Chancenlos auf Wohnungssuche

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Wohnung verzweifelt gesucht: In vielen Städten in Bayern suchen Menschen mit Flyern nach einem Vermieter. Foto: dpa

Immer mehr Menschen in Bayern finden kein Zuhause. Es gibt zu wenig Wohnungen und die Mieten können sich auch viele Berufstätige längst nicht mehr leisten. Einige Landkreise gehen nun neue Wege, um Menschen vor der Obdachlosigkeit zu bewahren.

Obdachlosigkeit

Von Katrin Woitsch

München – Manchmal haben die Geschichten, die Ines Lobenstein tagtäglich erlebt, ein gutes Ende. Zum Beispiel die der jungen Frau, die mit ihrem neugeborenen Baby in ein Frauenhaus flüchten musste. Und dann monatelang keine Wohnung fand. Die beiden landeten schließlich in der Obdachlosenunterkunft in Wolfratshausen. Es hat drei Jahre gedauert, bis sie dort wieder ausziehen konnten. Aber die junge Frau hat es geschafft und führt nun wieder ein normales Leben. Der freigewordene Platz im Obdachlosenheim – einer von 33 – war sofort neu besetzt, erzählt Lobenstein. Sie ist die Obdachlosenbeauftragte in Wolfratshausen. Und sie könnte noch viele weitere Geschichten erzählen von Menschen, die plötzlich ihr Zuhause verloren haben und keine neue Bleibe fanden.

Die Wohnungsnot ist nicht nur in Wolfratshausen ein Problem. Eine amtliche Statistik, wie viele Menschen in Bayern keine Wohnung haben, gibt es nicht. Nach der letzten Schätzung des Sozialministeriums, die vier Jahre zurückliegt, sind rund 12 000 Menschen in Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe untergebracht. Diese Zahl dürfte inzwischen allerdings deutlich gestiegen sein. Denn die Situation auf dem Wohnungsmarkt hat sich deutlich verschärft. Durch viele Flüchtlinge, die anerkannt sind und eine Bleibe suchen. Vor allem aber durch die steigenden Mietpreise.

Ines Lobenstein berät seit 18 Jahren Menschen, die zu ihr kommen, weil sie ihre Wohnung bereits verloren haben oder ihnen die Obdachlosigkeit droht. „Das Klientel hat sich in den vergangenen Jahren sehr verändert“, berichtet sie. „Es sind nicht nur Menschen mit Alkoholproblem oder in Krisensituationen, die auf der Straße landen. Auch immer mehr Verkäufer, Krankenschwestern, Putzfrauen oder Alleinerziehende können sich die hohen Mieten einfach nicht mehr leisten.“ In Wolfratshausen liegt die Kaltmiete für eine Drei-Zimmer-Wohnung bei etwa 800 bis 900 Euro. „In anderen Städten, die ebenfalls S-Bahnanschluss haben, sind die Preise genauso hoch“, erklärt Lobenstein. Wer nur mittelmäßig verdient, kann sich dort keine Wohnung leisten – aber auch kein Auto, um täglich vom Dorf in die Stadt zu pendeln.

Auch in anderen Städten ist der Mietmarkt leergefegt. Zum Beispiel in Erding. Es gebe eigentlich keinen bezahlbaren Wohnraum mehr, sagt Brigitte Fischer von der Sozialen Beratung der Caritas. Vergangenes Jahr sind vor allem Familien oder Alleinerziehende mit kleinen Kindern wegen einer drohenden und schon angeordneten Kündigung zu ihr gekommen. Die Stadt schätzt die Zahl der Obdachlosen vorsichtig auf 120 bis 130. „Wir müssen die auffangen, die stolpern“, betont OB Max Gotz (CSU). In Erding wurde die Einfachstunterkunft erweitert für Personen, die sich zwischen Obdachlosigkeit und Mietfähigkeit befinden. Die Nachbarschaft sei über solche Einrichtungen nicht begeistert, sagt Gotz. „Aber da muss man standhaft bleiben.“

Immer mehr Landkreise gehen kreative Wege, um die Wohnungsnot zu lindern. Die Caritas in Dachau hat beispielsweise ein neues Projekt gestartet, mit dem sie nach „netten Mietern“ und Wohnungspaten sucht. „Bei uns gibt es trotz vieler Wohnungssuchender viele leerstehende Wohnungen“, erklärt Aylin Beqiraj von der Caritas. Einige Vermieter sind auf die Einnahmen nicht angewiesen, anderen fehlt der Wille zu nötigen Umbauten. Ziel des Projektes ist es, solide Mietverhältnisse zu schaffen. Die Caritas will Vermietern Bedenken nehmen und sie für die Not auf dem Wohnungsmarkt sensibilisieren. Die Paten sollen aber auch potenzielle Mieter unterstützen und beraten sowie Kontakte herstellen. Das Projekt gibt es seit Ende 2017. Ein Mietverhältnis sei bereits erfolgreich vermittelt, viele Gespräche laufen gerade, berichtet Beqiraj. „Aber das Projekt allein ist sicher nicht die Lösung des Problems“, sagt sie. Denn die Prognosen sind düster: In Dachau werde bis 2030 wohl eine vierstellige Zahl an Wohnungen fehlen.

In Freising versucht ein Arbeitskreis gegenzusteuern und Wohnungssuchende zu unterstützen. In dem Gremium sitzen auch Immobilienmakler und Spezialisten aus dem Mieterverein. Für alle Wohnungssuchenden werden Schulungen organisiert. Das Angebot richte sich nicht nur an Menschen, die neu in Deutschland sind, betont Barbara Weinmann aus dem Landratsamt. Aber gerade für sie sei es natürlich hilfreich. Wohnungssuchende bekommen Tipps, wie sie sich am besten vorstellen und welche Fragen sie bei Besichtigungen stellen müssen. „Die meisten bereiten sich zu schlecht vor“, sagt Weinmann. Besonders Flüchtlinge hätten auf dem Wohnungsmarkt ohne Hilfe kaum eine Chance.

Für sie gibt es im Landratsamt in Freising eine weitere Ansprechpartnerin: Silvia Flenner. Seit einem Jahr hilft sie anerkannten Asylbewerbern bei der Wohnungssuche. Und manchmal ist sie selbst überrascht, wie gut es läuft, erzählt sie. „Immer häufiger kommt es vor, dass sich Vermieter bei mir melden, die gezielt an Flüchtlinge vermieten wollen – um zu helfen.“ Flenner ist für sie eine Art Schnittstelle, die Kontakte vermittelt. Diese Hilfe gibt es in den meisten anderen Landkreisen noch nicht. Bayernweit leben aktuell 11 827 anerkannte Flüchtlinge in Unterkünften, die nicht ausziehen können, weil sie keine Wohnung finden.

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