"Zu Hause mit ihrer Partnerin tanzen": Clubbetreiber sind stinksauer auf Markus Söder

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Die Nachtgastronomen in der Region Rosenheim und Mühldorf kämpfen ums Überleben. Sie leiden weiter unter einem vollständigen, Coronavirus bedingten Lockdown. In dieser existenziellen Krise entsteht nun heftige Aufregung um eine Aussage von Bayerns Ministerpräsident Markus Söder.

Das Wichtigste in Kürze

  • Der Corona-Lockdown gilt nach wie vor für Bars und Clubs
  • Die Bar- und Clubbetreiber in der Region fürchten um ihre Existenz
  • Bayerns Ministerpräsident Markus Söder bringt die Szene mit unbedachter Aussage gegen sich auf

Update 2. Juli, 15.58 Uhr

Seit dem 7. März nur Kosten – und jetzt dieser Kommentar

Angesprochen auf den fortgesetzten Lockdown der Bars und Clubs in Bayern sagte Ministerpräsident Markus Söder kürzlich bei einer Pressekonferenz: „Sie können ja zum Beispiel zu Hause mit ihrer Partnerin tanzen.“ Seitdem schlagen die Wellen hoch.

Rebecca Dinzenhofer betreibt den Eiskeller in Aschau im Chiemgau. Sie zeigt sich entsetzt: „Man fasst sich an den Kopf!“ Angesichts der schwierigen Lage der Clubbesitzer empfindet sie Söders Worte schlicht als taktlos. „Unser letzter Öffnungstag war der 7. März. Alle unsere Kosten laufen weiter, immerhin wird unsere Miete zum Teil gestundet“, sagt Dinzenhofer. Man dürfe nicht vergessen, dass auch Clubbetreiber Familie hätten.

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Bar- und Clubbetreiber haben bisher kaum Hilfen erhalten

„Begeistert sind wir da alle nicht“, sagt Sascha Khayat. Er führt in Rosenheim den P2-Club und empfindet Söders Äußerung als ziemlich unüberlegt angesichts der schwierigen Lage der Clubbesitzer. Zwar hat Khayat mit der Bermudainsel am Salzstadl eine Alternative gefunden, die er nun gemeinsam mit Kollegen betreibt. Die Umsätze seien aber nicht vergleichbar mit denen seines Clubs. Finanziell könne es daher eng werden: „Bis jetzt haben wir nur die Soforthilfe am Anfang bekommen.“

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Christoph Schraufstetter vom Traunsteiner Club Salon Erika sagt, er habe grundsätzlich Verständnis dafür, dass kein Feiern möglich sei, um Infektionen zu vermeiden. Aber Söders Kommentar stößt auch bei ihm auf Irritation. Der Ministerpräsident habe aus seiner Sicht nicht ganz erfasst, worin der Reiz des Nachtlebens liege.

Im heimischen Wohnzimmer mit der Gattin zu tanzen, sei etwas völlig anderes. Sollte der Salon Erika wieder öffnen, sei Markus Söder herzlich eingeladen, sich vor Ort vom Zauber des Nachtlebens selbst zu überzeugen. Sofern der Salon Erika dann noch besteht. Wie seine Kollegen versucht auch Schraufstetter, irgendwie durchzukommen.

Söder hält weiter am Lockdown der Clubs fest

Im Interview mit dem Bayerischen Rundfunk hat Söder am Donnerstag nochmals bestätigt, dass er eine baldige Eröffnung von Diskotheken ausschließe. Ebenso die Isolation von Risikopatienten, die diskutiert wird, um das öffentliche Leben zu beleben. Das passe nicht zu seiner Vorstellung einer Gesellschaft, in der Solidarität eine Rolle spiele.

Auf Solidarität warten in der Zwischenzeit auch die Clubbetreiber. Sowohl Dinzenhofer, als auch Khayat und Schraufstetter hoffen auf finanzielle Unterstützung seitens der Staatsregierung.

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Update 2. Juli, 10.44 Uhr

Unmut über Söder-Äußerung aus dem Uschi-Haus in Tüßling

Florian Obereisenbuchner vom Uschi-Haus in Tüßling hat kein Verständnis für die Äußerung von Markus Söder. Bayerns Ministerpräsident hatte mit Blick auf den immer noch andauernden Corona-Lockdown in Bars und Clubs gesagt: "Da ist die Ansteckungsgefahr einfach mit am höchsten. Aber sie können ja zum Beispiel zu Hause mit Ihrer Partnerin tanzen.”

Obereisenbuchner sagt: „Ich bin stinksauer, das ist ein Wahnsinn. Wir liegen am Boden, hoffen auf eine Lösung und Markus Söder kommt mit so einer Aussage daher. Wir Clubbetreiber haben keine Lobby, man kann den Eindruck bekommen, die wollen uns eh nicht mehr. Die Vertröstung auf den 31. Oktober hilft uns gar nichts, denn dann kommt mit dem Herbst die zweite Welle, und wir machen gar nicht mehr auf.“

Florian Obereisenbuchner (links) betreibt zusammen mit seinem Bruder Martin das Uschi-Haus in Tüßling.

Die Erstmeldung:

Söder bringt Clubszene gegen sich auf

Die Coronakrise scheint weitgehend unter Kontrolle. Zur Zeit zumindest. Der große Lockdown verblasst allmählich zur Erinnerung. Das öffentliche Leben ist wieder angelaufen. Es gibt nur wenige Bereiche des gesellschaftlichen Lebens, die nach wie vor völlig stillgelegt sind. Einer davon: die Bar- und Clubszene in Bayern. Das Problem: Die Enge und Nähe des Nachtlebens gilt als ideales Umfeld für die Verbreitung des Coronavirus – wie nicht zuletzt der Ausbruch in den Apres-Ski-Bars in Ischgl zeigte.

Viele Betreiber fürchten nach wie vor um ihre Existenz, wenn sie ihre Läden nicht bald wieder aufsperren dürfen. Eine Perspektive? Bislang Fehlanzeige. Und jetzt auch noch das: Bei einer Pressekonferenz zum Stand der Dinge in der Coronakrise hat sich Bayerns Ministerpräsident Markus Söder eine Aussage geleistet, die die Szene nun gegen ihn aufbringt.

Auf die Frage, wann man wieder in Clubs tanzen gehen könne, antwortete Bayerns Ministerpräsident: “Das dauert. Denn da ist die Ansteckungsgefahr einfach mit am höchsten. Aber sie können ja zum Beispiel zu Hause mit Ihrer Partnerin tanzen.” Klingt so Verständnis für die Existenzängste der Betreiber?

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Nachdem das Online-Szenemagazin "Fazemag" diese Aussage Söders zum Mittelpunkt eines Artikels gemacht hatte, ließen die Reaktionen in sozialen Medien nicht lange auf sich warten. So reagierte etwa Stefan Sumper, der in Bayern einige Club-Festivals mitveranstaltet: "Mit einer solchen Missachtung einer am Boden liegenden Branche zu begegnen und all diesen Menschen durch Ihre Respektlosichkeit noch mehr Ängste und letztlich Hilflosigkeit zu signalisieren, ist eines Ministerpräsidenten unwürdig."

Der Fazemag-Artikel sammelte laut Medien-Branchendienst "Meedia" auf Twitter und Facebook insgesamt 16.300 Reaktionen ein, die zumeist in eine ähnliche Richtung gingen, wie die Aussage Sumpers.

Eine Anfrage der OVB-Heimatzeitungen vom 2. Juli ließ die bayerische Staatskanzlei bislang unbeantwortet.

Rubriklistenbild: © picture alliance/dpa

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