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Interview mit Vogelschutz-Chef

Bartgeier-Weibchen Wally: Wird dieser Tod jetzt zu sehr vermenschlicht?

Wally im Juni 20221: Das Bartgeierweibchen wartet auf ihre Unterbringung in eine Transportkiste, um anschließend zum Knittlhorn gebracht zu werden. Mehr als 140 Jahre nach Ausrottung der Bartgeier in Deutschland sollen erstmals zwei junge Exemplare aus spanischer Nachzucht im Rahmen eines Projekts des bayerischen Naturschutzverbands LBV im Nationalpark Berchtesgaden ausgewildert werden.
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Wally im Juni 20221: Das Bartgeierweibchen wartet auf ihre Unterbringung in eine Transportkiste, um anschließend zum Knittlhorn gebracht zu werden. Mehr als 140 Jahre nach Ausrottung der Bartgeier in Deutschland sollen erstmals zwei junge Exemplare aus spanischer Nachzucht im Rahmen eines Projekts des bayerischen Naturschutzverbands LBV im Nationalpark Berchtesgaden ausgewildert werden.
  • Dirk Walter
    VonDirk Walter
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Die Trauer um das getötete Bartgeier-Weibchen „Wally“ ist groß - vielleicht zu groß? Und gefährdet der verstorbene Vogel nun das ganze Naturschutz-Projekt im Nationalpark Berchtesgaden? Wir haben mit Norbert Schäffer,  Chef des Landesbunds für Vogelschutz, gesprochen.

Am Samstag wurden Überreste des Bartgeiers Wally am Südhang des Mauerschartenkopfs nahe der Zugspitze gefunden. Der Chef des Landesbunds für Vogelschutz (LBV), Norbert Schäffer, ist betroffen über den Verlust – verteidigt aber das Gesamtprojekt.

Wann hat Sie die Nachricht erreicht?

Norbert Schäffer: Ich war am Samstag draußen im Reintal nahe der Zugspitze und habe die Gruppe verabschiedet, die nach dem Sender von Wally suchen wollte. Am Nachmittag kam der Anruf, dass sie die Überreste gefunden haben. Ich wollte erst selbst an die Stelle, aber es hieß, man muss sich erst 60 Meter abseilen, da habe ich verzichtet. Ich habe dann die Reste des Vogels in einem Plastiksack in Empfang genommen, das war schon bitter. Es tut weh.

Der Biologe Norbert Schäffer ist  Chef des Landesbunds für Vogelschutz (LBV)

Es heißt, Wally habe einen plötzlichen Felssturz nicht überlebt. Stimmt das?

Schäffer: Spekulieren ist schwierig. Aber wir wissen, dass der Vogel an den beiden Tagen vor dem letzten GPS-Signal aus dem Reintal am 15. April noch eine weite Strecke geflogen ist, insgesamt rund 250 Kilometer. Daher waren wir der Meinung, dass es dem Geier gut geht. Felssturz ist eine Möglichkeit, weil die Knochen teils zertrümmert waren. Das kann aber auch passiert sein, als der Vogel schon tot war. Es gibt noch andere Möglichkeiten.

An was denken Sie da zuerst?

Schäffer: In der Gegend gibt es ein brütendes Steinadlerpaar. Wir wissen, dass es zu Kämpfen kommen kann. Aber meistens ist der Bartgeier überlegen und zudem enden solche Kämpfe in aller Regel nicht tödlich. Der Kadaver wird jetzt geröntgt und auch auf eine Bleivergiftung durch Munition untersucht. Vielleicht wissen wir danach mehr.

Wie viel hat das Projekt gekostet und wie finanziert es sich?

Schäffer: Für das Projekt stehen in den ersten vier Jahren 600 000 Euro zur Verfügung, zum Großteil vom Umweltministerium. Aber auch der LBV beteiligt sich, am Ende mit einer sechsstelligen Summe.

Wäre das Geld für andere Vögel nicht besser investiert?

Schäffer: Der Spatz in der Stadt stirbt ja auch aus. Es geht nicht um Entweder-oder, sondern um Sowohl-als-auch. Rebhuhn und Haussperling sind auch wichtig, und wir engagieren uns da. Der Bartgeier war hier mal heimisch, wir wollen ihn zurückbringen und haben da auch eine internationale Verantwortung. Ich habe immer betont, dass wir mit Rückschlägen rechnen müssen. Unser Projekt lief bisher so perfekt, wir waren fast verwöhnt.

Um Wally und Bavaria ist ein richtiger Hype entstanden. Der LBV verkauft Geier-Plüschtiere und auch T-Shirts, auf Ihrer Homepage gibt es Kondolenzschreiben – eine Userin schreibt, sie habe die ganze Nacht geheult. Ist das nicht übertrieben?

Schäffer: Das sind wirklich faszinierende Vögel. Und es gibt einfach Menschen, für die das Projekt etwas Besonderes ist, die fast eine persönliche Beziehung entwickelt haben, weil es sich ja um ein Tier handelte, das individuell erkennbar war. Da ist ja nicht so, als wenn da eine tote Erdkröte am Boden liegt. Aber ich habe immer gesagt: Der Tod von Tieren ist Natur, und Natur ist kein Kuschelzoo.

Dennoch: Geht es nicht zu weit, wenn Tierkadaver plötzlich Leichen genannt werden und so vermenschlichen?

Schäffer: Na ja, das ist nicht meine Wortwahl. Aber man kennt das ja vom Umgang mit Haustieren. Dass da Leute betroffen sind, ist doch verständlich.

Am 9. Juni setzen Sie zwei weitere Bartgeier aus. Wie ist der Stand der Dinge?

Im Moment sind die Vögel im Tiergarten Nürnberg, und in der Tat wollen wir sie am 9. Juni wieder in der Halsgrube in den Berchtesgadener Alpen aussetzen. Alles verläuft bisher nach Plan. Es ist ein Langzeitprojekt. Wir wollen 20 bis 30 Vögel auswildern in den nächsten zehn Jahren. Einige werden abwandern, einige könnten wir auch noch verlieren.