Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für . Danach können Sie gratis weiterlesen.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf
  • Jetzt für nur 0,99€ im ersten Monat testen
  • Unbegrenzter Zugang zu allen Berichten und Exklusiv-Artikeln
  • Lesen Sie nahezu werbefrei mit aktiviertem Ad-Blocker
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.


Pro & Contra einzelner Energieträger

Der Weg zur Klima-Neutralität: Was Deutschland 2045 antreiben soll

13.04.2022, Hessen, Frankfurt/Main: Eine Demonstrantin sitzt während eines Protests der Gruppe "Letzte Generation" nahe der A661 hinter einem Wasser-Farbe-Gemisch auf der Straße. Diese Mischung hatten die Demonstranten ausgeschüttet. Die Gruppe fordert unter anderem einen Stopp aller Investitionen für den Ausbau von Infrastruktur, die der Bereitstellung fossiler Energieträger dient.
+
13.04.2022, Hessen, Frankfurt/Main: Eine Demonstrantin sitzt während eines Protests der Gruppe «Letzte Generation» nahe der A661 hinter einem Wasser-Farbe-Gemisch auf der Straße. Diese Mischung hatten die Demonstranten ausgeschüttet. Die Gruppe fordert unter anderem einen Stopp aller Investitionen für den Ausbau von Infrastruktur, die der Bereitstellung fossiler Energieträger dient.

Fossile Energieträger halten Deutschland warm und in Bewegung. Doch das soll sich radikal ändern. Bloß wie? Wir haben Pro und Contra bei alternativen Energieträgern beleuchtet.

München/Berlin – Sie treiben Autos an, lassen Flugzeuge abheben, heizen Wohnungen, befeuern Fabriken: Fossile Energieträger halten Deutschland warm und in Bewegung. Doch das soll sich radikal ändern. 2021 stammte der Primärenergieverbrauch noch zu 71,6 Prozent aus Öl, Gas und Kohle. Bis 2045 will Deutschland klimaneutral sein, vollständig auf erneuerbare Energien setzen.

Um das Ziel zu erreichen, ist ein grundlegender Wandel nötig, den die Bundesregierung mit dem sogenannten Osterpaket angeschoben hat. Damit sollen zahlreiche Gesetze geändert, der Ausbau erneuerbarer Energien beschleunigt werden. Bereits 2035 soll die Stromversorgung fast vollständig umgestellt sein. Industrielle Prozesse sind dann noch ausgenommen. Die Ökolobbyorganisation Agora Energiewende etwa kalkuliert in einer Studie zur Klimaneutralität 2045 für 2035 noch mit einem Anteil fossiler Energieträger am gesamten Energieverbrauch von 40,5 Prozent. Im Zuge der Energiewende wird Strom immer wichtiger – in Industrie, Verkehr, Haushalt. Agora zufolge werden 2045 rund 1017 Terawattstunden Strom verbraucht, mehr als das Doppelte der Menge von 2021. Die Bundesregierung setzt vor allem auf Wind und Sonne. Es gibt aber noch andere Energieträger. Welcher hat welches Potenzial?

Wind als Energielieferant

Wind ist künftig der wichtigste Energieträger. Agora hat errechnet, dass Windkraft 2045 rund 59 Prozent des gesamten Strombedarfs decken könnte. Dafür müssten Anlagen mit einer Leistung von 145 Gigawatt an Land und 70 Gigawatt auf See installiert sein. Ende 2021 standen nach Angaben des Bundesverbands Windenergie an Land Windräder mit insgesamt 56,1 Gigawatt Leistung, auf See mit 7,8 Gigawatt. Fläche wäre genug da: Die Bundesregierung will zwei Prozent des Landes für Windräder nutzen.

Plus: Wind weht fast immer. Es gibt viel Fläche auf See und Land. Die Anlagen können weitgehend zuverlässig und in großem Umfang Strom liefern. Die Technik ist in den vergangenen Jahren effizienter geworden, die Anlagen größer. Das erhöht die Ausbeute.

Minus: Offshore-Anlagen sind nur im Norden möglich. An Land verhindert die Föderalstruktur Deutschlands derzeit den Ausbau. Niedersachsen, Brandenburg, Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen stehen für 58 Prozent der installierten Leistung. Bayern (fünf Prozent) bremst mit seiner 10- H-Regel, die den Abstand zu Bebauung so weit fasst, dass kaum neue Anlagen möglich sind. Auch Baden-Württemberg (drei Prozent) trübt die Bilanz. Die Bundesregierung will die Kleinstaaterei per Gesetz beenden. Unklar ist, ob das funktioniert. Umweltschützer beklagen die Gefahren der Windräder für die Tierwelt. Die Anlagen verändern zudem das Landschaftsbild. Und: Bei Flaute läuft nichts.

Grafik zum Gasverbrauch in Deutschland im Jahr 2021

Photovolatik als Energielieferant

Die Sonne scheint häufig und liefert zuverlässig Strom. Agora hat für 2045 installierte Solarpanels mit einer Leistung von 385 Gigawatt errechnet. Sie lieferten dann 37,5 Prozent des benötigten Stroms. Derzeit sind auf Haus- und Fabrikdächern, ehemaligen Flughäfen und Feldern Anlagen mit 58,7 Gigawatt Leistung aufgestellt. Die Bundesregierung möchte alle geeigneten Dachflächen für Solarenergie nutzen. Für Gewerbebauten ist eine Pflicht geplant.

Plus: Dachflächen in Deutschland können genutzt werden, um Strom zu erzeugen – zumindest tagsüber. Auf Häusern stören die Anlagen nicht. Ausgebaut werden kann ohne komplizierte Genehmigungsverfahren.

Minus: Nachts liefern die Anlagen keinen Strom. Und auch im Spätherbst und Winter ist die Ausbeute gering. Noch mehr Wiesen und Felder könnten zu Solarflächen umgewandelt werden. Die Stromerzeugung wird deutlich dezentraler, die Netzsteuerung komplizierter. Schon jetzt fehlen Fachkräfte, um die Anlagen zu installieren und zu warten.

Wasserkraft als Energielieferant

Die Kraft des Wassers wird seit Jahrhunderten genutzt. Für den Energiemix 2045 ist sie nur in geringem Maße wichtig. Agora schätzt den Anteil an der Stromerzeugung auf 2,2 Prozent bei einer dann installierten Leistung von sechs Gigawatt. Derzeit haben die Anlagen eine Leistung von rund fünf Gigawatt.

Plus: Strom aus Wasser lässt sich oft in bergigen Regionen gewinnen, in denen Windräder oder Solaranlagen sich nicht lohnen. Auch kleine Anlagen liefern zuverlässig. Stauseen können als Stromspeicher genutzt werden. Agora erwähnt Anlagen in Skandinavien und den Alpen, um deutschen Stromüberschuss im Sommer und Herbst zu speichern und im Winter abzurufen.

Minus: Wasserkraftwerke sind überwiegend in Baden-Württemberg und Bayern mit (Mittel-)Gebirgen möglich. Im Norden ist es schlicht zu flach. Große Stauseen neu anzulegen, ist im dicht besiedelten Deutschland kaum möglich und auch kaum durchsetzbar. Planungsverfahren, selbst für Erneuerungen, dauern jahrelang.

Grafik zum weltweiten CO2-Ausstoß

Geothermie als Energielieferant

Mit der Wärme der Erde lassen sich Häuser heizen und Fernwärmesysteme speisen. Die Bundesregierung fördert solche Anlagen. Derzeit gibt es rund 440 000, die bis in eine Tiefe von 400 Metern reichen. Sie haben eine Gesamtleistung von 4,4 Gigawatt. Bis 2030 müssten allein im Schnitt täglich 529 Erdwärmepumpen installiert werden, um die Klimaziele zu erreichen. 42 Kraftwerke mit einer Wärmeleistung von knapp 350 Megawatt ziehen Wärme aus Tiefen von durchschnittlich 2500 Metern. Dem Leibniz-Institut für angewandte Geophysik zufolge wären 2045 große Anlagen mit einer Gesamtleistung von 47 Gigawatt möglich.

Plus: Die Energie der Erde ist unerschöpflich und unabhängig vom Wetter. Jedes Haus kann sich mittels Wärmepumpe vor Ort versorgen. Selbst ganze Städte können auf Fernwärme aus tiefen Erdschichten umsteigen. In München wird das gerade realisiert. Mit Geothermie ließe sich zudem Strom erzeugen. Auch ehemalige Bergbau-Schächte ließen sich nutzen.

Minus: Nicht jede Gegend eignet sich für große Kraftwerke. Der Bundesverband Geothermie sieht gute Chancen vor allem in Norddeutschland, am Oberrheingraben und im Alpenvorland. Um Erdwärme nutzen zu können, sind teils tiefe Bohrungen nötig. Das kann Erdbeben auslösen. Die Branche selbst sieht großen Forschungsbedarf, etwa bei Standorterkundung und Anlagenoptimierung. Große Kraftwerke zu errichten, kostet vor allem wegen der Bohrungen viel Geld. Das deutsche Planungsrecht bremst schnellen Ausbau.

Stromerzeugung in Deutschland im Jahr 2021

Wind23,0 %
Braunkohle20,2 %
Kernenergie13,3 %
Erdgas10,5 %
Photovoltaik9,9 %
Steinkohle9,5 %
Biomasse8,8 %
Wasserkraft4,0 %

Quelle der Tabelle: Fraunhofer ISE

Biogas als Energielieferant

Biomethan, die gereinigte Form von Biogas, wird unter anderem aus Gülle, Ernteresten und Energiepflanzen gewonnen. Es hat die Qualität von Erdgas. 2021 lieferten in Deutschland 233 Anlagen 10,4 Terawattstunden ins Gasnetz. Bis 2030 ließen sich nach Zahlen des Gas-Branchenverbands DVGW bis zu 100 Terawattstunden einspeisen – das wären rund zehn Prozent des aktuellen deutschen Erdgasverbrauchs.

Plus: Für Biogas lassen sich Gülle und Ernteabfälle, Biertreber, Weintrester, Molke oder Zuckerrübenschnitzel verwenden. Auch Stroh, Grünschnitt und Abfälle aus der Biotonne sind geeignet. Das Material fällt ohnehin in Deutschland an, das Gas kann dezentral erzeugt werden. Weil Biomethan Erdgas entspricht, lässt es sich auch in Gaskraftwerken einsetzen. Solche Kraftwerke sollen kurzfristig zur Stromversorgung einspringen, wenn weder Wind noch Sonne liefern.

Minus: Um die Potenziale auszuschöpfen, müssten in großem Umfang Energiepflanzen angebaut werden, etwa Mais. Auf den Äckern fehlen dann Flächen für andere Pflanzen. Auch im Optimalfall reicht die Menge an Biomethan nicht, um den Gasbedarf zu decken. Es kann also nur ein zusätzlicher Energieträger sein.

Mehr zum Thema