DER FRÜHERE SCHULLEITER CHRISTIAN MAREK ÜBER DIE HERAUSFORDERUNGEN SEINES BERUFS UND WO ES NOCH BESONDERS HAKT

„Als Lehrer braucht man starke Nerven“

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Christian Marek lässt sich gerne auf Neues ein – und liebt die Kunst: Er spielt seit mehr als 40 Jahren Bratsche. Kulturelle Erziehung lag ihm schon immer am Herzen. foto: KLAUS Haag

Das Wochenend-interview. Als einer der aktivsten und innovativsten Lehrer der vergangenen Jahrzehnte ist Christian Marek (65) gerade von der Stadt mit der Kerschensteiner Medaille ausgezeichnet worden.

Der frühere Rektor der Grundschule an der Oselstraße beschritt gerne neue Wege: Er holte Künstler, Sportler und andere Experten für Projekte an seine Schule, integrierte als erster in München Kinder mit Handicap in Regelklassen und setzte sich zudem lange für die Belange seiner Berufskollegen ein, unter anderem als Vorsitzender des Münchner Lehrerinnen- und Lehrerverbands.

-Würden Sie heute noch jemandem empfehlen, Lehrer zu werden?

Ja. Aber man muss sehr genau prüfen, warum man Lehrer werden will.

-Warum wollten Sie es?

Ich wollte immer mit Kindern arbeiten. Und habe es spannend gefunden, dort, wo man selbst Schüler war, mal auf die andere Seite zu wechseln.

-Was muss man für diesen Beruf mitbringen?

Sehr starke Nerven. Man muss Kinder auch dann mögen, wenn sie in eine Richtung laufen, die einem gerade nicht gefällt. Und man muss unterscheiden können zwischen dem Kind oder Jugendlichen als Mensch und dem Schüler.

-Inwiefern?

Wir leben in einer sehr leistungsorientierten Gesellschaft. Da geht oft verloren, dass man die Signale eines jungen Menschen erkennt, die seine Person ausmachen.

-Oft fehlt dafür Zeit.

Zeit fehlt immer. Aber ich glaube, es ist ein Geschick von Lehrern, sich trotzdem Zeit zu nehmen, den Mut zu haben, nicht jedes Lernziel bis ins Letzte zu bearbeiten, sondern sich an der Situation der einzelnen Kinder zu orientieren.

-Burnout ist bei Lehrern keine Seltenheit.

Das hat auch damit zu tun, dass Lehrer lange Zeit Einzelkämpfer waren und Probleme für sich behalten haben. Jemand, der gut in Kollegium und Familie eingebunden ist, ist weniger gefährdet. Grundsätzlich birgt es ein Frustpotenzial, dass man als Lehrer jeden Tag 100 Prozent gefordert ist, aber nicht immer 100 Prozent geben kann. Das Selbstbewusstsein, dass manchmal eben auch 80 Prozent reichen müssen, ist sehr wichtig.

-Sind Lehrer heute immer noch Einzelkämpfer?

Es gibt nicht mehr diese strengen Hierarchien wie früher. Man kann jetzt zu seinem Schulleiter gehen, wenn man mit etwas nicht fertig wird. Wichtig ist, als Schulleiter dafür ein offenes Ohr zu haben. Grundsätzlich müsste es mehr Raum für die Lehrer geben. Es gibt immer noch so kleine Lehrerzimmer, wenn da Tiere drin wären, würde der Tierschutz wohl Alarm schlagen.

-Aber Lehrer gehen doch mittags nach Hause.

Ja, das ist eine weitverbreitete Meinung. Aber das hat sich verändert. An meiner alten Schule gibt es Jahrgangsstufenteams, die gemeinsam vorbereiten und korrigieren, sich über Schüler austauschen. Wenn man da zu fünft an einem Schreibtisch arbeiten muss, macht das wenig Spaß.

-Eine andere Meinung: Lehrer haben’s gut, weil sie so viele Ferien haben.

Es gab eine Untersuchung, dass der durchschnittliche Lehrer 52 Stunden pro Woche arbeitet. Wenn man die Differenz von der 40-Stunden-Woche von den Ferien abzieht, bleibt dem Lehrer auch nicht mehr Urlaub.

-Sie waren 40 Jahre Lehrer. Was waren die größten Veränderungen?

Die Klassen sind zum Glück etwas kleiner geworden. Zudem gibt es eine mobile Lehrerreserve – man darf als Lehrer mal krank sein. Auch wenn die Reserve lange nicht ausreicht. Außerdem geht man individueller auf die Kinder ein. Man hat verstanden, dass ein Programm nicht für die ganze Klasse gleich sein darf. Was wiederum mehr Arbeit bedeutet. Auch die jungen Menschen sind anders geworden, leichter ablenkbar, von den Medien verwöhnt oder verbildet oder einem sozialen Milieu ausgesetzt, mit dem sie schwer zu kämpfen haben.

-Klingt herausfordernd.

Leider ist die Leistungsorientierung übermächtig geworden. Jeder will oder muss individuell immer der Beste sein.

-Wollen das die Kinder oder die Eltern?

Die Gesellschaft lebt das so vor. Deshalb stehen Eltern unter Druck. Den geben sie an ihre Kinder weiter und vergessen oft, diese genau zu beobachten. Von einem Kind werden dann Dinge gefordert, die einfach nicht in ihm drin stecken. Und andere Ressourcen, etwa eine musische Begabung, gehen verloren, weil man sich an einer möglichst gymnasialen Schullaufbahn orientiert.

-Bekommen deshalb Kinder so oft Nachhilfe?

Das ist ein Wahnsinn. Da werden Millionen ausgegeben. Der Druck, der ab der dritten Klasse auf den Kindern lastet, hemmt deren Leistungsfähigkeit. Die könnten vermutlich oft besser sein, wenn sie nicht ständig „ich muss“ im Kopf haben, sondern „ich kann“. Da sind Lehrer in der Zwickmühle. Die wollen auch den Eltern nicht sagen müssen, das funktioniert so nicht. Es wäre richtig, deutlich zu sagen, dass die Mittel- oder Realschule besser wäre als das Gymnasium. Zumal das Schulsystem durchlässiger geworden ist. Wenn man mehrere Schultypen hintereinander besucht oder mal ein Jahr verliert, mögen das einige als Umweg sehen – aber das Leben besteht auch aus Umwegen.

-Wenn Sie von individueller Förderung sprechen, denkt man an Schultypen wie die Waldorf-Schule.

Dass wir uns von privaten Schulen einiges abschauen können – und schon haben – steht außer Zweifel. Aber ich glaube schon, dass die Regelschule die Gesellschaft genauer widerspiegelt. Und wenn ich mir anschaue, was gerade an Mittelschulen in Sachen Integration geleistet wird, muss ich sagen: Hut ab vor den Kollegen.

-Wer ist schlimmer: Schüler oder Eltern?

Wenn ein Schüler schlimm ist, wünsche ich mir, dass er keine schlimmen Eltern hat (lacht). Ich glaube, wenn man sich Zeit nimmt, mit Eltern zu Ende zu diskutieren, kann man vieles retten. Ist das Vertrauen erst mal verloren, gibt es auch harte Auseinandersetzungen. Soweit, dass Eltern versuchen, mit juristischer Unterstützung ihren Willen – oder eine bessere Note – durchzusetzen. Eine traurige Entwicklung.

-Gab’s das früher nicht?

Nein. Da hieß es: Das, was der Lehrer macht, ist schon richtig. Das hat sich total verändert. Alles wird zuhause hinterfragt. Die Mitsprache der Eltern hat durchaus ihre Berechtigung. Dieses Miteinander ist auf gegenseitiges Vertrauen angewiesen, aber oft herrscht eine Stimmung des Misstrauens. Das ist nicht gut.

-Sie haben viele innovative Projekte umgesetzt. Warum verharren einige Kollegen in alten Mustern?

Zum Teil stammt das sicher noch aus der Einzelkämpfer-Zeit. Dann macht man es eben so wie schon immer. Manche bleiben – trotz vieler Fortbildungen – starr. Eltern ihrerseits sollten aufpassen, nicht zusammen mit den Kindern über die „schlimme Frau Meier“ zu schimpfen. Dann wird die Frau Meier nämlich gefühlt noch schlimmer. Man sollte als Eltern eher versuchen, der Frau Meier mal eine positive Rückmeldung zu geben. Das ist sie vielleicht nicht gewohnt. Und dann kann sie sich auch öffnen. Richtige Kommunikation ist sehr wichtig, von beiden Seiten.

-Auch Richtung Eltern.

Absolut. Das ist meine große Kritik an der Lehrerausbildung. Die professionelle Kommunikation mit Erwachsenen steht viel zu wenig im Fokus..

-Wie sieht es bei einer Ihrer Herzensangelegenheiten aus, der Inklusion?

Das Thema wurde politisch zu Recht priorisiert und steht jetzt am Scheideweg. Das Dranbleiben und Herstellen der Ressourcen ... naja (zieht die Augenbrauen hoch). Guter Wille allein reicht nicht, um Überzeugendes zu etablieren.

-Was halten Sie vom diesjährigen Schwerpunktthema „Digitalisierung“?

Digitalisierung und die virtuelle Welt kommen mir vor wie Zwillinge. Wenn wir die wirkliche Welt erleben und einigermaßen verstehen, wird die Digitalisierung ein tolles Hilfsmittel sein. Wenn die digitalen Medien uns und besonders die jungen Menschen aber in einer virtuellen Welt gefangen halten, sehe ich größte gesellschaftliche Gefahren voraus.

-Welches Thema sehen Sie als Schwerpunkt?

Kulturelle Erziehung. Dass man alles, was in Kunst, Musik und Theater steckt, gleichwertig in die Grundbildung einbindet. Ich habe das Gefühl, dass ein Kind, das gut Fußball spielt, noch Anerkennung findet. Auch, wenn es anderen intellektuell nicht das Wasser reichen kann. Jemand, der ein Formgefühl fürs Töpfern hat, bekommt diese Anerkennung nicht. Warum haben wir Angst, dass Zeit verloren geht, wenn die Kinder jeden Tag eine Stunde Kunst oder Musik haben? Oder wenn man Künstler in die Schule einlädt, die aus ihrem Leben erzählt. Es ist eine große Aufgabe, die Neugier der Kinder am Leben zu erhalten und ihre Fähigkeiten zu fördern.

-Gibt es einen Unterschied zwischen städtischer und Landesschulpolitik?

Schon vor vielen Jahren, als Vorsitzender des Münchner Lehrerverbands, habe ich gesagt, ich würde mir mobile Schulräume wünschen. Da wurde ich belächelt. Heute steht an jeder Schule ein Container. Die Stadt hat verstanden, dass was passieren muss. Doch die Verantwortlichen laufen einem Defizit hinterher. Zum Glück zieht sich die Stadt nicht nur auf den Sachaufwand zurück, der ersetzt werden muss. Sie hat mit freiwilligen Leistungen einiges draufgelegt. Bei der Landespolitik spreche ich niemandem den guten Willen ab. Aber ich wünsche mir durchdachte Reformen nach gründlicher Erprobung, weniger asthmatische, vielleicht medienwirksame Reformhektik.

Interview: Doris Richter

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