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Trend hat auch Winzer in Bayern erreicht

Spaß ohne Prozente: Warum alkoholfreier Wein immer beliebter wird

Alkoholfreier Wein
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Winzermeisterin Elke Röder bietet in ihrem Weingut Leo Sauer alkoholfreien weißen Frankenwein an.
  • VonPeter T. Schmidt
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Zu jedem Gang im Restaurant ein Glas Wein und am Ende vielleicht noch einen Schnaps. Doch was ist, wenn man noch fahren muss, keinen Alkohol trinkt oder einfach was neues ausprobieren möchte? Die Lust auf Alkoholfreies hat jetzt auch Bayerns Winzer erreicht - die Aufgaben sind aber noch groß.

München – „Den ersten Schluck nicht lang im Mund behalten. Einfach runter damit“, empfiehlt Winzermeisterin Elke Röder. Sie weiß: Wer Wein erwartet, wird „Alfred“, ihren alkoholfreien weißen Frankenwein, zunächst ähnlich befremdend empfinden wie die ersten alkoholfreien Biere, die einst die Gaumen der Genießer malträtierten. Ein undefinierbares Gemisch unterschiedlicher Geschmackseindrücke, dem die Harmoniegänzlich zu fehlen scheint. Gespannt beobachtet Röder, wie der Proband zum zweiten Mal am Glas nippt. Sein erstaunter Gesichtsausdruck lässt ein Lächeln über ihr Gesicht huschen. Plötzlich schmeckt das durchaus nach Wein, wenn auch etwas dünn. Ein wenig, als hätte man einen guten Frankenwein mit Wasser verdünnt.

Elke Röder ist zufrieden. „Einem Weinliebhaber würde ich das natürlich nicht anbieten“, sagt sie. Auch Autofahrern, die erwägen, nach einem guten Schoppen für den Rest des Abends auf alkoholfreien Weinumzusteigen, rät sie ab: Der alkoholfreie könne im direkten Vergleich nur verlieren. Da sei die Heimfahrt im Taxi allemal eine bessere Entscheidung. Doch für all jene, die auf Alkohol verzichten wollen oder müssen und Spezi oder Apfelschorle nicht mehr sehen können, sieht sie ihren „Alfred“ als gute Alternative. „Wir bekommen da auch mehr Feedback als für unsere Weine mit Alkohol“, verrät sie.

Zeit ist reif für alkoholfreien Wein

Mehr als 40 Jahre, nachdem Clausthaler einen Markt für alkoholfreies Bier schuf, scheint die Zeit reif für alkoholfreien Wein. Das Getränk, lange Jahre nur von wenigen Winzern als Nischenprodukt angeboten, erfreut sich wachsender Beliebtheit. Gesundheitliche Gründe, Schwangerschaft und Stillzeit seien Motive, sagt Röder. Oder der gute Vorsatz fürs neue Jahr, mit Alkoholverzicht Gewicht zu machen. Womöglich gebe es auch religiöse Beweggründe: „Wir haben einen Händler, der arabische Märkte beliefert.“ Zunehmend beobachtet Röder auch eine weitere Kundengruppe: „Junge Menschen, die ganz bewusst auf Alkohol verzichten.“

Diese Kundengruppe hat die Winzergruppe „Frank & Frei“ aus Ramsthal (Landkreis Bad Kissingen) im Blick, die vergangenes Jahr den Wein „Komma, Nix“ herausgebracht hat. Man habe das fränkische Kulturgut Wein dem Zeitgeist anpassen wollen, sagt Winzer Gerald Baldauf. Dadurch seien viele neue Kunden angesprochen worden. „Traditionelle Weinfreunde fremdeln manchmal ein wenig mit diesem neuen Produkt, aber es ist wohl wie mit den veganen Lebensmitteln: Mit der Zeit wird alles normal und salonfähig.“

Steiler Anstieg mit niedrigem Niveau

Darauf hofft man auch im Würzburger Weingut Juliusspital, das vor zwei Jahren alkoholfreien Wein ins Sortiment aufgenommen hat. Nach einem eher vorsichtigen Start sei die Auflage beim zweiten Jahrgang verdoppelt worden, sagt Vertriebsleiterin Tanja Strätz. Ein steiler Anstieg, allerdings auf denkbar niedrigem Niveau. Auf weniger als ein Prozent beziffert das Deutsche Weininstitut in Bodenheim bei Mainz den Anteil alkoholfreien Weins am gesamten Weinkonsum in der Bundesrepublik. Zum Vergleich: Entalkoholisierter Sekt hat schon einen Marktanteil von rund fünf Prozent am Schaumweinkonsum, beim Bier ist das alkoholfreie mit über sieben Prozent noch erfolgreicher.

Noch geringer – laut dem Weinexperten Ernst Büscher eher im Promillebereich – ist der Anteil bei den Bioweinen, deren Hersteller ein Zusatzproblem haben: Mit dem Alkohol verliert der Wein einen wichtigen Konservierungsstoff. Und weil Bioweine nicht geschwefelt werden dürfen, müssen sie pasteurisiert, also in der Flasche erhitzt werden – ein zusätzlicher Verfahrensschritt, der die Kosten treibt und dem Geschmack nicht unbedingt förderlich ist.

Andere Länder seien da schon weiter, sagt Bernhard Jung vom Weingut Carl Jung im hessischen Rüdesheim am Rhein, wo man dem Wein in einer eigenen Anlage den Alkohol entzieht. 70 Prozent der Produktion hat das Unternehmen bisher exportiert, unter anderem nach Skandinavien, Kanada und Großbritannien. Doch nun steigen die Absatzzahlen auch hierzulande. Immer mehr Winzer springen auf den Zug auf – und profitieren von der Entwicklungsarbeit, die Pioniere wie Jung in Hessen und die Röders in Unterfranken geleistet haben.

Bernhard Jung vom Weingut Carl Jung im hessischen Rüdesheim am Rhein, entzieht dem Wein in einer eigenen Anlage den Alkohol.

Zusammen mit ihrem Ehemann Werner, einem Binnenschifffahrtskapitän, betreibt Winzermeisterin Elke Röder das kleine, aber feine familiengeführte Weingut Leo Sauer in Eibelstadt bei Würzburg. Ein Gastwirt, der Wein aus ihrem Weingut ausschenkt, habe sie vor mehr als 30 Jahren ermutigt, über alkoholfreien Wein nachzudenken, erinnert sich Röder. „Damals wurde das alkoholfreie Bier gerade salonfähig, und er hat gefragt, ob es denn nicht auch einen alkoholfreien Wein gebe. Der Mann musste nämlich oft mit Stammgästen oder ganzen Stammtischrunden anstoßen, wollte aber danach noch Autofahren können.“

Schwierige Herausforderungen

Mehr als ein Jahr lang experimentierte die Winzermeisterin: Welche Rebsorten sind als Grundwein geeignet, welche Hefen, welcher Alkoholgehalt? Und: Welcher Betrieb versteht sich darauf, dem fertige Wein den Alkohol zu entziehen, ohne dabei zu viele Aromen zu vernichten?

Am schonendsten geschieht das mit Vakuumdestillation. Auch Umkehrosmose oder eine Kombination beider Verfahren kommen manchmal zum Einsatz. Beiden ist gemein, dass die Technik zu komplex und zu teuer ist, als dass kleinere Winzer sich eigene Anlagen leisten könnten. Meist erledigen daher spezialisierte Unternehmen diese Arbeit. Die Winzer liefern ihren ganz normal gekelterten Wein ab und nehmen ihn wenig später, vom Geist befreit, wieder mit. Ein Restalkoholgehalt zwischen 0,05 und 0,2 Prozent bleibe, sagt Röder. Das liegt deutlich unter dem Grenzwert von 0,5 Prozent, den der Gesetzgeber als Limit für alkoholfreien Wein festgelegt hat.

„Wir haben viele Versuche in den Sand gesetzt, bis wir einen Weißwein hatten, der uns so gefallen hat, dass wir ihn in den Verkauf genommen haben“, erinnert sich Röder. Mittlerweile hat das Weingut Leo Sauer drei alkoholfreie Weine (Weiß, Rot und Rose) sowie den alkoholfreien „Rosecco“ im Sortiment –allesamt trocken, wie man es von einem Frankenwein erwartet. „Er soll keine Fremdnoten haben, und ganz wichtig ist uns, dass fehlender Alkohol nicht durch Süße kompensiert wird“, beschreibt die Winzer die Maxime, nach der sie das Produkt über die Jahre immer weiter verfeinert hat.

Die Nachfrage steigt

Nicht alle ihre Kollegen können solchem Entwicklungseifer etwas abgewinnen. So etwa Winzer Gunder Hack, Chef des ebenfalls familiengeführten Weinguts Hack in Gössenheim (Landkreis Main-Spessart). Der Winzer mit Leib und Seele hat durchaus Lust am Experimentieren, wenn es etwa um den Ausbau eines guten Roten in Fässern geht. Doch sein Urteil über die entalkoholisierte Ware ist eindeutig: „Das hat nichts mehr mit Wein zu tun.“ Auf keinen Fall wolle er selbst so etwas herstellen, „und meine Kunden haben auch noch nicht danach gefragt“.

Die Kunden der Röders in Eibelstadt fragen durchaus. Rund 15 Prozent des Gesamtabsatzes macht das Weingut Leo Sauer inzwischen mit alkoholfreiem Wein, und es könnte noch mehr sein, so Elke Röder „Aber wir wollen nur Wein von unseren eigenen Weinbergen verarbeiten, und es soll nicht zulasten des normalen Sortiments gehen.“

Dass in jüngster Zeit vermehrt Kollegen auf den Alkoholfrei-Zug aufspringen, empfindet die Winzerin nicht als Nachteil – im Gegenteil: Ich habe 30 Jahre für alkoholfreien Wein gekämpft und wollte nie ein Monopol. Konkurrenz belebt das Geschäft“, sagt sie selbstbewusst. Zudem mache es der wachsende Markt für die Dienstleister attraktiv, an der Perfektionierung ihrer Destillationsverfahren zu feilen, damit noch weniger Aromastoffe verloren gehen. Es sei ähnlich, wie man das beim alkoholfreien Bier erlebt habe, sagt die Winzerin: „Beim Geschmack gibt es auf jeden Fall noch Potenzial. Die Technik geht immer weiter.“

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