Interview

Corona-Pandemie und Bayerns Krankenhäuser: „Das Personal ist unsere Achillesferse“

  • vonSebastian Horsch
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Seit 17 Jahren führt Siegfried Hasenbein die Bayerische Krankenhausgesellschaft als Geschäftsführer. Bevor er Ende November in den Ruhestand geht, verlangt die Corona-Pandemie ihm und den bayerischen Kliniken noch einmal viel ab. Wo die dringendsten Probleme liegen, erklärt Hasenbein im Interview.

VON SEBASTIAN HORSCH

Herr Hasenbein, Bayern hat mehr als 4000 Intensivbetten. Aber haben wir auch genug Pflegepersonal, um im Falle weiter steigender Corona-Zahlen alle zu versorgen, die darin liegen?

Das Fachkräftepersonal ist tatsächlich unsere Achillesferse. Wenn die Patientenzahlen so steigen wie bisher, werden wir dort unsere Belastungsgrenze erreichen – weniger bei den Betten oder den Geräten.

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Wie weit sind wir von dieser Grenze noch entfernt?

Das kann man nicht so einfach festmachen. Wir müssen davon ausgehen, dass die Zahl der Corona-Patienten in den nächsten zwei, drei Wochen weiter steigt. Aber auch die Zahl des verfügbaren Personals ist nicht statisch, sondern ändert sich ständig. Das hängt davon ab, wie viele Mitarbeiter selbst krank ausfallen oder als Corona-Kontaktpersonen in Quarantäne müssen. Auch hier gibt es Wellenbewegungen.

Siegfried Hasenbein, Geschäftsführer der Bayerischen Krankenhausgesellschaft

Lässt sich kurzfristig mehr Personal gewinnen?

Nein. Wir müssen mit dem auskommen, was wir haben. Wir hatten ja schon vor Corona einen Fachkräftemangel. Es gibt kein Reservoir, auf das man zurückgreifen kann.

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Lassen sich die Personalkapazitäten notfalls strecken?

Im Krisenfall müssten wir auf die Instrumente aus dem Frühjahr zurückgreifen. Das heißt: Den übrigen Bereich runterfahren, Personal umschichten und Mitarbeiter aus ihrer Freizeit zurückholen. Auch viele Überstunden würden dann wieder anfallen.

Seit August müssen die Kliniken zudem in einigen Bereichen wieder die im Frühjahr ausgesetzten Personaluntergrenzen pro Patient erfüllen.

Ja, und es ist dafür der völlig falsche Zeitpunkt. Zumal diese Personaluntergrenzen ab Januar ausgerechnet im Intensivbereich noch verschärft werden sollen. Dann dürften auf der Intensivstation von einer Vollkraft nur zwei Patienten versorgt werden. Das ist ein wünschenswerter Zustand – aber in einer Krisensituation an der Belastungsgrenze nicht einzuhalten. Wir appellieren dringend an Bundesgesundheitsminister Jens Spahn, damit zu warten.

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Überfordern wir unsere Pflegekräfte nicht, wenn wir ihnen immer mehr zumuten? Viele von ihnen mussten schon im Frühjahr eine Ausnahmesituation überstehen.

Selbstverständlich stellt sich diese Frage. Aber wir müssen unseren Krankenhäusern in Krisenzeiten unbedingt die Flexibilität bewahren. Sie haben im Frühjahr gezeigt, dass sie mit dieser Verantwortung umgehen können.

Wie lange kann der Normalbetrieb mit Knie-OPs und Darmspiegelungen noch weiterlaufen?

Die neue Allgemeinverfügung der Staatsregierung sagt bereits, dass im Ernstfall verschiebbare Behandlungen aufgeschoben werden sollen. Es gibt aber – richtigerweise – keine landesweite feste Quote. Der Zeitpunkt und der nötige Umfang werden regional unterschiedlich ausfallen.

Können es sich die Kliniken leisten, erneut viele lukrative Behandlungen abzusagen?

Ohne finanzielle Kompensation sicherlich nicht. Das versuchen wir seit Tagen auch der Politik nahezubringen. Gerade im November zahlen fast alle Kliniken die Weihnachtsgratifikationen aus. Die Personalkosten verdoppeln sich dadurch. Da brauchen die Kliniken Liquidität.

Was schlagen Sie vor?

Wir hatten bereits Anfang des Jahres angeregt, das mit den Kassen vereinbarte Budget von 2019 als Grundlage zu nehmen und die Personal- und Sachkostensteigerungen dazuzurechnen. Dann bekäme jede Klinik für jeden betroffenen Monat ein Zwölftel davon. Damit bräuchte man keine komplizierten Ausgleichsregelungen und könnte auch den Dokumentationsaufwand verringern.

Wie sehr belasten die vielfältigen Dokumentationspflichten die Kliniken?

Wir dokumentieren in jeder Klinik täglich hunderte und tausende Bögen zur Qualitätskontrolle. Das ist grundsätzlich zu akzeptieren. Aber in Krisen muss man Prioritäten setzen. Man könnte Übergangszeiten für neue Dokumentationspflichten schaffen und Routinedokumentationen für eine gewisse Zeit aussetzen. Es muss vorrangig darum gehen, das Personal zu entlasten.

Das alles sind Fragen, die den Bund betreffen. Kann Bayern auch etwas tun, damit die Krankenhäuser besser durch die zweite Welle kommen?

Ja. Im Frühjahr wurde auf Bundesebene festgelegt, dass die Kliniken 50 000 Euro Prämie für jedes zusätzlich geschaffene Intensivbett erhalten. Diese zugesagten Bundesgelder hat Bayern bis heute nicht ausgezahlt, weil man sich auf komplizierte Umsetzungsregeln des Bundes beruft. Das ist nicht gerade motivationsfördernd, und andere Länder haben das deutlich pragmatischer gelöst. Da würden wir uns auch in Bayern mehr Verständnis für unsere Probleme wünschen. 

Rubriklistenbild: © Peter Kneffel/dpa

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