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Das können wir von der Natur lernen

Mit Berchtesgadens Adlern, Gämsen und Murmeltieren per Du: Markus Leitner ist Wildtier-Fotograf

Mit Teleobjektiv und viel Respekt ist Markus Leitner in der Natur unterwegs
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Mit Teleobjektiv und viel Respekt ist Markus Leitner in der Natur unterwegs
  • VonKilian Pfeiffer
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Markus Leitner ist hauptberuflich bei der Bergwacht Berchtesgadener Land. In seiner Freizeit allerdings ist er Wildtier-Fotograf. Im Gespräch erklärt er, was wir alle von der Natur lernen können.

Berchtesgadener Land - Hauptberuflich ist Markus Leitner bei der Bergwacht im Berchtesgadener Land. Doch in seiner Freizeit rückt er am liebsten mit Kamera und Teleobjektiv aus. Die Ausrüstung ist kostspielig, die Bilder einzigartig. Stundenlang hält er Ausschau nach Auerhahn, Bartgeier, Steinadler und Co. Die Fotos stoßen auf mediales Echo. Doch die Ausflüge in die Berge sind nicht nur mit Tiermotiven, sondern auch mit jeder Menge Verantwortung verbunden.

Was reizt Sie an der Wildtier-Fotografie?

Markus Leitner: Es geht mir nicht darum, die schönsten Fotos zu machen, sondern das Tier in seinem natürlichen Verhalten wahrzunehmen und es als ebenbürtiges Lebewesen kennenzulernen. Es gibt Analogien zur Gefühlswelt des Menschen: Etwa dann, wenn zum Beispiel beide Steinadler mutmaßlich in höchster Freude genau dann gemeinsam ausfliegen, sobald das Küken im Horst aus dem Ei geschlüpft ist. Wenn man beobachtet, versteht man auf eine beeindruckende Weise, was das Wunder des Lebens ist. Ich habe beobachtet, dass Kinder leise und andächtig werden, wenn der neugierige Bartgeier wie ein Flug-Dinosaurier in wenigen Metern über sie hinwegfliegt. Man spürt sich dadurch selbst wieder und überträgt diese Erfahrung vielleicht auch in den Alltag, indem man die eigene, gewohnte Lebensweise hinterfragt.

Sind das besondere Orte, an denen Sie die Tiere mit der Kamera beobachten?

Leitner: Ich gehe nirgendwo anders auf den Berg als alle anderen Bergsteiger. Ich habe gelernt, mich sehr defensiv zu verhalten und alle meine Sinne zu nutzen. Wenn man unvoreingenommen und ohne Stress unterwegs ist, passiert meist mehr, als man sich vorstellen kann. Es bringt nichts, wenn man auf der Suche nach dem besten Bild durchs Unterholz kriecht. Das Tier merkt sich, wer sich seltsam verhalten hat. Wer sich ruhig, respektvoll und normal verhält, hat die besten Chancen für eindrucksvolle Beobachtungen. 

Wie verhalten Sie sich, um die Tiere nicht zu stören?

Leitner: Das Zeitfenster für die wilden Tiere wird durch unser Freizeit-Verhalten immer enger. Viele Menschen sind mit Stirnlampen mittlerweile rund um die Uhr unterwegs und versuchen, azyklisch den Massen auszuweichen. Der erste startet um 3 Uhr, die Letzten steigen um 2 Uhr nach einer geselligen Hütten-Runde ab. Idealerweise ist man nicht zu früh und nicht zu spät unterwegs und bleibt auf dem Hauptwegenetz. Das Tier entscheidet immer über die Nähe zum Menschen, nicht der Fotograf.

In den Bergen sind aber immer mehr Menschen unterwegs…

Leitner: Es sind sehr viele Menschen in einem im Verhältnis schmalen bayerischen Alpen-Streifen unterwegs. Die unterschiedlichsten Interessen und Ansprüche treffen aufeinander: Tourismus in all seinen Facetten, Land- und Forstwirtschaft sowie Natur- und Artenschutz sollen unter einen Hut gebracht werden. Das funktioniert zwangsläufig nur mit Respekt und Kompromissen. Allen Beteiligten verlangt das viel Verantwortung ab. Egal was wir da oben vorhaben: Wir sollten uns immer bewusst machen, dass das Gebirge zuerst einmal Lebensraum von vielen Tieren und Pflanzen ist. Wir sind nur die Gäste im Wohnzimmer von Steinadler, Birkhuhn und Gams. Positiv ist, dass die meisten Menschen bewusst Rücksicht nehmen wollen, aber häufig nicht mitbekommen, dass Wildtiere da sind. Deshalb ist es so wichtig, sich vorab mit der Biologie der Art zu beschäftigen.

Können Sie das genauer erklären?

Leitner: Wir wissen teilweise durch intensive Forschung recht viel und können Rücksicht nehmen und Wildtiere bewusst unterstützen. Es ist entscheidend, wie diese besonderen Erfahrungen unseren Bezug zu den Tieren auch nachhaltig im Alltag verändert. Indem wir beispielsweise unseren klimaschädlichen Fleisch-Konsum reduzieren, weniger in die weite Welt fliegen oder mit dem Auto fahren, Müll aus der Natur mitnehmen, in dem sich Tiere verheddern können oder den sie fressen.

Kommt es bei diesen vielen unterschiedlichen Interessen nicht zwangsläufig zu Konflikten?

Leitner: Wir sind nur Gäste am Berg mit zeitlich begrenzter Duldung und stören Wildtiere immer, egal wie defensiv wir uns verhalten. Wenn man mit anderen Bergsteigern redet, dann suchen die meisten Menschen in der Natur bewusst Ruhe. Uns muss auch klar sein, dass dort oben keiner privilegiert ist. Der Berg ist kein Freizeitpark. Die Tiere nehmen unseren Stress und unsere Unruhe wahr. Sie haben bessere Sinne als wir und ein Erinnerungsvermögen an Orte und Menschen, das vielleicht jeder kennt, der im Garten Vögel füttert und merkt, wie sich Tiere an einzelne Menschen gewöhnen.

Würde es nicht reichen, Tiere im Zoo oder im Fernsehen anzusehen?

Leitner: Es geht vor allem darum, was die Natur mit uns Menschen macht und wie sie uns auch heilend verändert. Wir finden auf diese Weise zur Natur zurück. Wildtier-Fotografie bedeutet unverfälschte, echte Erlebnisse, die man sich selbst erarbeiten muss. Es geht für mich darum, wieder den Bezug zu finden, sich selbst zurücknehmen und die hoch getaktete, pausenlose ReizÜberflutung unserer lauten, oft künstlichen Welt auszukoppeln. Menschen, die den ganzen Tag ohne Maschinen draußen arbeiten, können häufig alle ihre Sinne noch nutzen. Das ist eine Fähigkeit, die unsere Vorfahren zum Überleben gebraucht haben. Ich will in der Natur meine eigenen Sinne schärfen und wieder richtig sehen, hören, riechen und fühlen lernen.

Wie würden Sie die wilde Tierwelt in den Berchtesgadener Alpen trotz des menschlichen Einflusses beschreiben?

Leitner: Viele Arten haben sich gut erholt, was auch daran liegt, dass wir viel über sie wissen und Rücksicht nehmen. Die Tiere sind trotz aller Störungen hart im Nehmen und unglaublich anpassungsfähig. Sie weichen wie der Uhu auf neue Lebensräume auch in Zivilisationsnähe aus. Viele Arten wären ohne diese Flexibilität gar nicht mehr überlebensfähig. Raufußhühner und Murmeltiere verlegen ihre Aktivitätsphase außerhalb der Thermik-Zeit, in der der Adler als großer Beutegreifer fliegt, und sind häufig direkt am Weg, am Steig, an der Kletterroute oder an der Alm zu finden. Sie nutzen bewusst die Nähe zum Menschen, um sich gegen Fressfeinde zu behaupten. Auch Almbauern, Förster, Jäger und Sportverbände leisten einen wichtigen Beitrag. 

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