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„Hirnverbrannte“ Anglizismen

Bairisch-Experte Sepp Obermeier: Warum Corona auch unsere Sprache infiziert hat

„Täglich geöffnet auch während des Lockdown!“ steht auf einem Hinweisschild im Schaufenster einer Konditorei in einer deutschen Innenstadt. Der in der Corona-Krise gebräuchliche Begriff "Lockdown" ist zum "Anglizismus des Jahres" gekürt worden.
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„Täglich geöffnet auch während des Lockdown!“ steht auf einem Hinweisschild im Schaufenster einer Konditorei in einer deutschen Innenstadt. Der in der Corona-Krise gebräuchliche Begriff «Lockdown» ist zum «Anglizismus des Jahres» gekürt worden.

Sepp Obermeier, 64, lebt in Konzell im Bayerischen Wald. Er ist 1. Vorsitzender des Bunds Bairische Sprache. Wir haben bei ihm angerufen und ihn gefragt, wie es der bairischen Sprache in Zeiten der Pandemie geht.

Lockdown, Homeoffice, Superspreader, Contact-Tracing-Team. Das Virus spricht offensichtlich Englisch. Gibt es keine deutschen Begriffe für all das? 

Für den Lockdown kann man Ausgangssperre, Kontaktverbot oder das Herunterfahren des öffentlichen Lebens verwenden. Das Homeoffice ist das Heimbüro oder die Arbeit von daheim aus. Superspreader sind die größten Virenverbreiter oder Virenschleudern. Und als Contact-Tracing-Teams werden in den Gesundheitsämtern Arbeitsgruppen zur Aufspürung von Kontaktpersonen bereits Corona-Infizierter bezeichnet.

Gibt es einen Begriff rund um Corona, den Sie besonders absurd finden?

„Homeoffice“, weil englische Muttersprachler darunter nur „Innenministerium“ verstehen und über unser Filser-Englisch nur müde lächeln können. Darunter versteht man die sinnfreie wörtliche Übersetzung vom Deutschen ins Englischen. „Not the yellow from the egg“ für „nicht das Gelbe vom Ei“ oder „foxdevilswild“ für „fuchsteufelswild“. 

Sepp Obermeier, 1. Vorsitzender des Bunds Bairische Sprache

Könnte man einige der Corona-Begriffe auch ins Bairische übersetzen? 

Das beißt sich von der Zielsetzung her: Bairisch soll überleben und die Corona-Begriffe sollen verschwinden. Aber vielleicht findet sich ja ein Exemplar einer FFP2-Maske in naher Zukunft im Museum der Bayerischen Geschichte, deklariert als „Söderscher Hadern-Erlass“ anno 2021, punktgenau angekündigt zum Tag der Wahl des CDU-Vorsitzenden, als bayerisches „Wer ko, der ko“-Signal.

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Ist das jetzt einfach so: Wir haben eine weltweite Pandemie – also haben wir auch überall die gleichen Begriffe? Oder handhaben das Franzosen oder Italiener anders? 

Ich habe in den Digitalausgaben mehrerer französischer Zeitungen in die Suchfunktionsfelder einen Lockdown, ein Homeoffice, ein Homeschooling und ein Social Distancing eingegeben und bin ausschließlich auf Artikel mit den französischen Benennungen „Confinement“, „Télétravail“, „Education à Domicile“ und „Distanciation Sociale“ gestoßen. Der Asterix-Zeichner Albert Uderzo, der im März kurz vor unserem amüsanten sprachlichen Virenbefall verstarb, hätte sich ein „Die spinnen, die Deutschen“ wahrscheinlich nicht verdrücken können.

Was denken Sie, wenn Sie jeden Tag die Nachrichten hören? Da ist vom „Social distancing“ die Rede und von „No-Covid-Initiativen“. Auch Bayerns Ministerpräsident Markus Söder macht da fleißig mit.

Kurz vor Weihnachten kündigte Ministerpräsident Söder eine „Pflege-Taskforce“ für die Altenheime an. Klaus Rimpel, der Leitartikler in Ihrer Zeitung, wies ihm mit der Stiftung Patientenschutz allerdings einen raffinierten Griff in den Denglisch-Verhüllungswerkzeugkasten nach, „weil nicht wundersam herbeigezauberte Pflegekräfte ankamen, sondern knallharte Kontrollsheriffs“.

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Warum werden Anglizismen trotzdem oft unwidersprochen übernommen? 

Das ist bei uns einem Mangel an Reflexion und Selbstreflexion geschuldet. Deswegen mussten wir uns in Lindau bei einer der alljährlichen Pressekonferenzen von Nobelpreisträgern aus 90 Ländern verspotten lassen. Die Geistesgrößen, die nirgendwo eine Fahrradmietstation gefunden hatten, jedoch überall den Werbespruch „Rent a bike“, konterten mit dem süffisanten Rat „Rent a brain“ – „Mietet Euch ein Hirn“.

Sind englische Begriffe den deutschen oder bairischen in manchen Fällen vielleicht doch überlegen?

Zweifellos, wenn es um Einfachheit und Kürze geht. In einer kompliziert werdenden Welt sollten komplizierte Sachverhalte jedoch nicht oberflächlich, sondern sorgfältig abgehandelt werden.

Gibt es irgendwas, das Ihnen Hoffnung macht? Haben Sie während der Pandemie einen besonders kreativen Umgang mit der Sprache entdeckt?

In einem Video in den Sozialen Netzwerken warb unter anderem Münchens Altoberbürgermeister Christian Ude für einen solidarischen Wirtshausbesuch mit der dialektalen Wortschöpfung: „Gemma af a Abstandshoibe!“ Das hat mich sakrisch gfreit, weil er als OB nach dem „Ozapft is!“ auf dem Oktoberfest zur kühlen Mass immer in einem kühlen Nordsprech parlierte.

Waren Sie eigentlich schon mal am Walchensee? 

Ja. Sehr pittoresk. Da könnte man sogar als landschaftlich verwöhnter Bayerwäldler neidisch werden. 

Dort haben sie seit Jahren ein großes Problem: zu viele Ausflügler. „Overtourism“ nennen das selbst Einheimische, wenn wieder mal zu viele Münchner auf den Herzogstand wollen. Wie gefällt Ihnen das Wort?

Nicht so gut wie die badensisch-englische Selbstironie des einstigen Bundesfinanzministers Wolfgang Schäuble, als er ein Ultimatum für griechische Hilfszahlungen kommentierte: „Am 28., 24 Uhr isch over“. Aber wahrscheinlich wird aus dem „Overtourism“ ganz schnell wieder ein „Übertourismus“, wenn die Einheimischen mit der Diagnose Inferioritätskomplex, also Minderwertigkeitsgefühl, konfrontiert werden.

Haben Sie mehr Beispiele von unmöglichen Wörtern?

Seit fast 15 Jahren blamiert man sich mit „Public Viewing“ als Bezeichnung für große öffentliche Bildschirmübertragungen, obwohl bekannt ist, dass im Englischen öffentliche Leichenaufbahrungen gemeint sind. Der korrekte englische Begriff wäre „Public Screening“. Nachdem uns die London Times bereits 1963 eine typisch deutsche „Linguistic Submissiveness“, eine sprachliche Unterwürfigkeit, attestierte, wollen wir uns 2021 mit dem Begriff „Brennpunkte“ nicht die Lippen verbrennen und weichen hirnverbrannt auf „Hotspots“ aus.

Gibt es auch Anglizismen, die Ihnen gefallen? 

Eine Sternstunde war für mich, der Unterhaltung zweier Siebzehnjähriger beiwohnen zu dürfen, die wortschöpferisch den Fußball-Bundestrainer Jogi Löw zweisprachig als DFB-Auftrags-chiller, also als Müßiggänger im Auftrag des DFB, und als Bundes-Pelzer (von bairisch „pelzen“: auf dem Pelz, der faulen Haut liegen) einstuften. Solche ironischen Wortschöpfungen gefallen mir besser als die realsatirischen Versuche, den Coronaviren unbedingt eine Weltsprache als Impfersatz entgegenzuschleudern. So nach dem Motto: „Das englische Licht leuchte Euch heim!“

Letzte Frage: Gibt es ein bairischen Wort, das in Vergessenheit geraten ist und das man viel öfter verwenden sollte? 

„Enk“ für „euch“ als eines von sechs gotischen Kennwörtern im Bairischen sollte sich vom schönmünchnerischen, pseudo-dialektalen „eich“ nicht verdrängen lassen. Als Vorbild sollte uns als Bairisch-Beharrungsgebiet Österreich dienen, mit dem Neujahrswunsch „I wünsch enk 2021 an Fried, an Reim (Glück) und an Gsund!“

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