Ärger auf dem Kutschbock

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Auf dieser Kreuzung im Englischen Garten wurde Kutscher Hans Holzmann beinahe von einem Bus gerammt. Foto: Bodmer

Seit Jahrzehnten ist Hans Holzmann mit seinen Pferden in der Stadt unterwegs. Nun hat der Kutscher ein Problem: Gegen ihn liegt eine Anzeige wegen fahrlässiger Körperverletzung und Fahrerflucht vor. Sein Anwalt kämpft darum, dass das Verfahren eingestellt wird.

Englischer Garten  

Seit Jahrzehnten ist Hans Holzmann mit seinen Pferden in der Stadt unterwegs. Nun hat der Kutscher ein Problem: Gegen ihn liegt eine Anzeige wegen fahrlässiger Körperverletzung und Fahrerflucht vor. Sein Anwalt kämpft darum, dass das Verfahren eingestellt wird.

von sven rieber

Ob für Western-Filme, für Touristen oder Hochzeits-Paare – seit 1965 klettert Hans Holzmann zu den unterschiedlichsten Anlässen auf den Kutschbock. 30 Mal schon hat er den jeweiligen Bayerischen Ministerpräsidenten mit seiner Ehrenkutsche beim Wiesn-Umzug zum Oktoberfest chauffiert. Die meisten Münchner kennen ihn jedoch aus dem Englischen Garten. Täglich stehen er, seine Frau Susanne und seine Mitarbeiter mit ihren Gespannen am Chinesischen Turm und bieten Spazierfahrten im Park an – egal, ob die Sonne brennt oder Schnee liegt.

So auch am 8. Dezember des vergangenen Jahres, einem Samstag. Längst ist es dunkel, als sich Holzmann mit einem Doppelspänner auf den Weg vom Englischen Garten zurück zu seinem Stall an der Schwere-Reiter-Straße im westlichen Schwabing macht. Gegen 19.15 Uhr biegt er mit seiner Kutsche nach links auf die geteerte Durchfahrtsstraße ab, auf der auch MVG-Busse den Englischen Garten queren. Tausende Male ist der 62-Jährige hier schon abgebogen, doch dieses Mal kommen sich er und ein MVG-Bus in die Quere. Der Kutscher sagt, der Bus sei zu schnell unterwegs gewesen, dessen Fahrer sieht den Fehler wiederum bei Holzmann. Der Busfahrer zieht auf die linke Fahrbahnseite, zu einem Zusammenstoß kommt es nicht – anschließend teilen sich die beiden Männer lautstark ihre jeweilige Sichtweise mit.

Dabei sind sie so in ihren Streit vertieft, dass sie erst nach einer gewissen Zeit einen Mann bemerken, der im Gesicht blutend am Fahrbahnrand sitzt. Dieser sagt später aus, dass er sich auf seinem Fahrrad durch den ausweichenden Bus derart erschreckt hat, dass er gegen den Bordstein gefahren und gestürzt ist. Die Folgen: Schrammen im Gesicht, ein gestauchtes Nasenbein, ein ausgeschlagener Zahn.

Gemeinsam schauen Holzmanns Frau, die ebenfalls auf der Kutsche sitzt, und der Busfahrer nach dem Verletzten. Der Rettungsdienst wird gerufen. Holzmann selbst bleibt bei seinen Schimmeln. „Ich hatte ein relativ junges Pferd eingespannt, das unruhig war.“ Als der Sanka kam, habe der Verletzte den Fuhrunternehmern laut gesagt, dass sie fahren können. Das taten sie dann auch. In den folgenden Tagen wurde Holzmann zunächst als Zeuge vernommen – doch dann folgte der Schreck. Gegen ihn wurde ein Ermittlungsverfahren wegenen fahrlässiger Körperverletzung und Fahrerflucht eröffnet.

Der 62-Jährige versteht die Welt nicht mehr und schaltet seinen Anwalt Lutz Libbertz ein, der eine Einstellung des Verfahrens erreichen will: „Jeder Busfahrer weiß, dass unser Mandant als Fiaker-Fahrer dort unterwegs ist. Wir werden gutachterlich nachweisen, dass der Busfahrer zu schnell gefahren ist und nicht berücksichtigt hat, dass Pferde scheuen können“, sagt Libbertz. „Selbstverständlich werden wir die Einstellung des Verfahrens beantragen.“ Die MVG wollte auf Anfrage unserer Zeitung keine Erklärung zu dem Fall abgeben. „Das ist ein laufendes Verfahren, weshalb wir uns hierzu nicht äußern möchten“, so ein Sprecher. Nach Angaben der Münchner Staatsanwaltschaft läuft aber auch gegen den Busfahrer ein Verfahren wegen fahrlässiger Körperverletzung. „Die Ermittlungen dauern noch an“, bestätigt ein Behörden-Sprecher.

Das Kutscherei-Unternehmen, das Holzmann heute leitet, hat eine lange Tradition. Schon 1945 wurde es von der Münchnerin Thea Pfeffer gegründet. „Sie führte es mit großer Leidenschaft und saß noch in hohem Alter selbst auf dem Kutschbock“, erzählt Holzmann. „Ich selbst habe ihr schon als Bub beim Versorgen der Pferde geholfen und bei ihr den Umgang mit Geschirr und Leinen gelernt.“ Mit 15 Jahren lenkte Holzmann erstmals selbstständig für Thea Pfeffer Hochzeitskutschen durch München. 1965 wurde er als fester Lohnkutscher von ihr angestellt und übernahm schließlich 1989 die Kutscherei.

Sechs Schimmel und 16 Kutschen nennt Holzmann heute sein Eigen. Seine Frau Susanne, eine gelernte Sattlerin, kümmert sich um die historischen Droschken und Pferdegeschirre. „Und um unsere Zylinderhut-Sammlung – wir halten alles selbst instand.“ Im Fahrbetrieb unterstützen eine festangestellte Kutscherin und bei besonders viel Nachfrage mehrere Aushilfskutscher das Ehepaar. „Wir haben als einzige Kutscherei in München seit Jahrzehnten die exklusive Lizenz, im Englischen Garten zu fahren“, sagt Holzmann stolz. Daran, so sind sich Holzmann und sein Anwalt sicher, wird sich auch ob des aktuellen Ärgers nichts ändern.

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