Mit den Clowns kommt das Lächeln

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Seit zwanzig Jahren besuchen die Münchner Klinikclowns Orte, an denen Menschen weinen. Krankenhäuser, Hospize, Kinder- und Seniorenheime. Mal sind die Clowns laut und lustig, mal mitfühlend und stumm. Ihre bunte Art soll Patienten Angst und Einsamkeit nehmen.

von Sarah Brenner

Über eine steinerne Wendeltreppe führt der Weg hinauf in den ersten Stock des Giesinger Sozialzentrums. 29 Senioren sind hier daheim. Viele sind dement, einige einsam. In Zimmer 205 liegt eine 88-Jährige in ihrem Bett. „Wie geht’s Ihnen denn?“, fragt Lieselotte. „A bisserl scheiße“, raunt ihr eine belegte Stimme entgegen, „aber was soll’s, Unkraut vergeht nicht.“ „Wenn ich ein Unkraut wäre“, fängt Lieselotte an zu fabulieren, „dann wäre ich ein Spitzwegerich – der hilft gegen Husten.“ „Wissen Sie, was mir hilft“, unterbricht die 88-Jährige, „Sekt, ich trinke Sekt.“

Hildegard S. ist eine aufgeweckte Frau mit Haaren weiß wie Leinen. Hinter ihrem Bett hängen ein Dutzend Erinnerungen an der Wand. Hildegard mit Familie, im Bierzelt, im Stadion. Die Seniorin ist Fußballfan, erzählt von der Meisterschaft, vom Trainerwechsel bei den Bayern. Lieselotte hört zu. Auch das gehört zu ihren Aufgaben als Klinikclown. Mal ist Lieselotte laut, quirlig und ungelenk wie Charlie Chaplin, der ständig stolpert und überall dagegen rennt. Mal ist sie mitfühlend und stumm. „Ich spiele kein Nummernprogramm wie im Zirkus“, sagt sie, „es muss nicht immer gelacht werden.“

Monika Molodovsky, 53, kommt, um Fenster zu öffnen. Hinter manchen verbirgt sich eine Erinnerung, hinter anderen ein Lächeln. Durch manche fegt das Gefühl von Freiheit. „Und wenn ein Fenster mal verschlossen bleibt“, sagt sie, „dann ist das auch in Ordnung.“ Die Münchnerin trägt ein hellbraunes Kleid mit roten Taschen und weißen Blumen. Ihr blondes, kinnlanges Haar krönt eine Seerose aus Stoff. Auf ihre Nasenspitze hat sie mit dem Zeigefinger einen roten Punkt gemalt, ihre rosaroten Wangen glühen. Für die nächsten Stunden wird Monika Molodovsky auf den Namen Lieselotte hören. Die Münchnerin lacht, wo andere weinen.

An diesem Nachmittag haben die Senioren Besuch von Lieselotte und ihrem Kollegen Steffo, 47, Krawatte, Hosenträger, rote Nase. Kennengelernt haben sich die beiden vor zwölf Jahren in Freising. Auf der Clownschule haben sie gemeinsam gestottert, gescherzt und gelacht. Seitdem sind die beiden ein Team. Wenn Steffo die Hand hochhält, klatscht Lieselotte ein. Wenn Lieselotte ein Lied anstimmt, singt Steffo mit.

Dreimal pro Woche schlüpfen Monika Molodovsky und Thomas Holzer in ihre Kostüme, werden zu Lieselotte und Steffo. So gehen die beiden in Krankenhäuser, Hospize, Kinder- und Seniorenheime. Dorthin, wo Menschen weinen.

Was den Patienten fehlt, wissen die Clowns oft nicht. Auf den Stationen herrscht Datenschutz. „Wir kommen, sehen und spüren“, sagt Lieselotte. Steffo nickt. In den vergangenen 16 Jahren haben 59 Klinikclowns mehr als 465 000 Menschen zum Schmunzeln gebracht. Allein in Bayern.

Im Speisesaal des Giesinger Sozialzentrums sitzen drei Damen an einem hölzernen Tisch. Eine nippt vorsichtig an ihrem Tee, eine andere liest. Am Fenster ist eine Seniorin in ihren Rollstuhl versunken. Die Münchnerin schaut dem Wind dabei zu, wie er bunte Blätter von den Bäumen jagt. Nach einer Weile beginnt es zu dämmern. Feiner Niesel versperrt die Sicht ins Freie. „Es geht zu Ende“, flüstert die Frau. Auf der Station steht die Zeit für einen Augenblick still.

Vollmondförmige Lampenschirme hüllen den Saal in ein wärmendes Licht. An Nylonfäden befestigt, schweben unzählige Blüten aus gelbem Tonpapier durch den Raum. Auf dem Tisch blühen Sonnenblumen. Der Duft des Sommers mischt sich mit dem Geruch des Alters. Medikamente, Desinfektionsmittel, Pflegelotion. Lieselotte und Steffo erzählen den Damen vom Frühling, singen von Tulpen in Amsterdam. Mit einem lauten Klacken löst die Frau am Fenster die Bremse ihres Rollstuhls und fährt in Richtung eines unsichtbaren Klaviers. Wie auf Kommando erhebt sie die Hände zum Akkord und lässt ihre Finger wellengleich über die Tasten gleiten. „Oft fangen Patienten, die scheinbar nicht mehr ansprechbar sind, plötzlich an zu singen“, erzählt Lieselotte, „ich wundere mich immer wieder, was Musik alles bewirken kann – vor allem im Alter.“ Mit ihren Liedern legen Lieselotte und Steffo den Senioren in gewisser Weise Bypässe, durch deren Kanülen Bilder, Gedanken und Erinnerungen fließen.

Was 1997 mit einem Team aus zwei Clowns begann, entwickelte sich rasch zu einer Institution. In Deutschland gibt es mittlerweile mehr als 30 Klinikclown-Vereine, -Gruppen und lose Verbindungen. 16 sind in einem bundesweiten Dachverband organisiert. „Die Nachfrage ist größer als das Angebot“, sagt Gabi Sabo, Sprecherin der bayerischen Klinikclowns. Anders als etwa in den Niederlanden, wo die Klinikclowns vom Staat subventioniert werden, finanzieren sich die Vereine in Deutschland über Stiftungen, Spenden und Benefizveranstaltungen. Oft fehlt es an Sponsoren, gelegentlich am Verständnis. Dafür, dass die Clowns heilen helfen. Für eine mehrstündige Visite bekommen Monika Molodovsky und Thomas Holzer um die 125 Euro. „Eine Aufwandsentschädigung“, sagt Monika Molodovsky. Die meisten Klinikclowns sind hauptberuflich Künstler.

Eigentlich wollte Thomas Holzer Papst werden, ein schickes Auto fahren. Doch als er erfuhr, dass der Papst gar nicht selbst hinterm Steuer sitzt, zerplatzte sein Traum. Thomas Holzer wurde Bildhauer. Heute hämmert, formt und meißelt der Münchner Figuren aus Stein. Die Clownerie nutzt er als Ausgleich. Monika Molodovsky ist Vollzeitclown. Für ihren eigentlichen Beruf im therapeutischen Bereich hat sie kaum mehr Zeit. Lieselotte sei nicht nur eine Rolle, sagt sie, Lieselotte sei ein Teil von ihr. Als Clown dürfe sie all jene Eigenheiten ausleben, die uns die Gesellschaft zu verbergen lehrt: stolpern, stottern, albern sein. „Natürlich bin auch ich nicht immer gut drauf“, sagt sie, „aber das macht nichts, das Wichtigste am Clown-Sein ist das Echt-Sein.“ Schließlich wolle sie das pure, ungefilterte Leben schenken. Menschen, denen das ihre langsam entgleitet. In den vergangenen Jahren haben Lieselotte und Steffo viele Patienten kommen sehen, viele sind gegangen. Oft ist die Erinnerung das Einzige, was bleibt.

In Giesing klopfen Lieselotte und Steffo behutsam an eine Tür mit grünem Rahmen. Sie fragen leise, ob sie eintreten dürfen. Die Patienten können den Besuch der Clowns jederzeit ablehnen, es gibt kein Muss. „Von uns wird niemand zwangsbespaßt“, sagt Steffo. In den meisten Zimmern sind die Clowns aber willkommen, seit zehn Jahren kommen sie regelmäßig her.

Der alte Mann, der in eine dicke, blau-weiß gemusterte Decke gehüllt ist, kennt die beiden von Anfang an. Als Wolfram T. auf die Station kam, saß er im Rollstuhl. Inzwischen hat ihn die Zeit ans Bett gefesselt. Über seinem Kopf baumelt ein Lebkuchenherz mit der Aufschrift „Oida Bazi“. Wolfram T. ist 77. In seinem Mund reiht sich Lücke an Lücke, die Hohlräume haben seine Wangen zum Einfallen gebracht. Seine knöchernen Finger hat der Senior in seinen Schlafanzug vergraben wie Vogelkrallen, seine Augenbrauen tänzeln. Als Lieselotte das Lied vom Alten Peter anstimmt, scheint sich ganz langsam ein Fenster zu öffnen. Wie ein Kind wippt Wolfram T. mit seinem Körper auf und ab. Er lächelt.

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