Kampf gegen die Pandemie

Holpriger Start: Erste Menschen in Bayern gegen Corona geimpft – wie es jetzt weitergeht

Die Heimbewohnerin 101-jährige Edith Kwoizalla ist die erste Frau, die in Deutschland gegen das Coronavirus geimpft wurde.
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Die Heimbewohnerin 101-jährige Edith Kwoizalla ist die erste Frau, die in Deutschland gegen das Coronavirus geimpft wurde.

Nach wochenlangen Vorbereitungen hat in Bayern das Impfen gegen das Coronavirus begonnen. Erste Senioren bekamen am Sonntag (27. Dezember) den Impfstoff verabreicht. Doch nicht überall verlief der Start der Impfungen wie geplant.

Update 27. Dezember, 17.15 Uhr

München – Es soll der Anfang vom Ende der Corona-Krise sein: In Bayern haben am Sonntag mehrere Tausend Menschen den neuen Impfstoff gegen das heimtückische Virus bekommen. In Oberfranken und Schwaben überschatteten Pannen den «bewegenden Tag».

Temperatur bei Impfdosen in Oberfranken und Schwaben passt nicht

Der Sonntag nach dem Weihnachtsfest sollte ein historischer werden: Erstmals seit Beginn der seit fast einem Jahr grassierenden Corona-Pandemie wurden in fast allen Teilen Bayerns Menschen gegen das Virus geimpft. Die ältesten und damit am meisten gefährdeten kamen zuerst an die Reihe: Eine 103-Jährige in Kaufbeuren, eine 100-Jährige in Unterföhring, ein 99-Jähriger in Neu-Ulm. «Das ist ein kleiner Piks und fertig», sagte die 83 Jahre alte Helga Klingseisen, die mit ihrem 91 Jahre alten Ehemann Kurt in Germering (Landkreis Fürstenfeldbruck) den Impfstoff in den Oberarm gespritzt bekam.

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Für die Senioren war das wohl so. Für Politik und Verwaltung hat der historische Sonntag wieder einmal gezeigt, dass es mit dem kleinen Piks keinesfalls getan ist. In acht oberfränkischen Landkreisen und zunächst auch in den schwäbischen Kreisen Augsburg und Dillingen musste die Impfung unmittelbar vor dem geplanten Start abgeblasen werden. Bei der Temperaturmessung in den Kühlboxen, in denen die Impfdosen von den Verteilzentren in die Regionen gebracht wurden, hatten sich Ungereimtheiten ergeben. Die gemessenen Werte bewegten sich außerhalb der vom Hersteller vorgegebenen Norm - eine Panne, trotz akribischer, wochenlanger Vorbereitung.

In den meisten Regionen Bayerns ein reibungsloser Impfstart

In Schwaben stellte sich das Problem schnell als beherrschbar heraus. Möglicherweise kann auch in den acht betroffenen oberfränkischen Kreisen Coburg, Lichtenfels, Kronach, Kulmbach, Forchheim, Bayreuth, Wunsiedel und Hof bald geimpft werden. Gerade in Coburg, wo mit einer Sieben-Tage-Inzidenz von 543 derzeit Deutschlands Top-Corona-Hotspot liegt, wird eine Impfmöglichkeit von vielen besonders herbeigesehnt.

In den meisten Landkreisen und Städten lief es dagegen problemlos, wie die Landratsämter und Stadtverwaltungen berichteten. Peter Czermak, ärztliche Leiter der Impfzentren in Neu-Ulm etwa, zeigte sich zufrieden mit dem Start. «Es gibt die ein oder andere Anfangsschwierigkeit, aber das ist bei so einem Vorhaben normal. Wir lernen alle ständig dazu. Der Impfstart ist in jedem Fall gelungen», erklärte er. Gesundheitliche Probleme bei Geimpften wurden bayernweit zunächst nicht bekannt. (dpa)

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Die Erstmeldung von 11.55 Uhr

München/Germering  Am Morgen nach dem zweiten Weihnachtsfeiertag waren die ersten mobilen Impfteams in Bayern ausgerückt. In den ersten Tagen wird weitestgehend in Senioren- und Pflegeheimen sowie in Krankenhäusern gegen das Coronavirus geimpft: Neben Bewohnern und Mitarbeitern der Heime soll medizinisches Personal in Intensivstationen und Notaufnahmen als erstes den schützenden Piks erhalten.

Jede Woche 100.000 weitere Impfdosen für Bayern

Am Samstag (26. Dezember) waren die ersten 9750 Impfdosen im Freistaat angekommen, von den zentralen Lagerorten Erlangen und München aus wurden sie regional auf die rund 99 Impfzentren verteilt. Pro Impfzentrum liegen in der Regel etwa 100 Dosen bereit. Bis zum Jahresende werden weitere rund 205.000 Impfdosen in ultratiefgekühlten Thermoversandbehältern im Freistaat erwartet. Im neuen Jahr soll es mit regelmäßigen Lieferungen weitergehen. Dem Vernehmen nach mit rund 100.000 Impdosen pro Woche – ausreichend für 50.000 Menschen. Aus Sorge vor Sabotage oder Anschlägen stehen die Impfdosen unter Polizeischutz.

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Da für einen wirksamen Schutz zwei Mal geimpft werden muss, wird jeweils die Hälfte der Impfstoffdosen zurückgestellt und in den zentralen Standorten zwischengelagert. Der Impfstoff, den die Firmen Biontech und Pfizer gegen das Coronavirus entwickelt haben, muss bei Temperaturen um die Minus 70 Grad tiefgekühlt werden. In den örtlichen Impfzentren muss es dann schnell gehen: Dort lagern die Fläschchen in normalen Medizinkühlschränken und müssen binnen drei bis fünf Tagen verbraucht werden.

Menschen in Seniorenheimen werden zuerst geimpft

Die Vorbereitungen auf die wohl größte Impfaktion der Geschichte Bayerns haben wochenlang gedauert. Mobile Impfteams werden zunächst vor allem zu Pflege- und Seniorenheimen ausrücken und dort die besonders gefährdeten Menschen versorgen. Bewohner und Mitarbeiter von Heimen sowie medizinisches Personal auf Intensivstationen und in Notaufnahmen sind als erste an der Reihe.

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Ministerpräsident Markus Söder warnte kurz vor dem Impfstart vor negativen Folgen durch Lieferengpässe. «Endloses Warten reduziert auch die Bereitschaft der Bevölkerung, sich impfen zu lassen», sagte der CSU-Chef der Deutschen Presse-Agentur. Leider sei noch nicht genügend Impfstoff vorhanden. «Die Bestellungen des Bundes reichen wohl, aber die Produktion dauert. Daher ist es wichtig, alle Kapazitäten zur Herstellung des Impfstoffes zu erhöhen.»

Eine Impfpflicht wird es nicht geben.

Markus Söder, Ministerpräsident von Bayern

Söder betonte, dass er darüber hinaus keine größeren Probleme erwarte. «Die Impflogistik steht, es braucht nur noch den Impfstoff. Der Bund beliefert die Länder, und dann wird alles verimpft.» Alle Seuchen hätten am Ende nur wirksam durch Impfungen bekämpft werden können. «Dazu müssen wir die Impfbereitschaft der Menschen noch deutlich erhöhen. Denn eine Impfpflicht wird es nicht geben», sagte Söder. «Je mehr geimpft wird und je mehr sich impfen lassen, desto schneller können wir den großen Schrecken von Corona reduzieren.» Impfen sei ein wichtiger Schritt in die alltägliche Freiheit.

Eine Freiheit, die in Deutschland angesichts von 1,6 Millionen Corona-Infizierten und fast 30.000 Toten im Jahr 2020 schwer gelitten hat – mit permanenten Einschränkungen des öffentlichen Lebens und wochenlangen Lockdowns im Frühjahr und am Ende des Jahres. Der Impfstoff soll dafür sorgen, dass das nächste besser wird. Ob es auch die Erlösung von der Pandemie bringt, ist aber fraglich.

Edith Kwoizalla (101) aus Halberstadt ist die erste Geimpfte Deutschlands

Die erste Impfung in Deutschland machte eine 101-jährige Frau berühmt. Im Fall von Edith Kwoizalla reichte ein kurzer Piks in den Oberarm, um in die deutsche Pandemie-Geschichte einzugehen. Die Bewohnerin eines Seniorenzentrums in Halberstadt im Harzer Vorland (Sachsen-Anhalt) wurde geboren, als die Spanische Grippe Millionen Menschen in Europa dahinraffte - zu einer Zeit, als es noch keine Schutzimpfungen gab.

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Am Samstag war sie, nach allem was man weiß, die Erste in Deutschland, die gegen das Coronavirus geimpft wurde. Ein Leben zwischen zwei der verheerendsten Pandemien, die die Welt in der jüngeren Geschichte erlebt hat. Nach ihrer Impfung macht sie den Eindruck, als sei sie ihr gut bekommen: «Mir geht‘s gut», sagt sie in die Kameras.

Corona-Impfung in Deutschland ungeduldig erwartet

Eigentlich erfolgte die Impfung Kwoizallas, rund 40 weiterer Heimbewohner sowie zehn ihrer Pfleger viel zu früh. Die ganze Europäische Union hatte sich darauf verständigt, erst am 27. Dezember, also am Sonntag loszulegen.

Erst scherte das stets sehr eigenwillige Ungarn aus, dann auch die Slowakei und schließlich der Landkreis Harz in Sachsen-Anhalt. Den Verantwortlichen im dortigen Pandemiestab und dem Halberstädter Heimleiter Tobias Krüger leuchtete nicht ein, warum man angesichts der Dramatik der Lage noch Zeit verlieren sollte. «Jeder Tag, den wir warten, ist ein Tag zu viel», sagte Krüger.

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Das zeigt, wie ungeduldig die Impfung von vielen in Deutschland erwartet wird. Wenn es am Ende dieses düsteren Jahres 2020 etwas gibt, das die Menschen im Land eint, ist es der Wunsch nach einer möglichst schnellen Rückkehr zur Normalität. Und der nun verabreichte Impfstoff des Mainzer Unternehmens Biontech und des US-Konzerns Pfizer macht zumindest Hoffnung darauf.

Minister Spahn wirbt für die Corona-Impfung

Das sieht auch Gesundheitsminister Jens Spahn so. Als er am Samstag vor die Presse tritt, um für die Impfung zu werben, lautet seine zentrale Botschaft: «Dieser Impfstoff ist der entscheidende Schlüssel, diese Pandemie zu besiegen. Er ist der Schlüssel dafür, dass wir unser Leben zurückbekommen können.»

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Spahn gibt sich bei der Erläuterung des weiteren Vorgehens ziemlich optimistisch. 1,3 Millionen Dosen sollen noch vor Jahresende verabreicht werden, Ende März sollen es schon weit mehr als zehn Millionen sein. Und Mitte des Jahres will Spahn bereits allen Menschen in Deutschland ein Impfangebot machen können, die sich impfen lassen wollen. «Der Herbst und der Winter und auch das Weihnachten des kommenden Jahres, sollen nicht mehr im Zeichen dieser Pandemie stehen.»

Zwei Drittel der Deutschen wollen sich impfen lassen. Aber...

So viel Optimismus klingt kühn. Es gibt noch jede Menge Unwägbarkeiten. Gibt es Komplikationen mit den unterschiedlichen Impfstoffen? Wirken sie gegen alle Mutationen des Virus, die da noch kommen mögen? Lassen sich genug Menschen impfen, um die vielbeschworene Herdenimmunität zu erreichen?

Andererseits ist die Zuversicht wahrscheinlich auch notwendig, um die Menschen zur Impfung zu bewegen. Die Skepsis ist groß. Nach einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov im Auftrag der Deutschen Presse-Agentur haben 57 Prozent der Deutschen Angst vor Nebenwirkungen. Zwar wollen fast zwei Drittel sich impfen lassen. Aber nur die Hälfte davon ist sofort dazu bereit. Die anderen wollen erst einmal mögliche Folgen bei anderen abwarten.

So sieht die Impf-Reihenfolge in Deutschland aus

Nach Schätzung von Experten müssen sich 60 bis 70 Prozent der Bevölkerung impfen lassen, damit die Pandemie wirkungsvoll bekämpft werden kann. Ob das Virus so auch endgültig besiegt werden kann, ist allerdings fraglich. «Die Impfung wird eine große Wirkung haben, aber ich denke, dass niemand die Auslöschung des Virus versprechen kann, solange wir nicht viel mehr darüber verstehen», sagte der Nothilfekoordinator der Weltgesundheitsorganisation WHO, Mike Ryan, vor einigen Wochen.

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Zuerst sind Hochrisiko-Patienten sowie medizinisches und pflegerisches Personal mit der Impfung an der Reihe. In Stufe 2 sind über 70-Jährige und Menschen mit hohem Risiko für schwere Corona-Verläufe dran – etwa mit Trisomie 21, Demenz oder einer geistigen Behinderung. Zur Gruppe 3 mit «erhöhter» Priorität gehören über 60-Jährige und Menschen mit Krebs und weiteren Erkrankungen etwa am Herzen, mit Diabetes oder Asthma.

Deutsche Politiker wollen sich nicht medienwirksam impfen lassen

In dieser Gruppe sind auch Polizisten, Feuerwehrleute, Katastrophenschützer und Erzieher sowie Politiker aus Bundestag und Bundesregierung. Von letzteren will sich aber niemand vordrängeln. Während sich US-Vizepräsident Mike Pence, der künftige US-Präsident Joe Biden oder der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu vor laufenden Kameras impfen ließen, um den Bürgern ein Vorbild zu sein, ist man hierzulande zurückhaltend.

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Spahn sagt, man könne es in dieser Frage nicht allen recht machen. «Wenn sich die Politik zuerst impfen lässt, werden einige sagen: typisch, die wieder zuerst, und wann sind wir dran?» Andererseits heiße jetzt schon hier und da: «Warum lassen die sich eigentlich nicht impfen, ist etwas nicht ok?» Bis der Gesundheitsminister und die Bundeskanzlerin ihren Piks bekommen, wird es also wohl noch eine Weile dauern. Allerdings betont Spahn, dass es an der Impfbereitschaft der Bundesregierung grundsätzlich nicht mangele: «Sollte es zu einem gegebenen Zeitpunkt auch Sinn machen, um Vertrauen zu stärken, ist jeder von uns als erstes bereit, sich auch impfen zu lassen.» (dpa/lby/ki)

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