„Angenehm, Ametsbichler!“

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Außer einem seltenen Familiennamen haben sie nur wenige Gemeinsamkeiten – trotzdem haben die Ametsbichlers ein großes Treffen organisiert. Unser Autor ist einer von ihnen und war dabei.

Namensvettern treffen sich

Aschau a. Inn – Der Grottenolm ist ein seltsamer Geselle, und er hat, so komisch es klingt, einiges mit den Menschen gemeinsam, die den Namen Ametsbichler tragen. Der lichtscheue Lurch sitzt in den Höhlen eines kleinen slowenisch-kroatischen Gebirgsstreifens – und nur dort. Es gefällt ihm da, wo er zuhause ist. Und dort bleibt er. Genau wie der Ametsbichler.

Ungefähr 300 davon gibt es auf der Welt. Sie verstecken sich zwar nicht in dunklen Grotten. Doch wenn man einen Umkreis von 50 Kilometern um Ebersberg zieht, erwischt man 95 Prozent der Menschen mit diesem seltenen Namen. Zwar nicht vom Aussterben bedroht, sind die Ametsbichlers doch eine rare, ortstreue Art. Und obwohl sie alle so nah beisammen leben, laufen sie sich fast nie über den Weg.

Höchste Zeit für ein Treffen – wie praktisch, dass es natürlich auch eine Brauerei mit dem Namen Ametsbichler gibt, in Aschau am Inn, Kreis Mühldorf. Dort haben sich am vergangenen Sonntag fast 120 dieser Namensvettern getroffen, die meisten begegneten sich zum ersten Mal. Ausgedacht hat sich das große Ametsbichler-Treffen Ludwig Ametsbichler, 67-jähriger Ex-Finanzmanager aus München. „So eine standorttreue Familie, die nie zusammenkommt, das kann doch nicht sein“, sagt er.

Ametsbichler, das ist ein Name, mit dem man in einer oberbayerischen Grundschule in keinster Weise auffällt. Doch schon bei einer telefonischen Tischreservierung in einem nicht-bayerischen Restaurant merkt der Ametsbichler, dass andere Kulturkreise mit ihm überfordert sind – die missglückten Schreibweisen von Nicht-Bayern, die sich vergeblich an dem Namen abgemüht haben, könnten ein ganzes Buch füllen. Vielleicht sind die Ametsbichlers auch deshalb lieber in der Gegend geblieben.

Unter der Laube vor der Aschauer Brauerei Ametsbichler spendiert der Bräu Georg (55) an diesem Sonntag Freibier – es bleibt ja in der Familie. Sie stehen an rustikalen Holzfass-Tischen beisammen, die Imker, Mechaniker, Manager, Maler, Lehrer, Landwirte, Unternehmer und Journalisten namens Ametsbichler. Viele sind in der Lederhose oder im Dirndl gekommen. Ametsbichler – das klingt ja schon nach Blasmusik, Bier und Tracht.

Für das Treffen haben Ludwig Ametsbichler und sein siebenköpfiges Organisationsteam wochenlang telefoniert und massenweise E-Mails geschrieben. Sogar Anzeigen in der Zeitung haben sie geschaltet – mit Erfolg. Es können nicht viele daheim geblieben sein. „Ametsbichler verpflichtet“, sagt Mitorganisator und Sägewerksbesitzer Franz Ametsbichler (58) mit einem beinahe aristokratischen Schmunzeln.

An diesem Tag sind alle per du. Dabei hilft immer wieder der Blick auf die vorgedruckten Namensschildchen mit dem Vornamen und dem Herkunftsort. „Angenehm, Ametsbichler“, ein Scherz, den an diesem Tag jeder wenigstens einmal zu hören bekommt, manche aber noch viel öfter. Als es dann weiter ins Bierzelt des Aschauer Sommerfests geht, sind sie alle schon untereinander ins Gespräch vertieft. „Was, du bist das! Mit dir werde ich immer verwechselt!“ – wieder eine dieser überraschenden Bekanntschaften, die bei dem Treffen viele machen. Bald klopfen sich an den Biertischen Menschen gegenseitig auf die Schulter, die sich zuvor auf der Straße weder erkannt noch gegrüßt hätten.

„Ich bin mir sicher, dass wir innerhalb der letzten 200 Jahre alle miteinander verwandt sind“, sagt Organisator Ludwig und freut sich sichtlich über die vielen Besucher. Er ist überzeugt, dass die Ametsbichlers nicht nur Namensvettern, sondern eine Familie sind. Und tatsächlich: Viele entdecken im Gespräch einen gemeinsamen Urgroßvater oder Großcousin.

Schade nur, dass kein Ametsbichler mehr in Ametsbichl wohnt. Diesen Namen tragen zwei kleine, nur neun Kilometer voneinander entfernte Weiler im Landkreis Rosenheim. Die Hobby-Ahnenforscher unter den Ametsbichlers sind überzeugt, dass sie die Keimzellen der Familie sind.

Einer, der nicht zu dem Treffen gekommen ist, ist Christoph Ametsbichler, Weltenbummler, Sonderexemplar. Bis in die Arktis hat es den 29-Jährigen schon verschlagen, darüber hat er sogar ein Buch verfasst: „Discover Ametsbichl“. Darin schreibt er davon, wie er in der Eiswüste beinahe einen Berg nach seinem Familiennamen benannt hätte – und ahnt sogar das Ametsbichler-Treffen voraus: „In meiner Fantasie kann ich die kleine Kommune der Ametsbichlers auf ihrem Treffen im Gasthof Ametsbichler sehen, wie sie stolz einem der zahlreichen preußischen Touristen erzählen, dass es sogar einen Berg nach unserer Sippschaft benannt gäbe.“ Der Berg bekam schließlich einen anderen Namen – die Geschichte erzählt Radiosprecher Stephan Ametsbichler (55), der das Treffen moderiert, aber trotzdem. Die weiteste Anreise hat am Ende Josef Ametsbichler (60), Grundschulleiter und Autor, hinter sich. Bis aus Berchtesgaden waren es immerhin 100 Kilometer.

Bleibt die Frage nach der Herkunft des seltenen Nachnamens. Die wahrscheinlichste Deutung ist, dass der Ortsname Ametsbichl, auf den der Familienname zurückgeht, soviel wie „Nachmahd-Hügel“ bedeutet, ein fruchtbarer Fleck also, auf dem früher zweimal im Jahr Heu geerntet werden konnte. Die kuriosere Interpretation aber ist die, dass in der Silbe „Amets“ die Ameise steckt, der Ametsbichl also ein Ameisenhügel ist. Kein Einspruch von den Anwesenden: Urteilt man nach den vielen vertretenen Berufen, so sind diese Ametsbichlers ein wirklich ameisenfleißiger Haufen, viel aktiver als die Grottenolme. Ein Freund der Familie hat einmal über sie gesagt: „Es gibt drei Arten von Leuten: solche, andere und die Ametsbichlers.“ Und damit hat er so was von recht.

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