Mühldorfer und Wasserburger Nachtleben sieht sich bei Corona-Lockerungen als Verlierer

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Nachtleben Club DJ
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Ein DJ legt im Mühldorfer Sinners  auf - dieses Bild scheint durch die Corona Krise in Weite Ferne gerückt. Zu weit, um zu überleben, fürchten Gastronomen aus der Region.
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Während die Gastronomien wieder öffnen dürfen, macht sich in den Party-Locations Frust breit. Die Soforthilfen sind bald aufgebraucht, alternative Ideen lassen sich nur schwer umsetzen und die Politik gibt keine Perspektive. Ein Stimmungsbild aus dem heimischen Nachtleben.

Mühldorf/Waldkraiburg/Tüßling/Töging – Uschihaus, Silo, Sinners und Universum schlagen Alarm! „Als der Barkeeper im Februar „letzte Runde!“ rief, konnte doch niemand ahnen, dass der damit zwei Monate meint“ – Galgenhumor auf der Facebookseite des „Sinners Clubs“ in Mühldorf.

Fixkosten für Clubs, Bars und Diskos laufen weiter

Doch nach Lachen ist dem Inhaber, Max Kendlinger, nicht mehr. Drei Wochen vor der Corona-bedingten Schließung hatte der 28-Jährige zugesperrt, um mit dem Umbau zu beginnen. Knapp 45.000 Euro hat er investiert. „Gott sei dank alles ohne Finanzierung“. Jetzt gilt es, die Fixkosten zu decken. „Die laufen nämlich weiter. Zum Beispiel die Miete“, sagt Kendlinger.

Tanzen, Trinken, Feiern im „Sinners“. „Party ist unser Geschäft. Doch das funktioniert nicht, wenn man Abstand halten muss“, sagt Inhaber Max Kendlinger.

Corona-Auflagen sind für Clubs schwer umzusetzen

Froh sei er darüber, dass er eine andere Einnahmequelle habe, als Geschäftsführer im Familienbetrieb. Perspektivlosigkeit und Skepsis ist es, was ihn gerade umtreibt, wenn er an die Zeit nach Corona denkt: „Die Leute kommen zum Feiern, Tanzen und Trinken. Hygienekonzept hin und her – eine Kontrolle ist da unmöglich!“ Und eine begrenzte Besucherzahl helfe nicht weiter: „Die Kosten für Service, Türsteher, Barkeeper und DJ bleiben die gleichen!“

Wo ist das Corona-Konzept für Clubs und Bars?

Und selbst, wenn er die Kapazitäten in seinem Club von 300 auf 90 herunterschrauben würde: „Ich bin mir nicht sicher, ob die Leute kommen würden.“ Diese Zurückhaltung beobachte er gerade in Biergärten und Gastronomien. Während ab Juni wieder Konzert, Kinobesuche und Theater möglich sind, wartet man im Clubsektor bislang vergeblich auf ein Signal. „Wahrscheinlich hört man nichts, weil die Entscheidungsträger noch nicht wissen, wie ein funktionierendes Corona-Konzept für Bars und Clubs aussehen kann.“ Kendlinger stochert im Dunkeln.

Alkohol und Social Distancing verträgt sich nicht

Da geht esChristoph Mirz, Barkeeper im Café Orange in Mühldorf, nicht anders. Er hadert mit der Öffnung, denn vor einem möglicherweise großen Ansturm in Zeiten von Corona hat er großen Respekt. „In erster Linie kommen die Leute wegen der Cocktails zu uns. Nach drei, vier Cuba Libre fallen Hemmschwellen. Social Distancing interessiert dann niemanden mehr. Ich möchte nicht das Lokal sein, das dann ein Hotspot für Corona-Infektionen ist!“

Cocktails im Freien als Alternative? Das lohne sich erst bei einer Öffnungszeit bis 22 Uhr. „Dann gibt es bei uns wieder Cocktails – aber nur unter freiem Himmel und großzügig bestuhlt.“ Mirz weiß: Die Zahl der Gäste wird überschaubar bleiben.

Gastronom bekommt Corona-Soforthilfe

200 bis 250 Gäste sind es in der E-Lounge, dem Club im Kino Cinewood in Waldkraiburg, an einem guten Abend. Doch so viele hat man auch dort schon lange nicht mehr gesehen. Seit viereinhalb Jahren gibt es den Club um Geschäftsführer Alex Krieger, der wegen der Schließung niemandem einen Vorwurf macht, schon gar nicht der Politik. „Die haben rechtzeitig reagiert, sonst wäre es bei uns so schlimm wie in anderen Ländern.“

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Auch eine Soforthilfe von 5.000 Euro habe er längst bekommen, eine weitere staatliche Unterstützung von 9.000 Euro beantragt. An der düsteren Perspektive ändert das nichts. Anfang der Woche hat er seine Cocktailbar Bora Bora nach einem Umbau wieder aufgemacht. Jetzt hofft er, damit beide Lokale über Wasser halten zu können. Und die E-Lounge? „Ich rechne mit einer Öffnung im September, vielleicht, hoffentlich. Solange halt ich durch“, sagt er. Ansonsten muss er drüber nachdenken, das Lokal abzumelden. „Aber zur Zeit kann man sich ja auch nirgendwo bewerben.“

Clubbesitzer spricht von "Nervenkrieg" durch Corona-Schließung

Das weiß auch Martin Obereisenbuchner (51), der mit seinem Bruder Florian (49) seit zehn Jahren das Uschihaus in Tüssling betreibt. Beide sprechen von einem Nervenkrieg, „seit dem ersten Tag, als wir zumachen mussten“. Als Großveranstalter, bei dem Menschen dicht an dicht feiern, gehört man „zu den Ersten die zusperren und zu den Letzten, die wieder aufmachen dürfen“, halten die beiden nüchtern fest.

Von wegen Provinz: Top-DJs aus München sorgen dafür, dass das Uschihaus in Tüßling in der Szene einen so klangvollen Namen hat. Die 90er-Party im April (siehe Plakat) war bereits angekündigt, doch Corona machte dem Ganzen einen Strich durch die Rechnung.

Gastronom fordert klare Aussagen der Politik

„Uns wäre wichtig, dass die Politik eine klare Aussage macht, was Stand jetzt 2020 ausgeschlossen ist. Dann wissen wir, woran wir sind. Aber wir haben keine Lobby“, sagt Martin Obereisenbuchner. Über „frustvolle Erfahrungen“ spricht er beim Stichwort Sofort-Hilfe. Die Richtlinien bei den Bundesmitteln seien intransparent. „Zu- oder Absage scheinen nach dem Zufallsprinzip zu verlaufen“, hält Martin Obereisenbuchner fest und sagt: „Das ist keine Sofort-Hilfe. Da ist die bayerische Seite schneller“. Die Biergartenoption haben die beiden schon vor Corona geprüft. "Da bräuchte es schon Sofort-Ausnahmeregelungen“, sagt Florian Obereisenbuchner.

Töginger Club Silo1 hat Schwierigkeiten mit Biergarten-Lösung

Doch die gibt es nicht, wie auch Tom Wörl, Betreiber des Silo1 in Töging, inzwischen weiß. „Unser Hinterhof wäre bestens für einen Biergarten geeignet“, sagt Wörl. Doch nach Telefonaten mit der Stadt Töging und dem Landratsamt Altötting war die Motivation am Boden: „Leider ist es nicht möglich, das Ganze in einem Notfall-Verfahren umzusetzen.“

Es müssten Anträge gestellt, Pläne eingereicht und die 600 Quadratmeter große Fläche abgenommen werden. „Das alles dauert wegen der Homeoffice-Geschichte im Landratsamt offenbar länger als sonst“, habe ihm die Behörde mitgeteilt. „Ein immenser Aufwand mit der Aussicht, frühestens im Spätsommer zu öffnen. Alles verbunden mit Kosten und dem Risiko, dass niemand kommt wegen der Angst vor Corona.“ Immerhin: Wörl hat 6500 Euro Soforthilfe bekommen, damit er seine Fixkosten decken kann.

Universum in Wasserburg muss kurz nach Comeback schließen

Apropos Kosten: Dass die Kult-Diskothek Universum in Wasserburg wieder ins Gespräch gekommen war – das war dem Betreiber Hans Enzinger Investitionen in Höhe von rund 300.000 Euro wert. Nur wenige Monate vor dem Lockdown hatte das „Uni“ nach der Wiedereröffnung im Oktober 2019 ein großartiges Comeback gefeiert. Doch dann kam die Pandemie.

Bis zu 1000 Gäste fasst die Diskothek „Universum“ in Wasserburg, die erst im August 2019 das Okay für die Wiedereröffnung erhalten hat. Ob der Club die Zwangsschließung aufgrund der Corona-Pandemie überleben wird, steht in den Sternen.

Eigentümer Enzinger musste drei geplante Veranstaltungen mit etwa 3000 Gästen absagen, Mitarbeiter entlassen und Soforthilfen sowie Steuerstundungen beantragen, um laufende Kosten für Kredittilgungen und Pacht zu stemmen. Der krisenerprobte Wasserburger weiß: Seine Diskothek, die 1.000 Gäste fasst, wird eine der letzten Einrichtungen sein, die wieder öffnen dürfen. „Wir brauchen weitere Unterstützungen und Finanzhilfen“, sagt er. „Wenn die Disco erst wieder im Herbst starten kann, ist das eine Katastrophe.“ Ob sein Club die Zwangsschließung überleben wird, steht in den Sternen.

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