„Lieber jetzt und gscheid.“

Corona-Schutzmaßnahmen: Ausflugsstopp für Bayerns Berge und Seen?

Die Menschen drängt es ins Freie: Auch am Jochberg am Walchensee war am Wochenende viel los. Das Foto vom Gipfelkreuz entstand am 15. November 2020.
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Die Menschen drängt es ins Freie: Auch am Jochberg am Walchensee war am Wochenende viel los. Das Foto vom Gipfelkreuz entstand am 15. November 2020.

Wie stark muss man durchgreifen, um die Infektionszahlen in den Griff zu bekommen? Ginge es nach Kanzlerin Angela Merkel, sehr hart. Sogar Fahrten ins Grüne hält sie für zu riskant. In manch oberbayerischer Kommune wäre man froh, kämen derzeit keine Ausflügler. Die Bürgermeisterin von Garmisch-Partenkirchen ist sogar für ein Ausflugsverbot.

VON STEFAN SESSLER, SIMON NUTZINGER, NADJA HOFFMANN UND WOLFGANG HAUSKRECHT 

München – Elisabeth Koch hat das Wochenende noch vor Augen. Im Ort sei Auto an Auto gefahren. Mit Kennzeichen von Augsburg bis München. Bis in den Abend hinein sei Staulage gewesen, erzählt die Bürgermeisterin (CSU) von Garmisch-Partenkirchen. Den Vorschlag aus dem Kanzleramt, auf „touristische Tagestouren“ zu verzichten, findet sie richtig – und zwar nicht nur als Empfehlung, sondern gleich als Verbot.

Elisabeth Koch, Bürgermeisterin (CSU) von Garmisch-Partenkirchen

Ein Ausflugsverbot sei das Einzige, was Sinn mache, sagt Koch. „Lieber jetzt und gscheid. Wir brauchen klare Regeln mit klaren Perspektiven – und kein Rumgeeiere mehr.“ Garmisch-Partenkichen lebe vom Tourismus, betont die Bürgermeisterin. „Jeder ist grundsätzlich herzlich willkommen.“ Und sie habe „Verständnis für jeden, den es rausdrückt“. Aber bitte nicht jetzt und in den kommenden Novemberwochen.

Koch argumentiert so: Bekomme man die Infektionszahlen nicht runter, sei Weihnachten und vielleicht die ganze Wintersaison in Gefahr. Deshalb solle man den touristisch ohnehin ruhigeren November bestmöglich nutzen – damit Hotels und Gastronomie vor Weihnachten wieder im Geschäft sind.

Aber gleich ein Ausflugsverbot? Sie wisse, was das bedeute und sei kein Freund von Verboten, betont Koch. „Aber es liegt in der Natur des Menschen, die Grenzen auszutesten. Wir brauchen deshalb klare, nicht auslegungsbedürftige Regeln.“ Nur ein Verbot sei letztlich auch kontrollierbar.

Die Bürgermeisterin hat gerade selber erfahren, was es heißt, nicht mehr raus zu dürfen. Zwei Wochen war die 58-Jährige in häuslicher Quarantäne – weil sie Kontakt zu Landrat Anton Speer hatte, der positiv getestet wurde (wir berichteten). „Seit Freitag, null Uhr, bin ich wieder frei“, scherzt Koch. Sie hatte Glück. Tests negativ, kein Corona. Aber in ihrem Umfeld, sagt sie, habe es teils „ganz schwere Corona-Verläufe“ gegeben. „Wenn man das sieht, dann zweifelt man nicht mehr an strengen Maßnahmen.“

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Thomas Holz (CSU) ist Bürgermeister von Kochel. Zu seiner Gemeinde gehört auch der Walchensee. Von einem Verbot will er nicht sprechen, aber eine staatlich empfohlene Ausflugspause wäre für ihn so was wie ein Befreiungsschlag, wenn auch nur ein kurzfristiger. „Das wäre begrüßenswert“, sagt er. „Natürlich habe ich Verständnis für die Menschen, die die freie Zeit für einen Ausflug nutzen, um an die frische Luft und in die schöne Natur im Alpenvorland zu kommen. Aber die Bevölkerung vor Ort kommt gar nicht mehr zum Durchschnaufen.“

Thomas Holz (CSU), Bürgermeister von Kochel

Am Wochenende, berichtet Holz, seien die Wanderparkplätze in der Region schon in der Früh belegt gewesen. „So was kennen wir Mitte November eigentlich nicht. Es war wieder schlimm. Ich bin jetzt im 14. Jahr Bürgermeister, aber so was habe ich noch nicht erlebt.“ Es ist gar nicht so sehr Covid-19, das ihn umtreibt. Sondern vor allem der Müll, den rücksichtslose Wanderer zurücklassen, und das wilde, inzwischen zum Volkssport gewordene Parken im Halteverbot. Auch das ist ein Virus, das er besiegen will. Kein tödliches, aber ein nerviges.

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Oberammergaus Bürgermeister Andreas Rödl (CSU) kann Holz gut verstehen. Wenn schon Ausflüge sein müssten, „dann muss es aber auch funktionieren“. Und nicht so laufen wie am Wochenende, als die Autos zum Beispiel vogelwild an der Kappel-Kirche in Unterammergau geparkt wurden. Blechlawinen hätten sich durchs Ammertal geschoben. Der Naturpark Ammergauer Alpen lockt Wanderer. „Hier ist es ja schön. Da kann ich jeden verstehen, der kommen mag“, sagt Rödl. „Ich appelliere aber auch an die Vernunft.“ Müsse der Tagesausflug in Corona-Zeiten sein?

Oberammergaus Bürgermeister Andreas Rödl (CSU)

Sympathie schlägt Merkel auch aus Tegernsee entgegen. „Wenn die Bundeskanzlerin empfiehlt, auf Tagestouren zu verzichten, dann hat das einen guten Grund – und man sollte sich daran halten“, sagt Bürgermeister Johannes Hagn (CSU).

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In Starnberg, ebenfalls ein beliebtes Ausflugsziel, hat die Polizei derweil die Gangart verschärft. „Der Schmusekurs ist vorbei“, sagt Starnbergs Polizeichef Bernd Matuschek. Bei Verstößen gegen die Corona-Regeln werde jetzt mit Anzeigen durchgegriffen – ohne Diskussionen und „ohne Ausnahme“, wie Matuschek sagt. Vor allem zu Beginn der Pandemie hätten die Beamten oft Nachsicht walten lassen und bei Verstößen erst einmal das Gespräch gesucht. „Das war am Anfang auch der richtige Weg“, sagt Matuschek. Viele Dinge seien komplett neu gewesen. Mittlerweile jedoch sei die Informationslage bezüglich der Corona-Bestimmungen aber deutlich klarer. „Jeder weiß, was er darf und was nicht.“

Starnbergs Polizeichef Bernd Matuschek

Was ein Ausflugsverbot für die Metropole München bedeuten würde, lässt sich unschwer erahnen. Der Englische Garten war am Wochenende schon ziemlich bevölkert. Am Monopteros schienen die Abstandsregeln völlig verpufft zu sein, auf der Wiese davor wurde fleißig Volleyball gespielt. Die berittene Polizeistreife versuchte erst gar nicht, irgendwen zu ermahnen. Im Hofgarten flogen Boule-Kugeln durch die Luft, geworfen auch von Risikogruppen – ohne Maske oder Abstand. Manch einer hatte sich seinen Aperol Spritz selber mitgebracht. Sollte München nicht mehr ins Umland dürfen, dürfte es an diesen Orten noch enger werden.

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