bayern & seine geschichten Der von Pegida in Umlauf gebrachte Begriff „Lügenpresse“, das neue Unwort des Jahres, h...

  • schließen
  • Weitere
    schließen
+
Der 9. November 1923: Das Gebäude der „Münchener Post“ am Altheimereck in der Innenstadt wird besetzt. Foto: Bayerische Staatsbibliothek/Fotosammlung Hoffmann

bayern & seine geschichten Der von Pegida in Umlauf gebrachte Begriff „Lügenpresse“, das neue Unwort des Jahres, hat eine unheilvolle Tradition, die mindestens bis in die 1930er Jahre zurückgeht. bayern & seine geschichten .

Der von Pegida in Umlauf gebrachte Begriff „Lügenpresse“, das neue Unwort des Jahres, hat eine unheilvolle Tradition, die mindestens bis in die 1930er Jahre zurückgeht. Schon 1931 notierte der Hetzer Joseph Goebbels in seinem Tagebuch: „Gestern: die rote Journaille lügt das Blaue vom Himmel herunter. Ich schreibe dagegen einen saftigen Aufsatz: ,Lügengesindel’“

Noch früher, in den 1920er Jahren, kam die Hetze gegen die demokratische Presse auch in München auf – namentlich gegen eine SPD-nahe Zeitung: Die Münchener Post war den Rechtsextremen seit jeher verhasst, weil sie schon früh auf die Umtriebe Hitlers aufmerksam machte. Mit 60 000 Exemplaren hatte die Zeitung für damalige Verhältnisse eine beachtliche Auflage. Schon am 31. Mai 1920 besuchte ein Berichterstatter eine Versammlung und notierte: „Es sprach Herr Adolf Hitler, der sich mehr wie ein Komiker benahm.“ Später deckte sie auch Skandale auf, zum Beispiel die homosexuellen Affären des SA-Führers Ernst Röhm.

Hitler nannte die Zeitung meist „Münchener Pest“, im Völkischen Beobachter schrieb er im Mai 1921: „Es gab keinen Minister, keinen höheren Beamten, soweit er nur ehrlicher Natur war, gegen den nicht diese jüdische Kröte vom Altheimereck ihr Gift gespritzt hätte.“ Derartige Äußerungen gibt es viele.

So war der Boden bereitet für das, was am 8. Mai 1923 nach Ausbruch des Hitlerputsches geschah. Nur wenige Stunden, nachdem Hitler im Bürgerbräukeller den Putsch ausgerufen hatte, schwärmte ein von den SA-Kommandoführern Emil Maurice und Josef Berchthold geführter SA-Trupp zur Münchener Post am Altheimereck in der Münchner Innenstadt aus. Er stützte sich auf einen generellen Befehl aus der Putschleitung, dessen Wortlaut später in einem Untersuchungsausschuss des bayerischen Landtags zur Untersuchung der Vorgänge am 8./9. November 1923 verlesen wurde. Es hieß darin: „Die Redakteure der Münchener Post sind selbstverständlich wie alle roten Führer zu verhaften. Dieses Blatt erhält eine nationalsozialistische Redaktion und erscheint sofort als Organ der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei.“

Erste Meldungen über den Überfall auf die Zeitung trafen bei der Polizei gegen 23 Uhr ein. Die Nationalsozialisten stürmten die Redaktion und richteten einigen Schaden an. So wurden Akten auf den Hof geschafft und dort verbrannt.

Die SA-Leute wunderten sich nicht schlecht, als sie in der Zeitung auf zwei Polizisten trafen, die dem Treiben aber keinen Einhalt geboten, sondern sich Hakenkreuzbinden am Arm überstreiften und sich ihrerseits daran machten, den Inhalt von Aktenschränken zu studieren. Thomas Rietzler und Martin Gumbrecht, so hießen die Polizisten, sympathisierten beide offen mit den Putschisten. Vor Ort trafen sie noch auf einen dritten Beamten, Josef Gerum, der direkt in den Putsch verwickelt war. Gerum war ein treuer Hitler-Anhänger, in der NS-Zeit stieg er zum Gestapo-Chef von Würzburg auf.

Er hatte von einem der Rädelsführer der Putschisten, dem später getöteten Deutschbalten Max von Scheubner-Richter, den Auftrag erhalten, politisches Material zu beschlagnahmen. Im Zimmer des Chefredakteurs Erhard Auer, der frühzeitig gewarnt und geflohen war, wurden die drei fündig, wie sie später bei Vernehmungen offen einräumten. „Ich machte Gerum aufmerksam“, schilderte zum Beispiel Rietzler, „dass wir noch einen gänzlich unberührten Aktenschrank vor uns haben und machten uns dann darüber, den Inhalt zu sichten.“

Teils wurden die Akten verbrannt, teils ins Hauptquartier der Putschisten geschafft – die Polizisten erblickten darin „eine Maßnahme der neuen Regierung“ – womit sie die Putschisten meinten. Von einer kompletten Zerstörung der Zeitung nahmen die SA-Leute Abstand – dies wäre ja dem Ziel zuwider gelaufen, die Zeitungseinrichtung für eigene Zwecke zu gebrauchen.

Der Putsch 1923 brach bekanntlich schon am 9. November zusammen, die Zeitung konnte schnell wieder erscheinen. Die am Putsch beteiligten Beamten erhielten Disziplinarstrafen und wurden teils vom Dienst entfernt.

Doch die Münchener Post blieb ein Hassobjekt der Rechten. Am 9. März 1933, nach der NS-Machtübernahme in Bayern, war es dann soweit: Die SA stürmte die Redaktion und zerstörte die Maschinen der Druckerei. Die Zeitung wurde verboten. Eine Neugründung nach 1945 erfolgte nicht. dirk walter

Buchhinweis

Die Serie über Bayern im Ersten Weltkrieg, die im vergangenen Jahr in unserer Zeitung erschienen ist, gibt es nun in leicht veränderter und ergänzter Form auch als Ebook.

Es ist zu erhalten über

www.neobooks.com (Dirk Walter: Bayern im Ersten Weltkrieg) sowie über Amazon und Thalia. Preis: 3,49 Euro (für Kindle und Tolino)

Zurück zur Übersicht: Bayern

  • schließen
  • Weitere
    schließen

Kommentare