Brückenbauer haben es schwer

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Hoffnung ist das Grundprinzip beim Katholikentag. Am dritten Tag erfüllt sie sich in Regensburg: Der Regen hört auf, es wird munter beim Christentreffen rund um die Steinerne Brücke.

Katholikentag in Regensburg

Hoffnung ist das Grundprinzip beim Katholikentag. Am dritten Tag erfüllt sie sich in Regensburg: Der Regen hört auf, es wird munter beim Christentreffen rund um die Steinerne Brücke.

Von Claudia Möllers

Regensburg – Beim 99. Katholikentag in Regensburg stellt sich endlich das richtige Katholikentagsgefühl ein. In den ersten beiden Tagen hatte es fast ohne Unterlass gegossen. Seit die Regencapes eingepackt sind und die Schuhe trocknen, verwandeln sich die gut 30 000 Dauerteilnehmer und tausende Tagesgäste aus ganz Deutschland wieder in das fröhliche Katholikentags-Volk.

Kardinal Reinhard Marx allerdings, der sich zum spannenden Thema „Arme Kirche – glaubwürdige Kirche? Ein Papst provoziert“ aufs Podium wagt, hat (noch unter dem Einfluss des trüben Wetters) keinen leichten Stand bei der Diskussion im überfüllten Festsaal des Kolpinghauses. Als er im Zusammenhang mit der Affäre um den früheren Limburger Bischof Tebartz-van Elst bekennt: „Wir haben alle gelitten in den vergangenen Monaten“, schallt ihm höhnisches Bedauern entgegen. „Ich habe nicht materiell gelitten, Sie aber auch nicht“, kontert er. „Und Sie dürfen mir bitte schon abnehmen, dass ich darunter leide, wenn die Kirche beschädigt wird. Wir werden eine hohe Zahl von Kirchenaustritten haben, da ist doch kein Bischof glücklich.“

Der Wunsch von Papst Franziskus nach einer „armen Kirche für die Armen“ ist laut Marx eine „heilsame Provokation für eine verbürgerlichte Kirche“. Wie aber eine Kirche der Armen konkret aussehen kann, da bleibt Marx vage. Zugleich verteidigt er das Anliegen einer soliden Vermögensvorsorge der Kirche. Sie könne im Unterschied zum Staat keine Schulden auf Kosten kommender Generationen machen, sondern müsse nachhaltig für Mitarbeiter, Gebäude und Kulturgüter Sorge tragen.

Neben ihm sitzt Elke Mildner, die in Tübingen eine therapeutische Wohngruppe leitet, in der sie mit „Mördern, Nutten und Schlägern in einer sehr guten Hausgemeinschaft zusammenlebt“ und die schlicht konstatiert: „Die Armen trauen der Kirche nicht mehr.“ Da tut sich der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz schwer mit seiner Versicherung, die Kirche sei für die Armen da. Die Brücke zu den Schwachen ist für den Kardinal aber die entscheidenste, sagt er unserer Zeitung. „Das ist nicht einfach, ich weiß. Wenn die Kirche nicht im Sinne von Papst Franziskus die Brücke zu den Schwachen, den Armen und Dementen schlägt, dann ist der Wesenskern der Kirche nicht erfüllt.“

Die Glaubwürdigkeit, das ist deutlich zu spüren, hat die katholische Kirche in Deutschland längst nicht zurückgewonnen. Der Papst ist für viele Gläubige ein Hoffnungsträger. Und so wird der Star aus dem Vatikan von einem TV-Team als Papp-Figur mitgetragen. Aber auch ohne Papp-Kamerad: Der Geist von Franziskus schwebt ohnehin über dem Katholikentag.

Im Raum 307 im Zentralen Hörsaalgebäude der Uni wird derweil gekichert und getuschelt. Zehn kleine Einzeltische sind im Kreis angeordnet. Junge Frauen sitzen im inneren Kreis. Ihnen gegenüber soll jeweils ein junger Mann sitzen. „Speed-Dating“ für junge Singles hat die Gruppierung „Junge Erwachsene“ angeboten. Trotz Teelichtern mag so recht keine romantische Stimmung aufkommen. Ein paar junge Männer hat wohl der Mut verlassen. Trotz fester Anmeldung sind nur fünf gekommen.

Lena (19), Angestellte, ist ein hübsches Mädchen mit langen braunen Haaren. Sie kommt aus Norddeutschland. Mehr verrät sie nicht. Single ist sie. Na klar, sonst säße sie nicht hier. Sieben Minuten wird sie sich mit Jens (35) unterhalten. Über Hobbys, Lebensvorstellungen und so. Keiner glaubt, hier den Partner fürs Leben zu finden. „Ich versprech mir davon gar nichts. Einfach mal ’ne lustige Erfahrung machen“, sagt sie. Spaß haben, Leute kennenlernen. Auch das gehört zum Katholikentag. „Mit Christus Brücken bauen“ heißt das Motto des Kirchentreffens. Könnte auch für Männlein und Weiblein gelten. Mitorganisatorin Eileen Krauße sieht es so: „Wir haben uns gefragt, was junge Leute im realen Leben suchen.“ Die Antwort: Viele im Alter zwischen 18 bis 35 suchen einen Partner. Wer weiß, vielleicht klappt’s beim Katholikentag?

Auf der Katholikentagsmeile freuen sich die Standbetreiber, dass es endlich trocken ist. In Pavillons präsentieren sich Verbände und Institutionen, Ordensgemeinschaften und Bistümer. Freibier gibt es am Stand des Bistums Passau – so sehr freut man sich über den neuen Bischof Stefan Oster. „Kommen Sie rein. Wir haben auch keine Badewannen“ – so wirbt Stephan Schnelle, Sprecher des Bistums Limburg, um Besucher. Es geht nicht um Prunk, sondern um Not und Armut von Flüchtlingen. „Das Bistum Limburg ist mehr als Negativschlagzeilen“, sagt Schnelle. Er kann einem fast Leid tun. Die Immobilienaffäre des früheren Bischofs Tebartz-van Elst wird der Diözese noch lange nachhängen.

Das Misstrauen wird auch bei der Podiumsdiskussion über die arme Kirche mit Kardinal Marx deutlich, wenn die Tübingerin Elsa Mildner berichtet, mit welchem Unverständnis die Armen die hochherrschaftlichen Kirchengebäude betrachten. Oder wenn Caritaspräsident Peter Neher anregt, ob man Immobilien der Caritas nicht auch mit weniger Erlös nutzen sollte. Vielleicht, indem man Wohnraum für Obdachlose schafft.

Die Kirche braucht eine dringende Erneuerung. Das ist allenthalben bei den Veranstaltungen spürbar. Alois Glück, Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, das den Katholikentag ausrichtet, spricht vom Brückenschlag nach Innen, der in der Kirche gelingen muss. In der Kirche sei oft wenig davon zu spüren, dass Christen einander liebten und respektierten. Häufig gehe es um „Abgrenzung, Abwertung und Ausgrenzung“. Verschiedene Wege des Glaubens und der Frömmigkeit würden gegeneinander ausgespielt. Als Paradebeispiel dafür dient die Podiumsdiskussion über Schwangerenkonfliktberatung – erstmals kommt der private Verein „Donum Vitae“ im offiziellen Programm des Katholikentags vor. Deren Mitglieder werden von vielen Bischöfen ausgegrenzt, weil sie die Konfliktberatung mit dem verflixten Beratungsschein fortsetzen. Ehrenämter in der Kirche dürfen sie nicht bekleiden. Hauptamtliche Jobs erst recht nicht. Es soll eine Brücke gebaut werden zu radikalen Lebensschützern. Doch der Versuch scheitert. Als der Osnabrücker Sozialwissenschaftler Manfred Spieker den Beratungsschein als „Passierschein in den Tod“ bezeichnet, schlagen die Wellen hoch. Bayerns Landtagspräsidentin Barbara Stamm (CSU), die seit Jahrzehnten wie eine Löwin für Donum Vitae kämpft, stellt fest: „Das war leider nicht die Brücke, die wir uns gewünscht haben.“ Dann ruft sie ihre Erwartungen an die Kirche in die überfüllte Turnhalle: „Ich will nicht mehr, dass meine Kirche diejenigen ausschließt, die ehrenamtlich bei Donum Vitae sind!“ Und ergänzt: „Ich bin hoffnungsvoll. Kardinal Marx hat uns gesagt, wir sind nicht ausgegrenzt.“ Die langjährige bayerische Landesvorsitzende von „Donum Vitae“, Maria Geiss-Wittmann, zeigte sich nach der hochemotionalen Debatte enttäuscht. „Es wurde keine Brücke gebaut. Nur ein kleiner Stein gesetzt.“ Walter Bayerlein aus Vaterstetten (Kreis Ebersberg), früher Vorsitzender Richter am Oberlandesgericht und „Donum Vitae“-Urgestein, resümiert: „Gebracht hat’s leider nicht viel. Die Feststellung, dass alle beteiligten Organisiationen gegen Abtreibung sind, dafür hätten wir keine Veranstaltung gebraucht.“

Lebensfreude pur verbreitet indes der „Faire Catwalk“. Der Katholische Deutsche Frauenbund im Bistum Augsburg präsentiert eine Modenschau mit ökologisch und fair produzierter Kleidung. Bunt und witzig, von der Unterwäsche über die Sportkleidung bis zum Abendkleid. Alles zertifiziert, meist im Eine-Welt-Laden erhältlich. Martina Memmel aus Kemnath staunt. Die flotte 46-Jährige dachte, „faire Mode sind nur solche Säcke und nicht figurbetont“. Denkste.

Für Kanzlerin Angela Merkel, die im Audi-Max über Europa spricht, ist diese Mode wohl weniger geeignet. Sie nutzt den Katholikentag für einen politischen Knaller, indem sie sich auf Jean-Claude Juncker als Kommissionpräsidenten der EU festlegt. Und genießt offensichtlich den Trubel nach der überraschenden Nachricht. Nach der Diskussion besucht sie mehrere Stände katholischer Organisationen und hebt die missionarischen Fähigkeiten hervor, die im Christentum steckten. Katholiken- und Kirchentage seien dafür „wunderbare Ereignisse“. So reicht das Brückenbauen auf dem Katholikentag sogar von Regensburg bis nach Brüssel.

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