Im Frühjahr erst Ergebnisse für Deutschland

Restaurants, Bars und Fitnessstudios als Corona-Hotspots? - Um Studie entbrennt jetzt Streit

30.06.2020, Niedersachsen, Hannover: Ein Gastronom steht mit einem Schild mit der Aufschrift „Soll ich schon den Löffel abgeben?“ auf dem Marktplatz im Zentrum der Stadt. Die Mitglieder des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga) Niedersachsen wollen auf die dramatischen Umsatzeinbrüche im niedersächsischen Gastronomie- und Hotelgewerbe aufmerksam machen. 
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30.06.2020, Niedersachsen, Hannover: Ein Gastronom steht mit einem Schild mit der Aufschrift „Soll ich schon den Löffel abgeben?“ auf dem Marktplatz im Zentrum der Stadt. Die Mitglieder des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga) Niedersachsen wollen auf die dramatischen Umsatzeinbrüche im niedersächsischen Gastronomie- und Hotelgewerbe aufmerksam machen. 

Sie sind schon jetzt die großen Verlierer der Pandemie: Gastronomiebetriebe und Fitnessstudios. Trotz umfangreichen Hygienekonzepten sind sie stets die ersten, die dicht machen müssen. Eine US-Studie scheint den Behörden recht zu geben - aber wird sie deutschen Verhältnissen gerecht?

VON MARKUS MÄCKLER

München – Es ist nur eine Vermutung, aber die 75 dürfte unter Gastronomen hierzulande für ziemliche Gefühlsschwankungen sorgen. Einerseits steht sie für eine Menge Geld: Wer im Lockdown-November dichtmachen muss, soll 75 Prozent des Umsatzes aus dem Vorjahresmonat bekommen. Andererseits steht die Zahl aber für die große Unsicherheit, auf der die Corona-Maßnahmen gebaut sind. Bei drei Viertel aller Infektionen ist der Ansteckungsort unklar. Trotzdem hat die Politik Restaurants, Wirtschaften, Cafés geschlossen – quasi auf Verdacht.

Corona-Studie aus Stanford stützt sich auf Computersimulationen

Eine groß angelegte Studie der kalifornischen Universität Stanford kommt nun zu dem Ergebnis, dass ein Großteil der Corona-Infektionen mit großer Wahrscheinlichkeit an „Superspreader“-Orten passiert – dazu zählen Restaurants und Cafés genauso wie Fitnessstudios. Die Studie wurde im Fachmagazin „Nature“ veröffentlicht. 

Das Forscherteam stützt sich dabei auf Computersimulationen. Neu ist vor allem die Auswertung anonymisierter Handydaten von 98 Millionen Menschen, die von Anfang März bis Anfang Mai dieses Jahres in zehn US-Metropolen, darunter New York, Chicago und Philadelphia, gesammelt wurden. Mit ihrer Hilfe konnten die Forscher nachvollziehen, wo die Bewohner einer konkreten Nachbarschaft sich tagsüber aufhalten, wie lange sie dort bleiben und wie viele andere Menschen sie dort treffen. „Wir können die Kontakte von 100 Millionen Menschen in jeder Stunde des Tages wirklichkeitsgetreu vorhersagen“, sagte der Computerwissenschaftler Jure Leskovec, dem Magazin „Nature“. „Das ist unsere geheime Zutat.“ 

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Corona-Studie entwirft Horrorszenarien

Die Ergebnisse glich das Team um Leskovec mit den tatsächlichen Infektionszahlen ab und fand sich bestätigt. Interessanter sind aber die Szenarien, die die Studie entwirft. Hätte etwa die Großstadt Chicago ihre Restaurants zum 1. Mai wieder vollständig geöffnet, wären in diesem Monat rund 600 000 zusätzliche Corona-Infektionen zu beklagen gewesen. Die Öffnung von Fitnessstudios hätte demnach zu 149 000 zusätzlichen Fällen geführt. Insgesamt gingen laut Studie von zehn Prozent der untersuchten Treffpunkte 85 Prozent der vorhergesagten Infektionen aus.

Deutsche Politik sieht sich von Corona-Studie bestätigt

Der Gesundheits-Experte Karl Lauterbach (SPD) nannte die Studie bei Twitter „sehr wichtig“ und forderte, Lehren auch für Deutschland zu ziehen. Er warnte vor einem Rückfall, sollten gastronomische Betriebe, Hotels oder Fitnessstudios nach dem Lockdown schnell wieder öffnen. Für Wirtschaft und Gesundheit sei es besser, „diese Bereiche für die Dauer des Winters so zu subventionieren, dass ein eingeschränkter sicherer Betrieb möglich ist. Sonst stolpern wir von Wellenbrecher zu Wellenbrecher.“

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Auch die Stanford-Forscher raten zu eingeschränkten Öffnungen. Ihre Simulationen ergeben etwa für den Großraum Chicago: Würden die Kapazitäten von Restaurants, Fitnessclubs oder Cafés auf 20 Prozent gedeckelt, ließen sich 80 Prozent der Corona-Neuinfektionen vermeiden.

Bayerischer Hotel- und Gaststättenverband widerspricht Corona-Studie

Der Bayerische Hotel- und Gaststättenverband sieht das naturgemäß anders und warnt: Die Ergebnisse seien nicht einfach auf Deutschland übertragbar. „Anders als die USA haben wir Hygienekonzepte entworfen und damit aus vermeintlich unsicheren sichere Orte gemacht“, sagt Landesgeschäftsführer Thomas Geppert. „Die Vergleichbarkeit ist deshalb nicht gegeben.“

Deutsche RKI-Corona.Studie erst im Frühjahr erwartet

Auch das Robert-Koch-Institut ging zuletzt davon aus, dass nur ein sehr kleiner Anteil der Ansteckungen hierzulande in Restaurants oder Hotels stattfindet. In einer Anfang November angelaufenen Studie will das RKI nun selbst belastbare Daten für das Infektionsrisiko in der Gastronomie herausfinden. Sie läuft bis zum Frühling.

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