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Auguste, die Prinzessin der Tiere

Ihr Ururgroßvater war der letzte König Bayerns, sie lebt in einem Schloss – doch Auguste, Prinzessin aus dem Hause Wittelsbach, schwärmt nicht für Luxus, sondern für Tiere. Als Kind schlief sie neben Gänsen ein, heute forscht sie über Vögel.

Am liebsten morgen schon will sie Bayern ein Museum schenken.

Ihr Ururgroßvater war der letzte König Bayerns, sie lebt in einem Schloss – doch Auguste, Prinzessin aus dem Hause Wittelsbach, schwärmt nicht für Luxus, sondern für Tiere. Als Kind schlief sie neben Gänsen ein, heute forscht sie über Vögel. Am liebsten morgen schon will sie Bayern ein Museum schenken.

Von Franziska Bär

Sie ist eine Prinzessin, aber jetzt kniet sie im Vogeldreck. Für Auguste von Bayern, 35, zählt gerade nur eines: der kleine Wurm, der ihr runtergefallen ist und hier irgendwo auf dem Boden der Voliere liegen muss. Sie muss ihn finden, es ist ihr letzter, sie braucht ihn unbedingt. Sie will zeigen, was sie ihrer Krähe Cruso beigebracht hat. Wie schlau so ein Vogel ist, der gerade auf einem Ast neben ihr sitzt und sie anstarrt.

Prinzessin Auguste von Bayern ist eine renommierte Forscherin, weltweit anerkannt als Expertin für Rabenvögel. Sie hat einen Doktor in Biologie, hat 2008 in Cambridge über „Soziale Intelligenz und soziokognitive Fähigkeiten von Dohlen“ promoviert. Zugleich ist sie die Ururenkelin des letzten bayerischen Königs, Ludwigs III. Doch das spielt gerade keine Rolle, nicht in diesem Moment in ihrer Voliere. Wenn sie mit Tieren zusammen ist, ist die 35-Jährige nicht die Prinzessin aus dem Hause Wittelsbach, sondern eine Frau, die ihr Leben den Vögeln gewidmet hat, und einem großen Ziel: Sie will intelligente Tiere verstehen und Menschen dafür begeistern.

Ihrer Leidenschaft widmet Auguste von Bayern Zeit, wann immer sie kann. Manchmal gleicht ihr von Blumen und Sträuchern umsäumter Garten auf Schloss Leutstetten im Kreis Starnberg sogar einem kleinen Tierpark, wenn sie gutherzige Tierretter, die mit kranken Vögeln vor den Toren stehen, wieder einmal nicht zurückweisen kann. Sobald die Tiere wieder gesund sind, wird die Prinzessin mit ihnen arbeiten.

Deshalb kniet sie auch jetzt in ihrer Voliere, zwischen altem Laub und trockenen Ästen. Ihr Parka ist verkratzt von Krallen und Gestrüpp, die schwarzen Lederstiefel sind voller Dreck. Und der Wurm, der ist eigentlich sowieso nicht gut für sie: Fasst sie ihn an, wird sie allergisch reagieren, ihr zierliches Gesicht mit den hohen Wangenknochen wird anschwellen, die Augen tränen und die spitze Nase wird laufen. Sie weiß das. Ein Taschentuch hat sie deshalb immer in der Jackentasche, wenn sie zu ihren Krähen geht. Trotzdem versucht Prinzessin Auguste von Bayern mit einem Holzstäbchen, den Wurm aufzuheben. Dann gelingt es ihr endlich, er landet in dem kleinen Plastikrohr, das Schauspiel beginnt: Die Prinzessin hält der Krähe Cruso das Holzstäbchen hin, die packt es mit dem Schnabel. Cruso angelt damit den Wurm aus dem Plastikrohr, ohne Hilfe. „Ganz toll, das ist doch ganz toll“, sagt Auguste von Bayern mit ihrer feinen Stimme. Die Prinzessin ist stolz.

Dann erzählt sie, dass Cruso schon immer sehr gehorsam war und er eine sanfte Freundin hat, Calipso. Man müsse sie nur rufen, am besten ihre eigenen, komischen Vogelstimmen imitieren, dann würde sie schon kommen. Die Sätze der Prinzessin werden länger, sie reiht ihre Erfahrungen mit den Krähen aneinander, erzählt und erzählt. Und irgendwann ist sie bei ihrer Kindheit angelangt und bei der Zeit, als das alles anfing mit den Tieren.

29 Jahre ist das her. Die kleine Auguste war gerade einmal sechs, da bekam sie „Mary Poppins“ in die Hände gelegt: einen frisch geschlüpften Gänserich, männlich zwar, aber den Namen der amerikanischen Filmfigur sollte er trotzdem tragen. Das hatte sich die Prinzessin damals in den Kopf gesetzt für ihre erste Gans, die sie großziehen durfte. Ihre Eltern, Prinz Luitpold von Bayern und Prinzessin Beatrix, halfen ihr dabei. Sie selbst haben es von Augustes Großeltern gelernt, Ludwig Karl Maria von Bayern und Irmingard von Bayern. Augustes Begeisterung steigert sich von Wort zu Wort, wenn sie heute von dieser Zeit erzählt. „Das war ganz verrückt“, sagt sie, sitzt jetzt im Leutstettener Salon, wo sie ihre privaten Gespräche lieber führt als zwischen dem Krächzen der Krähen. Wachhund Congo liegt auf ihren Füßen, ein französischer Hirtenhund. Er sieht aus wie ein schwarzer Yeti, neben dem die Prinzessin noch zierlicher wirkt. „Stört er?“, fragt sie, will ihn aber ungern rauslassen, vor kurzem hat er wieder Vögel gejagt, das darf er nicht.

Zurück in die Kindheit: „Im Schlafzimmer meiner Großeltern haben wilde Tiere gefrühstückt, meine Großmutter hatte eine natürliche Anziehungskraft auf sie.“ Waschbären, Eichhörnchen, Tauben, sogar ein zahmes Hausschwein hatten Oma und Opa. Die Prinzessin zählt an ihren Fingern mit, um keines der Tiere zu vergessen. „Die haben sich streicheln lassen, sind immer wieder zu Besuch gekommen.“ Dann waren da zwei Hunde, ein zugeflogener Papagei. Und natürlich „Mary Poppins“, die in Augustes Schlafzimmer zu Hause war. Fragende Blicke beantwortet die Prinzessin mit einem Schulterzucken, so als wäre es das Normalste der Welt – täglich neben einer Gans zu schlafen. „Sie kriegte sofort Panik, wenn sie alleine war.“ Gänse brauchen eine Bezugsperson. Also bekam „Mary Poppins“ eine kleine Kiste neben dem Prinzessinnenbett, in die musste Auguste jede Nacht lang ihre Hand reinhängen. „Das war einen Großteil meiner Kindheit so.“ Keinen Schritt wich „Mary Poppins“ der kleinen Auguste von der Seite, sogar in der Schule war sie dabei. Irgendwann waren es sogar mehrere Gänse, mit ihnen stand die junge Prinzessin in der Klasse schnell im Mittelpunkt. Unangenehm. „Früher war ich so scheu.“ Als die Lehrerin Auguste irgendwann, als sie schon im Jugendalter war, aus dem Klassenzimmer verbannte, weil die Gänse einfach zu groß wurden, tat sie der Prinzessin einen großen Gefallen. Gelernt wurde jetzt im Schulhof. „Ich saß dort, alleine mit meinen Gänsen und Büchern, und hab Ruhe gehabt.“

Ihr nächster Satz erklärt alles, kurz aber scheint Auguste zu überlegen, ob sie das wirklich sagen kann. „Ich war schon immer lieber in der Natur unterwegs, als mit Menschen zusammen.“ Sie rechtfertigt sich nicht, ist eben so.

Sie war schüchtern, zierlich, leise, wuchs auf im großen Garten, nahen Wäldern und den Bergen. Den größten Teil ihrer Kindheit verbrachte sie draußen. Mit 14 Jahren baute sie aus Holz und Gittern eine eigene Voliere, der Papa, Prinz Luitpold von Bayern, musste nur beim Graben helfen. All das hat die Prinzessin geprägt, sie liebt Leutstetten, Oberbayern, Bayern. Ihre Heimat. Ihr Herz aber hat sie an einen anderen Kontinent verloren. An Afrika.

Auguste war 19, als sie eine Wissenschaftlerin zur Hyänenforschung in die afrikanische Serengeti-Savanne begleiten durfte. „Die beste Zeit in meinem Leben“, sagt sie. In einem Jeep fuhren sie durch die Nacht, begleiteten einen Hyänen-Clan und zeichneten alles, was sie beobachteten, genau auf. Alle zehn Tage war kurz Zeit, um Staub und Schweiß aus den Haaren zu waschen, „einen Liter Wasser hatte ich zur Verfügung“, sagt die Prinzessin. Sie erzählt von Freiheit – und davon, wie sie im letzten Moment über giftige Schlangen springen musste. Von Gedanken, „die nicht immer die allerklügsten waren“. Die Prinzessin überlegt kurz. „Ich habe dumme, gefährliche Sachen gemacht, das darf man eigentlich nicht erzählen.“ Und dann erzählt sie doch.

Einmal lief sie mittags zum Fotografieren los. Alleine, ohne Waffe, einfach raus aus dem Zelt. Plötzlich stand sie einer Hyäne gegenüber, diesem wilden Tier „mit dem unglaublich starren Blick in den Augen“. Die Prinzessin blieb ruhig, wie sie es gelernt hatte, die Hyäne hat sich schließlich zurückgezogen. „Das war dumm und sehr gefährlich“, sagt sie. „Das sind wilde Tiere, und wir nichts.“ Die Stärke der Tiere beeindruckt sie, genau dieses Gefühl für die Natur will sie vermitteln, bevor es verloren geht. „Die Kinder heute können ja nicht einmal mehr Blätter unterscheiden“, sagt die Prinzessin. „Das ist so rätselhaft für mich, ganz komisch.“

Auch sie hat einen Sohn, Louis-Ferdinand, 16 Monate ist er alt. Die Prinzessin zieht ihn zusammen mit seinem Vater und ihrem Mann Ferdinand Prinz zur Lippe auf Schloss Leutstetten groß. Und als die Prinzessin einmal beobachtete, wie der Bub Hühnern ein Löwenzahnblättchen hinstreckte, wünschte sie sich kurz, dass alle Kinder so ein enges Verhältnis zur Natur hätten.

Sie hat ihre Liebe zu Tieren zu ihrem Beruf gemacht. Für die Forschung pendelt sie zwischen englischen Universitäten – ihre Doktorarbeit hat sie in Cambridge geschrieben – und dem oberbayerischen Seewiesen, dort arbeitet sie am Max-Planck-Institut. Seit kurzem forscht die Prinzessin deshalb auch auf Teneriffa, dort leben 350 von weltweit 372 Papageien-Arten. „Es gibt keinen besseren Ort für diese Forschung“, sagt sie. „Da wissen wir noch viel zu wenig drüber“, das will sie ändern.

Ihrer Heimat aber will Auguste von Bayern ein besonderes Geschenk machen: Ein weltweit einzigartiges Naturkundemuseum, eine große Erweiterung zum Museum „Mensch und Natur“ im Schloss Nymphenburg. „Es soll sich lohnen, aus ganz Europa zu kommen“, sagt Auguste und breitet ihre Arme aus. Wenn sie jetzt redet, sprudelt es beinahe so aus ihr heraus, wie bei ihren Erzählungen über Tiere. Sie spricht von einem Herzensprojekt, das ist klar. Den Förderkreis Naturkunde-Museum (NaMu) Bayern hat sie deshalb mit Unterstützern ins Leben gerufen. Sie will einen imposanten Anbau finanzieren, um den Menschen ihr Wissen und das ihrer Kollegen nahezubringen und die Intelligenz von Vögeln zu erklären. Das ist ihr größter Wunsch.

Und als in der Voliere die Krähe schreit, mit ihrer komisch-grellen Stimme, will die Prinzessin auch wieder raus. Raus aus dem Salon, raus zu den Tieren. Das Taschentuch hat sie schon eingesteckt.

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