Der Asphalt-Cowboy vom Tegernsee

+

Über den Sender DMAX wurde er zum Star. Aber Andreas Schubert spielt kein Theater. Er ist Fernfahrer fürs Leben – mehr als das. Es ist eine Sucht, sagt er, die ihn nie wieder loslassen wird. Dabei hätte er schon einmal fast aufgehört. Ein Porträt.

Fernfahrer mit Fernsehserie

Von Klaus-Maria Mehr

Gmund – Die Sucht, die ihn sein Leben lang nicht mehr loslassen wird, erfasst Andreas Schubert mit sieben. Sein Nachbar nimmt den Bub aus Gmund (Kreis Miesbach) mit auf eine Tour in die DDR. Damit ist es um ihn geschehen. Der Siebenjährige erlebt vom Beifahrersitz eines Lkws jeden Tag eine neue Welt voller Wunder. Immer unterwegs, immer auf Achse. Was für ein Abenteuer. Damals hat sie ihn gepackt, die Sucht. „Seitdem habe ich mein ganzes Leben darauf aufgebaut“, sagt Andreas „Schubi“ Schubert, heute 41, seit 23 Jahren Fernfahrer.

45 Stunden pro Woche, Montag bis Freitag sitzt er seitdem hinter dem Lenkrad. „Mehr darf man nicht.“ Schubert lernte Lkw-Mechaniker, damit er selbst an seinen Lastern rumschrauben kann. Anfangs fuhr er als Angestellter. 2002 mietete er einen Laster, machte sich selbstständig und sparte auf den ersten eigenen Lkw. Ein Scania. Zwar gebraucht, aber ein Scania musste es sein. „Die Harley unter den Lkw.“ Schwedische Qualität, V8. Sechs-Zylinder-Dosen kämen Schubert nie in die Tüte. „Alles unter V8 ist asozial“, hat Schubert später mal gesagt, als er mit der Serie „Asphalt-Cowboys“ schon berühmt war. Der Satz hat ihm viel Ärger eingebracht. Die wenigsten Brummifahrer sind mit einem Acht-Zylinder unterwegs. Alle Sechs-Zylinder-Fahrer fühlten sich angesprochen, schickten ihm viele böse Briefe und drohten mit Schlägen.

Aber so ist das, wenn man ohne Drehbuch arbeitet. Sätze lässt sich Schubert nicht diktieren. Trotz allem Erfolg der Kult-Serie des Männer-Spartensenders DMAX, in der Fernfahrer auf ihren Touren von der Kamera begleitet werden. „Ich mach da mein Ding und fertig“, sagt Schubert. Die Verantwortlichen würden es wohl auch nicht anders wollen.

Ein Scout hatte ihn bei einem Trucker-Treffen entdeckt. Er wurde für die Serie gecastet und es hat sofort gepasst. Der Asphalt-Cowboy vom Tegernsee ist von Anfang an dabei und so ein bisschen das Zugpferd der Serie, sagt er. Kunststück. Andreas „Schubi“ Schubert ist so ein Typ, den Medienleute als authentisch bezeichnen würden. Ein Original, das eben kein Drehbuch braucht. Wahrscheinlich auch, weil er ehrlich ist. Fernfahren ist seine Leidenschaft.

Dabei wäre der Fuhrunternehmer fast mal falsch abgebogen. Schubert, 1,82 Meter groß und 125 Kilo schwer, war nämlich auch mal der zweitstärkste Mann Deutschlands. Durch die Wettkämpfe beim deutschen Strongman-Verband wurde ein Starnberger Multimillionär auf den bulligen Oberlandler aufmerksam und bot ihm einen Job als sein Leibwächter an. Der Starnberger zahlte gut, sehr gut. Schubert sagte zu und fuhr ab da die Kinder zur Schule, die Frau zum Einkaufen und seinen Kunden zur Arbeit und auf Partys. Der Millionär zahlte sogar den leeren Lkw, der vor Schuberts Haus stand. Ein perfektes, ruhiges Leben. Schubert, der Reisende, war angekommen.

Anfangs merkte er gar nicht, wie sehr ihm das zusetzte. Aber irgendwann auf der Wiesn im Käferzelt wurde ihm klar, dass irgendwas so gar nicht mehr stimmt. Überall Snobs mit ihrem „Tatü, Tata und Hihi“. Das ganze Schnöselgetue eben. Geld spielt keine Rolle. Erwachsene Menschen, die Edel-Champagner aus Riesenflaschen trinken und beim Einschenken die Hälfte verschütten. Und Schubert mittendrin. Gefangen. Nur in Gedanken auf der Straße, irgendwo zwischen Rimini und Ancona, kurz vor Sonnenuntergang. Danach hat er gekündigt – im Guten. Noch heute übernimmt er Jobs in der Münchner Schickeria. Seine Welt ist das nicht.

Wirklich durchgeatmet hat Schubert erst, als er wieder in seinem Laster saß: „Musik an, Tür zu und Gas.“ Und der Fuhrunternehmer hat Erfolg mit seiner Leidenschaft: Zehn Lkw, zehn Fahrer, eine kleine Zweitniederlassung in Rimini.

Schubert selbst ist nur noch in seinem eigenen hochgerüsteten Edel-Scania unterwegs. Ledernes Führerhaus, riesiger Kühlergrill, blitzende Felgen, extra „Airbrush“-Lackierung nach Maß. Von seinem Führerhaus aus managt Schubert die Firma per Handy und iPad. „Mehr brauchst du nicht.“

Mit dem Titel „Asphalt Cowboy“ kann Schubert nichts anfangen. Der Job ist saugefährlich, sagt er. Da gilt es präzise zu sein. Ein Cowboy hat im Führerhaus eines Lkws nichts verloren. Auch für Romantiker ist kein Platz: „Fernfahrer, das ist brutal und viel Scheißdreck.“ Wenn er den Leuten sagt, er fährt nach Florenz, dann haben die so ein Bild im Kopf. Dass Schubert seine Fracht nicht am Marktplatz zwischen zwei Michelangelo-Statuen ablädt, sondern in irgendeinem Gewerbegebiet bei einem Logistiker, der einem den letzten Nerv kostet, und die Nacht auf einem heißen Parkplatz verbringt, das sehen die wenigsten. Dazu kommt die Konkurrenz aus Osteuropa, die so viel billiger fährt. „Die Komplettladungen hat uns der Ostblock schon genommen.“ Das sind die einfachen Fahrten. Hinfahren, aufladen, abladen. „Wir können nur mit Qualität punkten.“

Dann der Verkehr. Der Sommer war schlimm. „Die fahren auf der Straße in den Urlaub, wo wir unser Geld verdienen.“ Das Gros von Schuberts Fahrten führt nach Italien. Er liefert meist Papier und Holz, zurück kommt er mit Espressomaschinen und Pizzaöfen für Großküchen. Die Fahrten gehen über den Brenner – der Hotspot des Reiseverkehrs. Keine leichte Strecke.

Bei Schubert kommen die Fans dazu. „Die meinen, ich bin ein Schauspieler auf PR-Tour.“ Schubert, der Promi. Auch nicht seine Welt. Der Mann, der von Portugal bis Ankara und von Hammerfest in Norwegen bis Sizilien gefahren ist, der Mann, der auf Facebook über 90 000 Freunde hat, lebt ziemlich bodenständig. Seine Frau hat er vor vier Jahren auf dem Rosenheimer Herbstfest kennengelernt, inzwischen bauen sie ein Haus. Schubert freut sich genauso wieder heimzukommen, wie es ihn dann wieder hinter sein Lenkrad zieht.

Klar, die „Asphalt-Cowboys“ sind eine tolle Werbung für ihn, aber Geld bringe das nicht, sagt er. Dafür einen Bus mit 20 Südtirolern auf Junggesellenabschied, die ihm einen Überraschungsbesuch abstatteten. „Das war ja recht lustig“, sagt Schubert. „Aber die hätten doch wenigstens vorher anrufen können.“

In solchen Augenblicken freut sich Schubert wieder auf den perfekten Moment: Um 4 Uhr morgens in Italien an der Riviera über den heißen Asphalt die Küste entlang donnern, während die Sonne aufgeht. Der Laster spiegelt sich in den Schaufensterscheiben. Die Räder drehen sich, blitzen im ersten Morgenlicht. „Das beste was es gibt.“ Und dann weiter am Meer entlang – bis die Sonne wieder untergeht.

Der Nachbar, der den kleinen Schubi damals in die DDR mitgenommen hat, fährt übrigens immer noch. Er ist inzwischen Mitte 70 – und denkt nicht ans Aufhören. Sie machen alle weiter. Bis zum Schluss. Bis sie den vorgeschriebenen Fitness-Check nicht mehr bestehen. Und selbst dann. Schubert kennt viele alte Fernfahrer: Wenn die irgendwann in Rente gehen, kaufen sie sich ein Wohnmobil und fahren einfach weiter. Auch Schubert weiß, dass es ihn nie wieder loslassen wird: „Es ist eine Sucht.“

Kommentare