgung der Patienten hinterher gekommen. Am Freitag hatten auch in Deutschland die Intensivmediziner Alarm geschlagen.

Kehrtwende im bisherigen Kampf gegen Corona

So kommt der harte Lockdown nun nicht erst nach Weihnachten, sondern so schnell wie möglich. Weil Parlamente noch zustimmen müssen, schließen Läden, Schulen und Kitas ab Mittwoch. Das ist bei letzteren eine Kehrtwende der bisherigen Strategie. Aber: „Studien zeigen zunehmend, dass auch Kleinstkinder betroffen sein können, meist ohne jedes Symptom“, sagt Söder.

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Offiziell dauert der Lockdown bis 10. Januar – doch wer etwas genauer hinhört, dürfte an diesem Datum erste Zweifel bekommen. „Auch danach kann ich mir nicht vorstellen, dass einfach alles normal weiter geht“, sagt Söder. Und sein NRW-Kollege Armin Laschet sagt: „Das hat die Pandemie in diesem Jahr gelehrt: Jegliche Prognose (...), die über vier Wochen ausgerichtet ist, geht schief. Es ist meistens anders gekommen, als Experten geraten haben und als wir selbst auch in unseren Verordnungen festgelegt haben.“

Daheim bleiben und Kontakte vermeiden

Bei der aktuellen Botschaft sind sich alle einig. „Die Philosophie heißt: daheim bleiben und Kontakte vermeiden“, sagt Söder. Das gilt auch für Weihnachten. Die Politik entschließt sich zwar, die strikten Kontaktbeschränkungen über die Feiertage ein wenig zu lockern, ruft aber dennoch zu verantwortungsvollem Handeln auf. Merkel rät dazu, sieben Tage vor dem Fest die Kontakte so weit herunterzufahren, dass man Familienmitglieder nicht gefährdet. Eine „Schutzwoche“ nennt sie das.

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Diesmal ist auch Olaf Scholz ins Kanzleramt gekommen. Der Finanzminister hat Geld mitgebracht. Viel Geld. Er spricht von Abschreibungsmöglichkeiten für Waren, die jetzt nicht verkauft werden können. Von Wirtschafts- und Überbrückungshilfen. Elf Milliarden Euro im Monat lasse man sich das kosten. „Es geht um Männer und Frauen, die sich über Jahrzehnte eine Existenz aufgebaut haben“, sagt Scholz. Aber: „Wir haben als Regierung geschworen, Schaden vom deutschen Volk abzuwenden – und genau darum geht es jetzt.“

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