Darf ’s ein bisschen netter sein?

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Einfach umgetauft hat die 14-jährige Hannah ihren Schwerbehindertenausweis. Foto: Kai Bruhn/dpa

Hannah, ein 14-jähriges Mädchen mit Down-Syndrom, findet, dass ihr Schwerbehindertenausweis sie zum Problem abstempelt. Ihr Vorschlag, das Dokument lieber „Schwer-in-Ordnung-Ausweis“ zu nennen, bekommt viel positives Echo – auch in Bayern.

Vorschlag einer 14-Jährigen soll Schule machen

von Josef Ametsbichler

München – Hannah, 14 Jahre alt, findet sich schwer in Ordnung. Was sie stört: Die Welt um sie herum sieht das offenbar anders. Denn Hannah ist ein Mädchen mit Down-Syndrom. Wenn sie zum Beispiel mit dem Bus fahren möchte, muss sie eine Karte vorzeigen, auf der groß das Wort „Schwerbehindertenausweis“ steht. Ein Stempel, den sich die Schülerin aus Pinneberg bei Hamburg nicht aufdrücken lassen will. Darum hat sie die Karte kurzerhand umgetauft und einen „Schwer-in-Ordnung-Ausweis“ daraus gemacht.

Hannah schrieb an das Jugendmagazin „Kids aktuell“, wie sie sich das Leben mit dem Dokument vorstellt: „Ich habe mir einen Schwer-in-Ordnung-Ausweis besorgt und jetzt stehe ich in Pinneberg an der Bushaltestelle und freue mich. Der Bus kommt, ich steige ein und zeige stolz meinen neuen Ausweis vor.“ So einfach könnte es sein.

Die Idee des Mädchens erntete Ende des vergangenen Jahres besonders in den sozialen Netzwerken großen Zuspruch – eine Welle der Sympathie, die bis nach Bayern schwappte. „Jeder Mensch ist von Geburt an schwer in Ordnung“, findet der oberbayerische Bezirkstagsabgeordnete Johannes Becher (Grüne) aus Moosburg (Kreis Freising). Im Namen seiner Fraktion hat er darum einen Brief an Bayerns Sozialministerin Emilia Müller (CSU) geschrieben. Darin fordert er, Hannahs Namensvorschlag im Freistaat umzusetzen. „Du bist ja behindert“, sei eine gängige Beschimpfung auf vielen Pausenhöfen, kritisiert der Abgeordnete, der lieber von „Menschen mit Unterstützungsbedarf“ spricht.

Ein Vorbild für den „Schwer-in-Ordnung-Ausweis“ gibt es bereits: Rheinland-Pfalz hat zum Jahresbeginn eine kostenlose Hülle mit entsprechender Aufschrift eingeführt – als offizielle Ergänzung zum Schwerbehindertenausweis. Ganz verzichtbar ist der als amtliches Dokument laut dem Mainzer Sozialministerium nicht. Mit der Hülle habe man einen guten Weg gefunden, ohne Behinderungen lächerlich zu machen, heißt es aus der Behörde.

Auch in Hamburg bekommt ein behinderter Bub, der von Hannahs Vorschlag gehört hatte, ganz offiziell einen zusätzlichen „Schwer-in-Ordnung-Ausweis“. „Menschen mit Behinderung empfinden sich als ganz normale Menschen, als Teil der Gesellschaft, und sie haben keine Lust, von Dritten immer als eine bestimmte Gruppe klassifiziert zu werden“, sagte Hamburgs Sozialsenatorin Melanie Leonhard (SPD) über die Entscheidung.

„Warum geht das dort, aber bei uns in Bayern nicht?“, fragt der Grünen-Abgeordnete Becher. Mit dem „Schwer-in-Ordnung-Ausweis“ könne man „mit sehr einfachen Mitteln ein schönes Zeichen für Inklusion, für Respekt und für die gleichberechtigte Teilhabe für Menschen mit Unterstützungsbedarf“ setzen.

Im Haus von Sozialministerin Müller gibt man sich dafür aufgeschlossen. Auf den Brief des Grünen-Abgeordneten wird das Ministerium aber keine Taten folgen lassen. Denn ob der Schwerbehindertenausweis umbenannt wird, „sollte davon abhängen, ob Menschen mit Behinderung diesen Wunsch haben“, heißt es auf Anfrage. Sollte von den entsprechenden Interessenverbänden der Impuls kommen, „werden wir uns sehr gerne zusammensetzen und über den Vorschlag mit den Menschen mit Behinderung diskutieren“, schreibt das Ministerium.

Im Freistaat gibt es rund 1,2 Millionen Menschen mit einem Behinderungsgrad von 50 Prozent oder höher, die damit als schwerbehindert gelten. Fast alle besitzen einen Schwerbehindertenausweis, der sie je nach Art der Einschränkung zu Erleichterungen wie der kostenlosen Mitfahrt im öffentlichen Nahverkehr berechtigt.

Und Hannah? – Dass ihre Idee solche Wellen schlägt, hat die 14-Jährige „völlig überrumpelt“, sagte ihre Mutter dem „Pinneberger Tagblatt“. Für die Sache sei es aber etwas Gutes. Ihre Tochter sei zunächst „total verunsichert“ gewesen. Inzwischen habe sich die Freude über die positiven Rückmeldungen durchgesetzt. Für Hannah ist die Welt gerade schwer in Ordnung.

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