„Als wäre es wieder 1933“

Ruth Meros ist als jüdisches Mädchen in München aufgewachsen. Sie hat während des Holocausts Anfeindungen und Demütigungen ertragen – und nur mit viel Glück überlebt.

Seit einigen Tagen hat sie wieder Angst. Seit bei Demonstrationen gegen den Gaza-Krieg wieder antisemitische Hassparolen gerufen wurden.

Eine Zeitzeugin berichtet

Ruth Meros ist als jüdisches Mädchen in München aufgewachsen. Sie hat während des Holocausts Anfeindungen und Demütigungen ertragen – und nur mit viel Glück überlebt. Seit einigen Tagen hat sie wieder Angst. Seit bei Demonstrationen gegen den Gaza-Krieg wieder antisemitische Hassparolen gerufen wurden.

Von Katrin Woitsch

München/Dachau – Ruth Meros hat gelernt, Demütigungen zu ertragen. Aber das Vergessen fällt ihr sogar mit 92 Jahren noch schwer. Es gibt viele schlimme Erinnerungen, die sie durch ihr Leben begleitet haben. Mit einer kämpft sie beinahe täglich – vielleicht, weil ihr vor so vielen Jahren der Mut zum Kämpfen fehlte.

Es ist 1933, sie ist ein junges Mädchen, gerade elf Jahre alt – und sie hat längst gelernt, was Ausgrenzung bedeutet. Ruth ist das einzige jüdische Mädchen in der ganzen Schule. Nachbarn grüßen plötzlich nicht mehr, ihre Mitschüler meiden sie, ihre Lehrer diskriminieren sie. Sie darf bei Ausflügen nicht mit, darf nicht Schachspielen lernen, hat nicht eine Freundin. Das Mädchen, das in der Klasse vor ihr sitzt, malt im Unterricht ein Schwein auf ein Blatt Papier. Bevor sie den Zettel langsam über den Tisch schiebt, so dass Ruth Meros ihn nicht mehr übersehen kann, schreibt sie „Judensau“ darauf. Ruth Meros schaut weg, es ist eine Beleidigung mehr, die sie ignoriert. Sie denkt seit 81 Jahren darüber nach, warum sie sich nicht getraut hat, etwas dazu zu sagen. „Ich habe mir damals ein Schneckenhaus zugelegt“, sagt sie. Ein dünnes Schutzschild gegen alle Anfeindungen.

Ruth Meros hat als Kind zwei verschiedene München kennengelernt. Ein behütetes, in dem sie mit anderen Kindern an der Isar spielte, in dem sie jeden Samstagvormittag mit ihrer Mutter die Synagoge besuchte, in dem sie Freunde hatte. Und das München nach 1933 – als sie plötzlich nur noch Jüdin war. Sie stand als 16-Jährige in der Reichspogromnacht vor der alten Ohel-Jakob-Synagoge und musste zusehen, wie sie abbrannte. Menschen lachten, Feuerwehrmänner standen davor und taten nichts. Zwei Tage später wurde ihr Vater abgeholt und ins Konzentrationslager Dachau gebracht.

An dem Ort, an dem er damals Freunde und Verwandte sterben sah und selbst unsagbares Leid ertragen musste, sitzt Ruth Meros heute und berichtet davon, wie es sich anfühlte, als Jüdin im Nazi-Deutschland aufzuwachsen. Einige junge Mädchen sind unter ihren Zuhörern, sie sind genauso alt, wie Ruth Meros damals. Die 92-Jährige ahnt, wie weit entfernt sich der Holocaust für die jungen Menschen anfühlt. Sie ist heute nicht nur hierher gekommen, um vom Nationalsozialismus zu berichten, von der Flucht nach Palästina und davon, wie sie in den 60er-Jahren mit ihrem Mann wieder nach Deutschland zurückkehrte. Ruth Meros spricht heute auch als Zeitzeugin in der Gedenkstätte, weil sie seit Tagen schlecht schläft. Seit bei Demonstrationen gegen den Gaza-Krieg wieder antisemitische Parolen wie „Jude, Jude, feiges Schwein“ und „Juden ins Gas“ geschrieen werden. Seitdem hat Ruth Meros wieder Alpträume. Seitdem fühlt es sich für sie manchmal wieder an, als wäre es 1933.

Nur dass Ruth Meros sich heute nicht mehr in ein Schneckenhaus zurückziehen will. Heute hat sie etwas zu sagen. Etwas, das ihr so wichtig ist, dass sie es für das Zeitzeugengespräch aufgeschrieben hat. „Als Holocaustüberlebende ist es schwer, diese Tage durchzustehen“, liest sie vor. „Viele Menschen verurteilen Juden und Israelis, ohne je mit einem jüdischen Menschen gesprochen zu haben.“ Ruth Meros hatte nicht damit gerechnet, noch einmal auf offener Straße derartige Hassparolen zu hören. „Ich liebe München“, sagt die 92-Jährige. „Aber ich habe wieder Angst.“

Es gab viele Tage in ihrem Leben, an denen sie über das Mädchen nachgedacht hat, das damals „Judensau“ auf den Zettel geschrieben hatte. „Sie wusste nicht, was sie damit tat“, glaubt Ruth Meros heute. „Sie ist aufgehetzt und mitgerissen worden und hat den Judenhass nie hinterfragt.“ Daran hat die 92-Jährige gedacht, als sie sich überlegte, was sie bei dem Gespräch in der Gedenkstätte sagen will. Die Worte, die Ruth Meros heute auf ihrem Zettel stehen hatte, sind die Worte, für die ihr als Elfjährige der Mut fehlte. Heute traut sich nicht mehr wegzuschauen.

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