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Aufblasbare Notlösung

Der Landkreis München nimmt heuer 4000 Asylbewerber auf – bayernweit müssen nur die Landeshauptstadt und Nürnberg mehr stemmen. Zur Unterbringung setzt die Politik auf riesige Zelte, so genannte Traglufthallen.

Eine gute Lösung? Ein Besuch in Taufkirchen.

traglufthalle für flüchtlinge 

Der Landkreis München nimmt heuer 4000 Asylbewerber auf – bayernweit müssen nur die Landeshauptstadt und Nürnberg mehr stemmen. Zur Unterbringung setzt die Politik auf riesige Zelte, so genannte Traglufthallen. Eine gute Lösung? Ein Besuch in Taufkirchen.

von marcus mäckler

Taufkirchen – Drinnen sägen sie noch Holzlatten zu. Aus ihnen zimmert eine Schreinerei die 50 Kammern, in denen bald 300 Asylbewerber schlafen sollen. Elf Quadratmeter hat so ein Räumchen, genug Platz für drei Hochbetten. Hier und da stehen die Betten, Metalloptik Marke Ikea, schon. Wohlwollend könnte man sagen: So ein Raum hat den Charme einer Schiffskoje, nur dass hinter der Wand kein Meer ist, sondern der Atem des Nachbarn.

Freitagmorgen: Die Inneneinrichtung der Traglufthalle ist fast fertig, die Halle selbst, an der sie seit Ende Juni bauen, steht schon ein paar Tage. An diesem Sonntag (17 bis 19 Uhr) steht sie zur Besichtigung offen. Jeder hier in Taufkirchen soll sich anschauen können, wie das Münchner Umland seine Flüchtlinge unterbringt. Wobei Landrat Christoph Göbel (CSU) gleich eins vorausschickt: „Das ist keine Ideallösung, sondern eine Notlösung.“

Die Not ist durch Zahlen belegbar: Nach der Landeshauptstadt und Nürnberg nimmt der Landkreis München bayernweit die meisten Asylbewerber auf. 90 Menschen werden ihm pro Woche zugewiesen, knapp 4000 werden es in diesem Jahr insgesamt sein, 2000 sind schon da. Etwa 500 sind derzeit in fünf Turnhallen untergebracht. Weil das sowohl Vereine als auch Flüchtlinge belastet, hat der Kreis beschlossen, Traglufthallen aufzustellen. Insgesamt sieben Stück sollen es sein, verteilt über den ganzen Landkreis. Die in Taufkirchen ist die erste, die fertig wird.

Eine Notlösung, sagt der Landrat. „Aber sie ist wenigstens menschenwürdig.“ Verglichen mit Turnhallen haben die Asylsuchenden hier immerhin ein wenig Privatsphäre. In den Kammern schlafen sie zu sechst, auf einer Grundfläche von knapp 2600 Quadratmetern gibt es separierte Waschräume, eine Spielfläche für Kinder und einen Aufenthaltsbereich – auf dem Grundriss nennen sie ihn „Lounge“.

Die Halle ist nichts anderes als eine durch Druckluft aufgeblasene, luftdichte Hülle – wobei das Gebläse innen kaum lauter als ein Summen ist. Sie steht am Rand der 18 000-Einwohner-Gemeinde, wirklich abgelegen ist sie aber nicht. In der Nähe gibt es ein paar größere Läden, direkt nebenan ist ein Sportgelände mit Fußballplätzen und einem Biergarten. Normalerweise steht die ganze Fläche einem Zirkus zur Verfügung. Auch jetzt ist einer zu Gast, der Zirkus Rio. Zwischen seinem Zelt und der Traglufthalle liegen vielleicht 50 Meter.

Das alles soll nicht zu beschaulich klingen, denn es ist alles andere als das. Auch Alexander Thal vom Bayerischen Flüchtlingsrat hat sein Problem mit dieser Art der Unterbringung. Allerdings erkennt er die Not, in der die Landkreise und Kommunen stecken, durchaus an. Die Menschen, sagt Thal, müssen schließlich irgendwo unterkommen. „Als Provisorium gehen solche Traglufthallen. Aber nicht auf Dauer.“

Seit Landrat Göbel die Pläne für die sieben Hallen öffentlich gemacht hat, spricht er von einer Zwischenlösung. Die Flüchtlinge sollen nur „vorübergehend“ in dem Zelt untergebracht werden. Heißt: so lang, bis der Asylantrag bearbeitet ist, aber nicht länger als zwölf Monate. So lange laufen die Mietverträge für die Traglufthallen. Außerdem sollen bis dahin die festen Unterkünfte fertig sein, die der Kreis zur Zeit errichtet. In den Modul- und Holzständerbauten werden 2000 Menschen Platz haben, etwa genauso viele wie in den Traglufthallen.

Natürlich ist das ganze Projekt auch ein Kostenfaktor – und zwar kein geringer. Göbel zufolge fallen pro Halle im Monat 80 000 Euro Miete an, die Unterhaltskosten noch nicht mitgerechnet. Allerdings sei das noch immer sehr viel günstiger, als Container aufzustellen. Die Vermieter solcher Hallen machen im Moment jedenfalls ein dickes Geschäft. Im Landkreis stellt ein Berliner Unternehmen die Zelte für die sieben Standorte in Taufkirchen, Unterhaching, Oberhaching, Unterföhring, Unterschleißheim, Neubiberg – und Grünwald, falls die Verhandlungen mit dem Grundstücksbesitzer erfolgreich ausgehen.

Nächste Woche könnten in Taufkirchen die ersten Asylbewerber einziehen. Natürlich gibt es wie immer Skeptiker. Schon am Freitagmorgen stehen zwei Frauen in Trainingsoutfits vor der Halle und schütteln die Köpfe. Aber es gibt auch die andere Seite. Bei einer Info-Veranstaltung in Neubiberg fragte kürzlich eine Frau, wie man sich engagieren könne, um die Flüchtlinge schnell zu integrieren. Nur für die Frage erntete sie Beifall.

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