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Die Augen-Architektin

Neues Auge, mundgeblasen. Barbara Zimmermann ist eine von rund 70 Ocularisten in Deutschland. Sie fertigt Augenprothesen mit der Hand an. Ihre Arbeit erfordert viel Fingerspitzengefühl – im Umgang mit dem Glas genauso wie mit den Patienten.

Der Beruf des Ocularisten

von Dominik Göttler

München – Das monotone Rauschen des Bunsenbrenners ist der tägliche Begleiter an Barbara Zimmermanns Arbeitsplatz. In der linken Hand hält sie ihr Rohmaterial: ein Stück Kryolithglas, milchig-weiß, mit dem Mund zu einer Kugel geblasen. Vorsichtig schiebt sie es in die Flamme, dreht es dabei immer wieder. In der rechten Hand hält sie ein Farbstäbchen in hellem Grau und tupft damit sanft auf das Glas. Barbara Zimmermann malt gerade eine Iris. In etwa einer Stunde wird sie eine Augenprothese in der Hand halten, die einem täuschend echt entgegenblickt.

Barbara Zimmermann hat einen Beruf, den es nicht oft gibt in Deutschland. Als Ocularistin fertigt sie Glasprothesen für Menschen an, die ein Auge verloren haben. Dabei arbeitet die 33-Jährige nicht nur an einem Stück Glas – sondern auch an der Seele der Patienten.

„Jeder unserer Patienten hat einen Schicksalsschlag hinter sich“, sagt Zimmermann. Unfälle, Krankheiten, Verbrechen, Kriegswunden – es gibt viele Ursachen, warum Menschen ein Auge verlieren. Oft hat das Schicksal ihr Leben innerhalb von Sekunden auf den Kopf gestellt. Täglich hört Barbara Zimmermann diese Leidensgeschichten. Egal ob vom arabischen Scheich oder vom bayerischen Häftling. In Barbara Zimmermanns Praxis in München sind sie alle gleich. Sie sind Suchende nach einem Weg zurück in einen geregelten Alltag. Und ein künstliches Auge kann dabei helfen. Denn es schützt vor den erschrockenen Blicken derer, denen ein solcher Schicksalsschlag erspart blieb.

Für Barbara Zimmermann war schon früh klar, dass dieser Beruf auch ihre Berufung ist. Das Institut Greiner ist ein Familienbetrieb, sie führt ihn in vierter Generation. Als Kind hat sie im Wohnhaus ihrer Großeltern dem Opa beim Blasen der Glasprothesen über die Schulter geschaut.

Sechs Jahre dauert die Ausbildung zum Ocularisten. „Das Formen des Glases ist das Schwierigste“, sagt Barbara Zimmermann. „Am Anfang wird es alles, nur keine Kugel.“ Doch die Erfahrung hilft. Auch beim Zeichnen des Auges. Schließlich soll die Prothese am besten kaum vom gesunden Auge des Patienten zu unterscheiden sein. Dabei ist jedes Auge anders. Sei es bei der Äderung – bei Kindern schwach ausgeprägt, bei Älteren stärker – oder bei der Augenfarbe. Hier ist Perfektion gefragt. „Ich bin sehr kritisch“, sagt Barbara Zimmermann über sich. Wenn sie mit dem Ergebnis einer Prothese nicht zufrieden ist, landet die auch schon mal im Müll. „Die Qualität des Produktes ist das Wichtigste“, sagt sie. Schließlich muss sich der Patient damit wohlfühlen.

Die Kosten für eine Augenprothese übernimmt in der Regel die Krankenkasse. Nach etwa einem Jahr bekommt der Patient eine neue, denn von der Tränenflüssigkeit werden die Prothesen mit der Zeit rau. Viele glauben, dass ein Glasauge kugelförmig ist. Doch das stimmt nicht, es sind eher kleine Schalen, die wie eine große Kontaktlinse auf das vom Arzt eingesetzte und optisch nicht besonders alltagstaugliche Implantat platziert werden.

Natürlich blickt jemand wie Barbara Zimmermann seinem Gegenüber mit besonderem Interesse in die Augen. „Ein Husky-Eisblau gefällt mir besonders gut“, sagt sie. Oder wenn ein dunkler Typ helle Augen hat. „Das finde ich spannend.“ In ihrer Arbeit sieht sie sich als Dienstleister aber auch als Künstler. Aber ein bisschen Seelsorge gehört auch dazu. „Der schönste Moment ist dabei oft der erste Blick in den Spiegel mit dem neuen Auge“, erzählt Zimmermann. „Da fließt gerne die ein oder andere Träne.“ Denn für viele ist das der Moment, der symbolisiert: Jetzt geht es wieder bergauf.

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