Vom KZ Dachau nach Südtirol

  • schließen
  • Weitere
    schließen
+
Die Häftlinge auf der Hotelterrasse. Rot umkreist: Martin Niemöller. Fotos: fkn/epd

bayern & seine geschichten Pastor Martin Niemöllers Odyssee in der NS-Zeit endete im Pustertal

Türkisgrün leuchtet der See; die Touristen, von denen es die meisten ohnehin nur bis zu dem Hotelkoloss an der Seespitze schaffen, wo sie bei Kaffee und Kuchen hängen bleiben, verlaufen sich schon nach wenigen Metern. Dann ist man allein in der gewaltigen Bergkulisse der Dolomiten – die Umrundung des Pragser Wildsees südlich des Pustertals in Südtirol schafft man in einer Stunde; auch die berühmten Drei Zinnen sind nur ein, zwei Täler weiter östlich.

Nur wenige Touristen ahnen, dass hier am See in den letzten Kriegstagen 1945 ein Geiseldrama endete, das am 23./24. April 1945 im KZ Dachau begonnen hatte. 139 sogenannte Sonder- und Ehrenhäftlinge der SS wurden an den Pragser Wildsee verschleppt: Prominente wie der spätere CSU-Gründer Josef Müller („Ochsensepp“), der Industrielle Fritz Thyssen, die Familien der Hitler-Attentäter Goerdeler und Stauffenberg – und auch Pastor Martin Niemöller, die Symbolfigur der evangelischen Opposition gegen den Nationalsozialismus, der vor nunmehr 75 Jahren in die Fänge der SS geriet.

Der Pastor in Berlin-Dahlem war eigentlich nicht der geborene Widerstandskämpfer – er war lange Zeit stramm deutschnational gesinnt. Im Ersten Weltkrieg war er U-Boot-Offizier, 1920 Kommandant eines Freikorps im Kampf gegen aufständische Ruhrarbeiter. Seit 1924 wählte Niemöller nationalsozialistisch, 1933 unterschrieb er ein Huldigungstelegramm an Hitler. Doch die Verfolgung der Juden stieß ihn ab. Noch 1933 gründete er den Pfarrernotbund, der sich zum Kern der „Bekennenden Kirche“ entwickelte. Niemöllers Predigten wurden überwacht, Gestapo-Spitzel gehörten, wie Niemöller selbst sagte, bald zu seinen „treuesten“ Besuchern in seiner St. Annen-Kirche. Mutig setzt er sich für Pfarrer ein, die verhaftet wurden. Die Nazis hassten ihn. 1935 wurde er verhaftet, am 1. Juli 1937 erneut. „Nun aber verknacken, dass ihm Hören und Sehen vergeht. Nie mehr loslassen“, schreibt Hetzer Goebbels in sein Tagebuch. Am 2. März betritt Niemöller angespannt den Berliner Landgerichtssaal. Das Urteil wegen staatsfeindlicher Äußerungen fällt aber milde aus – 2000 Reichsmark Strafe und sieben Monate Haft, die durch die Untersuchungshaft verbüßt sind.

Doch die Freiheit währt nur kurz. Am Ausgang des Gerichts wird Niemöller, wohl auf persönlichen Befehl Hitlers, verhaftet und ins KZ Sachsenhausen (bei Berlin) verschleppt. Zusammen mit dem Regens des Freisinger Priesterseminars, Michael Höck, sowie dem Domkapitular Johannes Neuhäusler wird er im Juli 1941 ins KZ Dachau überstellt. Niemöller ist jetzt „Sonderhäftling“ Nummer 26 679, separiert von den anderen Häftlingen, er erhält Hafterleichterungen. Seine Ehefrau Paula, die in Leoni am Starnberger See lebt, darf ihn besuchen. Der Autor Volker Koop hat recherchiert, wie die Geschichte weiterging: Am 24. April 1945 werden Niemöller und andere „Sonderhäftlinge“ mit Autos abgeholt. Sie fahren nach Kufstein und Innsbruck – eine Reise ins Ungewisse, die Häftlinge wissen nicht, was werden wird. Später stellt sich heraus, dass die SS die vage Planung verfolgte, die Häftlinge als Geiseln einzusetzen – falls es zu Verhandlungen mit den Alliierten kommen sollte, Am 28. April geht es über den Brenner. Am 30. April stranden die Häftlinge im Hotel Pragser Wildsee. Am 2. Mai notiert Johannes Neuhäusler in sein Tagebuch: „Ziemliche Unruhe wegen Partisanengefahr. Abends treffen deshalb weitere Wehrsoldaten ein. Abends kommt Nachricht, dass Hitler tot sei.“ Am 4. Mai erreichen US-Truppen den abgelegenen Wildsee. Die Geiseln, auch Niemöller, sind frei. „Wegen der Geiselnahme wurde kein Täter jemals angeklagt“, schreibt Historiker Koop. dirk walter

Zurück zur Übersicht: Bayern

  • schließen
  • Weitere
    schließen

Kommentare