BAYERN UND SEINE GESCHICHTEN

Bayern – sieben Minuten hinterher

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Deutschlands erste Dampflok: der „Adler“, der ab 1835 zwischen Nürnberg und Fürth fuhr. Vor allem für Eisenbahnbetriebe waren die verschiedenen Zeiten später ein Problem. Ullstein

Als die Uhren endlich gleich gingen: 125 Jahre Mitteleuropäische Zeit

„Es ist 18 Uhr“: Ein Satz, den man zum Beispiel im Radio hören kann. Und egal, ob der Zuhörer in Frankfurt, Berlin oder München sitzt, überall zeigt die Uhr an, dass es sechs Uhr am Abend ist. Doch das war nicht immer so. Verschiedene Zeiten an verschiedenen Orten? Was unvorstellbar klingt, war bis weit ins 19. Jahrhundert hinein Realität.

Bis vor 125 Jahren, am 1. April 1893, für das Deutsche Reich das „Gesetz betreffend der Einführung einer einheitlichen Zeitbestimmung“ in Kraft trat. Es legte fest, dass nun die mittlere Sonnenzeit des 15. Längengrades östlich als gesetzliche Uhrzeit gilt. Damit war die Mitteleuropäische Zeit (MEZ) von Aachen bis Königsberg eingeführt.

Eine Uhrzeit zu haben, die für alle verbindlich gilt, erleichtert das Zusammenleben. Man verabredet sich zum Beispiel mit seinen Freunden zu einer bestimmten Uhrzeit in der Stadt. Die Unterteilung des Tages in Stunden hilft aber auch, den Alltag zu strukturieren. Seit jeher orientieren sich die Menschen dabei am Verlauf der Sonne. Doch das hat einen Nachteil: Die Sonnenzeit vergeht ungleichmäßig. Erdrotation und die Bewegung der Erde um die Sonne sorgen für Schwankungen. Es gibt Tage mit vielen Sonnenstunden, im Winter sind die Sonnenphasen deutlich kürzer. Da man sich bei der Unterteilung des Tages am Sonnenaufgang orientierte, waren auch die eigentlichen Zeitstunden unterschiedlich lang.

So entstand die Idee der mittleren Sonnenzeit. Diese orientiert sich auch an der Erdrotation, basiert aber auf der Länge eines durchschnittlichen Sonnentages.

Bis ins 19. Jahrhundert galt diese mittlere Sonnenzeit als offizielle Uhrzeit. Doch auch das brachte Probleme mit sich, denn sie ist vom Ort der Beobachtung abhängig. Mittag oder 12 Uhr Sonnenzeit ist, wenn die Sonne den Meridian durchläuft. Der Meridian ist ein Längenkreis, der vom Südpol zum Nordpol verläuft und senkrecht zum Äquator steht. Weil der Meridian an die geografische Länge eines Ortes gebunden ist, haben Orte auf unterschiedlichen Längengraden verschiedene Sonnenzeiten, die auf einem Längengrad die gleiche.

Um dennoch eine vergleichbare Zeit zu haben, gaben sich Regionen schon früh eine gemeinsame Zeit. Dabei orientierte man sich meistens an der Hauptstadt einer Region. In Bayern galt die Münchner Zeit, in Preußen die Berliner Zeit. Das hatte zur Folge, dass es in Bayern immer sieben Minuten später war als in Preußen. Unpraktisch, wenn man zum Beispiel mit dem Zug von München nach Berlin wollte. Denn auch die Eisenbahngesellschaften richteten sich nach der jeweiligen Zeit, die in ihrem Gebiet galt: So verwendeten die Bahnen in Preußen im Dienstbetrieb die Berliner Zeit. Die Bahnen in Hessen orientierten sich an der in Frankfurt gültigen Zeit.

Hinzu kam, dass die Orte an den Bahnstrecken noch lange ihre eigene Ortszeit verwendeten. Das bedeutete lästiges Umrechnen und Anpassen der Abfahrts- und Ankunftszeiten. Meistens hingen in den Bahnhöfen zwei Uhren. Die eine zeigte die am Bahnhofsort gültige Zeit. Die andere zeigte die Uhrzeit, die sich die Eisenbahngesellschaft als interne Zeit für den Betriebsablauf gegeben hatte. Dieses Nebeneinander der unterschiedlichen Zeiten führte zu Missverständnissen und Fehlern. Eine Lösung musste her.

1890 einigten sich die im Verein Deutscher Eisenbahnverwaltung organisierten Staatsbahnen darauf, ihre Fahrpläne nach der „mitteleuropäischen Eisenbahnzeit“ abzustimmen. Damit galt eine verbindliche Betriebszeit, die das Zusammenleben vereinfachte. Diesem Beispiel folgten 1892 Baden, Bayern und Württemberg und führten eine allgemeine im Alltag verbindliche Zeit ein. Mit dem Inkrafttreten des Gesetzes am 1. April 1893 wurde die MEZ für das gesamte Reich verpflichtend.

Heute gilt die MEZ in allen europäischen Ländern, deren Gebiet in der Nähe des 15. östlichen Längengrades verläuft, so unter anderem in Polen und Norwegen. Doch auch die Beneluxstaaten, Frankreich und Spanien nutzen die MEZ als allgemeingültige Zeit. Und das, obwohl sie geografisch gesehen auch die Westeuropäische Zeit als Zeitzone verwenden könnten. Dana Kim hansen

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