HEIMATKOLUMNE

Bayerische Ahnenkunde

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Herbert Schneider

Meine Tante Oliv hat nicht nur einen exzentrischen Vornamen, sondern auch hervortretende Backenknochen, eine fahle, ins Gelbliche spielende Haut, kohlschwarze Haare und dunkle Schlitzäugerl.

Wenn sie nicht ein so waschechtes Niederbayerisch spräche, hätte man sie in ihrer Jugend Maienblüte ohne Weiteres als mongolische Prinzessin verkaufen können.

Wer mit offenen Augen – womöglich selber mit Schlitzaugen – durchs Bayernland fährt, trifft in bestimmten Gegenden immer wieder auf Gestalten, die vom Äußeren her keinen Verwandten zu Germanen oder Kelten haben. Im Voralpenland zwischen Augsburg und dem Inn, aber auch im Schwäbischen und jenseits der Donau den Bayerischen Wald hinauf sind sie anzutreffen.

Ei, wo kommen denn diese weißblauen Steppenwölfe bloß her? Da gibt’s zwei Theorien. Die erste: Die germanischen Einwanderer führten sie bereits als „Beutebayern“ mit sich. Als Hausmägde und Kuhhirten verrichteten sie niedere Dienste, ohne aber deshalb auf die Annehmlichkeiten der Fortpflanzung zu verzichten. Die zweite These: Nach der Ungarnschlacht am Lechfeld im Jahr 955, die bekanntlich Otto der Große gewann, flüchteten die besiegten Reiterhorden in wilder Panik. Und da nun schnappten sich die Bauern entlang des Fluchtwegs Ross und Reiter und gliederten sie, wie man heute sagen würde, in den Arbeitsprozess ein. Denn jeder musste damals zusehen, wo er blieb. Die Besiegten waren überwiegend Ungarn, aus dem Gebiet zwischen Ural und Wolga stammende Magyaren. Dass sich unter ihnen auch noch von den Ungarn besiegte Hunnen befunden haben, ist möglich.

Möglicherweise haben auch beide Theorien durchgeschlagen. Alle Achtung jedenfalls vor den Weitgerittenen, die trotz aller seitdem stattgefundenen Vermischungen ihre Backenknochen und kohlschwarzen Haare bis heute durchsetzen konnten.

Da der Maßschneider nicht leugnen kann, mit der Tante Oliv blutsverwandt zu sein, muss er sich fragen, ob auch vielleicht er Steppenreiterblut in den Adern hat. Eine gewisse Vorliebe für Tatar scheint da nicht unverdächtig. Das Blut aus dem Osten könnte auf folgende Weise in seinen Stammbaum gekommen sein: Eines trüben Nachts im Jahre 955 nach Christus hörte der Huberbauer von Mirskofen ein Klopfen und Scharren an der Tür. Er nahm einen dicken Prügel zur Hand und schob den Riegel zurück. Vor ihm stand ein junger, fremder Krieger mit einer klaffenden Wunde am Arm, der ein Pferd am Zügel führte. Er sagte sinngemäß: „Du mir geben Suppe für mich und Hafer für die Pferd, ich dafür dir geben Gold.“ – Denn es war ein Magyarenprinz, der Schlacht am Lechfeld entronnen.

Nun hatte der Huberbauer eine wunderschöne Tochter. Sie hatte Haare hell wie ein Weizenfeld und hieß Irmingard. Sie erbarmte sich des Jünglings und bat ihren Vater, ihn gesund pflegen zu dürfen. Denn er hatte edle Gesichtszüge und sah total anders aus als die Lackln aus der Nachbarschaft. In Erwartung weiteren Goldes willigte der Vater ein. Natürlich verliebten sich die beiden ineinander. Bald nannte ihn Irmingard zärtlich „Buale“. Nach seiner Genesung kaufte er mit dem Gold, das er immer noch in seinem Brustbeutel trug, in Haslbach einen schönen Viereckhof mit 300 Tagwerk Grund und heiratete seine Irmitschka.

So ungefähr stellt sich der Maßschneider zwei Urahnen von Tante Oliv (und sich) vor, doch wenn es bloß ein ungarischer Schafwascher und eine biedere Hausmagd mit Plattfüßen gewesen wären, soll’s ihm auch recht sein. Denn man muss seine Vorfahren nehmen, woher sie kamen. Ob es nun bayerische Bauernschädel sind oder keltische Kellnerinnen, römische Legionäre aus Assyrien oder Gulaschköchinnen aus der Puszta, machen kann man dagegen im Nachhinein nix mehr!

Maßgeschneidert

An dieser Stelle schreibt

unser Turmschreiber

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