Ein Chaos-Samstag am Flughafen

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Eine kleine Unachtsamkeit – und das Riesenchaos bricht aus. Die Sicherheitspanne am Samstagfrüh vermiest Zehntausenden Urlaubers den Ferienstart. Und das Krisenmanagement des Flughafens muss sich kritische Fragen gefallen lassen.

SICHERHEITSPANNE

von Angela Walser, Linda vogt Und Hans Moritz

München – Irgendwann reicht es Sieghard Blankenhagen, Einsatzleiter der Polizei. Mit gelber Warnweste bahnt er sich im Terminal 2 einen Weg durch die schwitzende Menge. Mit einem Megafon ruft er den Reisenden etwas zu. Nur was? Seine Worte sind nur auf die ersten Meter zu hören und auch nur für diejenigen verständlich, die des Bairischen mächtig sind. Norddeutsche und ausländische Urlauber schauen sich fragend an. Die, die den Polizisten verstehen, sind ratlos. Soll man jetzt echt nach Hause gehen? Aufgeben – nach Stunden in der Hitze?

Es ist 14 Uhr – und Blankenhagens Ansage klingt wie eine Kapitulation angesichts eines Chaostages, wie er am Flughafen bisher undenkbar schien. Der Auslöser klingt fast banal: Eine etwa 40 Jahre alte Frau, die später identifiziert werden konnte, hatte gegen 5.45 Uhr unkontrolliert den Sicherheits-Check des Terminals 2 überwunden. Sie war zunächst am Bodyscanner kontrolliert worden, wobei Sicherheitsleute Flüssigkeit in ihrem Kosmetikkoffer beanstandeten. Sie sollte sich einen der durchsichtigen Plastikbeutel holen – eigentlich ein Routinevorgang. Die Frau ging zurück, tauchte kurz darauf wieder auf und spazierte durch eine geöffnete, aber unbesetzte Sicherheitsschleuse. Keiner vom Personal der Sicherheitsgesellschaft München (SGM) Alarm ausgelöst. Doch als das Luftamt Südbayern vom Vorfall erfuhr, wurde die Bundespolizei informiert. Diese ordnete die Räumung des Terminal 2 und des Satelliten-Terminals an. Denn die Frau ist verschwunden.

Ein Abfertigungsstopp um 6.47 Uhr – und dann bricht das Chaos aus. In Lautsprecherdurchsagen ist zunächst nur von einem Polizeieinsatz die Rede – was die Passagiere verunsichert. Ein Gate nach dem anderen schließt. Zurück bleiben ratlose Reisende – tausende an der Zahl. „Wir haben null Infos. Wir stehen hier seit zwei Stunden und wissen nichts“, sagt eine Mutter. Eine erboste Frau geht einen Flughafenmitarbeiter an: „Wo ist das Problem?“ Die ernüchternde Antwort: „Weiß nicht.“ Im Terminal 2 breitet sich brütende Hitze aus, obwohl der Flughafen die Klimaanlagen auf die höchste Stufe stellt. Viele fächern sich mit ihren Tickets Luft zu.

An manchen Stellen ist die Decke niedrig, der Platz nur einige Meter breit, es herrscht eine Luftfeuchtigkeit von geschätzt 90 Prozent. Hier ist jeder schnell nass geschwitzt. Und dennoch harren viele in erstaunlicher Gelassenheit aus. Bereitwillig bilden die verhinderten Fluggäste immer wieder eine „Rettungsgasse“, um Rollstuhlfahrer oder Familien mit Kinderwägen durchzulassen. Was auf der Autobahn oft nicht funktioniert, klappte hier hervorragend.

Erst nach Stunden entspannt sich die Situation. Feuerwehren blasen mit Großlüftern frische Luft in das Terminal. Wasserflaschen werden herumgereicht, der Flughafen beordert viele Mitarbeiter zum Airport, die eigentlich frei hätten. Flug LH 2476 nach London ist gegen 15.15 Uhr einer der ersten Flüge, der wieder vom Terminal 2 aus startet – an Bord viele Sprachschüler aus Oberbayern. Letztendlich müssen aber am Samstag 300 der angesetzten 800 Flüge annulliert werden, 30 weitere am Sonntag. 2000 Passagiere haben eine Nacht Zwangsaufenthalt am Flughafen.

Auch Polizist Blankenhagen und seine Leute arbeiten bis zur Erschöpfung. Sie beruhigen, klären Fragen, sind für alles und jedes zuständig. Nur die Ansage des Einsatzleiters bleibt vielen ein Rätsel. Auch wenn der Flugbetrieb wieder starte, heiße das nicht, dass jeder Flieger pünktlich sein werde, hatte Blankenhagen erklärt. Doch nach Hause – nein, das will am Chaos-Samstag dann doch niemand.

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